Eine Grundfrage, der sich die Erwachsenenbildung stellt
Ist Glaube vernünftig?
Von Privatdozentin Dr. Johanna Rahner, Freiburg i. Br.
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In aller Erwachsenenbildung, besonders deutlich in der Akademiearbeit, geht es immer auch um die Begegnung des Glaubens mit dem Denken. Am Verhältnis von beidem entscheidet sich wesentlich, welchen Platz der Glaube in unserer modernen Welt findet. Privatdozentin für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg i. Br., Dr. Johanna Rahner, legt dar, warum Glaube und Vernunft sich nicht so fremd sind, wie sich das heute vielfach darstellt. „Der Glaube, dem die Vernunft fehlt, hat Empfindung und Erfahrung betont und steht damit in Gefahr, kein universales Angebot mehr zu sein. Es ist illusorisch zu meinen, angesichts einer schwachen Vernunft besitze der Glaube größere Überzeugungskraft; im Gegenteil, er gerät in die ernsthafte Gefahr, auf Mythos bzw. Aberglaube verkürzt zu werden" – das formuliert kein anderer als Papst Johannes Paul II. (Enzyklika „Fides et ratio" Nr. 65) und erinnert damit die Theologie an eine selbst in kirchlichen Kreisen allzu gern verdrängte Aufgabe, nämlich Glaube und Denken zusammenzubringen. Zwei Modelle im Neuen Testament: Paulus und Johannes „Glaube", wie wir ihn heute verstehen, versucht zwei Dinge miteinander zu verbinden: das Sich-uns-Mitteilen Gottes und die menschliche Antwort darauf. Ein Kernpunkt christlichen Glaubens ist daher stets das Nachdenken über die Verkündigungsmöglichkeiten der christlichen Botschaft. Soll die Botschaft ankommen, muss sie auch verstanden werden. Schon im Neuen Testament ringen zwei Modelle miteinander. Das eine stammt von dem „Anpassungskünstler" des Urchristentums schlechthin: Paulus. Er, der um des Evangeliums willen den Juden ein Jude, den Heiden ein Heide, ja am liebsten allen alles werden will (vgl. 1. Kor 9,20-22), setzt hier auf Konfrontation, d.h. auf den grundsätzlichen Widerspruch der Botschaft vom Kreuz zur Welt (vgl. 1. Kor 1,18). Er weist jeden Versuch zurück, das Christusereignis der Weltweisheit anpassen zu wollen. Ein anderer biblischer Schriftsteller ist da welt-optimistischer: „Im Anfang war das Wort" (griechisch: der „Logos") – mit diesem schlichten Satz stellt Johannes seine Botschaft in den gesamten Horizont des damaligen Denkens hinein. „Logos" – das ist der Leitbegriff der Philosophen seiner Zeit. Unter das Niveau ihres Denkens darf die Christusbotschaft nicht sinken, sondern hier muss sie „Rede und Antwort stehen". Diesem Anliegen schließt sich die früheste Form des Nachdenkens über den Glauben außerhalb der Schriften des Neuen Testaments an. Sie findet sich bei jenen Theologen, die sich selbst als „Apologeten" d.h. Verteidiger des christlichen Glaubens vor der heidnischen Umwelt verstehen. Als Berufungsinstanz wählen sie die Philosophie, denn diese ist für sie die allen gottesfürchtigen und vernunftbegabten Menschen von Gott gegebene Kraft menschlichen Denkens. Christliche Theologie ist nicht nur die „bessere Theologie", sondern auch die bessere Philosophie. Das Christentum ist daher wie das Judentum von Anfang an von einer offenen Beziehung zwischen theologischer Wahrheit und Wahrheit der Welt, zwischen Glauben und Denken geprägt. Das jüdisch-christliche Glaubensverständnis ist ein ganzheitliches; es umfasst Verstand und Herz, Geist und Seele. Das Zwei-Stockwerke-Denken des Mittelalters Lange Zeit bleibt diese Harmonie zwischen Glauben und Denken innerhalb der Theologie unhinterfragt. Erst im Mittelalter werden Verschiebungen spürbar. Es ist eine Zeit, in der Bildung hochgeschätzt wird und sich zum eigenständigen gesellschaftlichen Wertemaßstab entwickelt. Man sucht nach allerlei Wissenswertem auch außerhalb der Grenzen von Theologie und Glaube; und das wird insbesondere in den aufblühenden „Kathedralschulen" und ihrem „klassischen" Bildungsprogramm vermittelt. Im Verlauf der weiteren Entwicklung nimmt ebenfalls die Wiederentdeckung antiker Philosophien Einfluss auf das Verhältnis Glaube und Denken. Eine von der Theologie unabhängige Methode des Denkens gewinnt Gestalt. Zwei entgegengesetzte Verhältnisbestimmungen sind die Folge. Beginnen wir mit der durchsetzungsfähigsten. Sie ist darum so wirkungsvoll, weil sich das theologische Gefüge im 12. und 13. Jahrhundert entscheidend verändert. Es ist geprägt von einem umfassenden Austausch der drei großen Offenbarungsreligionen – Christentum, Judentum und Islam. Der Dialog der Religionen ist also alles andere als ein modernes Phänomen! Dieser Dialog bleibt nicht ohne Folgen für das Selbstverständnis des christlichen Glaubens. So entwickelt sich recht schnell die Idee einer Theologie auf zwei „Stockwerken": einer ersten, allen vernunftbegabten Menschen zugänglichen „Etage des Denkens" und einer zweiten „Glaubensetage". Über dem, was jeder Mensch erkennen und nachvollziehen kann, entsteht ein geradezu „übernatürlicher", in sich abgeschlossener Binnenbereich des Glaubens. Der biblische Grundzug eines ganzheitlichen Verständnisses von Glauben und Denken geht verloren. |
Das Sich-Mitteilen Gottes wird nicht mehr verstanden als eine Herz und Verstand, Leib und Seele umfassende persönliche Anrede des Menschen, sondern verkürzt sich zu einer Enthüllung von göttlichen Lehren. Glaube verkommt zum Für-wahr-Halten von Glaubenslehren und Moralvorschriften jenseits aller Möglichkeiten menschlichen Denkens. Kein Wunder, dass sich im Laufe der Zeit eine vom Glauben völlig losgelöste menschliche Vernunft, ja ein im umfassenden Sinn „säkulares" Weltbild entwickelt. Dieses isoliert schrittweise Glaube und Denken vollständig voneinander. Eine solche Trennung führt seit dem Zeitalter der Aufklärung zu einer geradezu feindschaftlichen Abwertung einer gläubigen Weltdeutung. Der Preis, den der Glaube hier zahlt, ist unnötig hoch. Denn die Selbstständigkeit menschlichen Denkens gegenüber dem Glauben ist vom christlichen Glauben aus viel positiver zu bewerten, als dies auf den ersten Blick den Anschein hat. Gerade der christliche Glaube führt zum Denken Die jüdisch-christliche Überlieferung entwickelt eine Grundbestimmung des Verhältnisses von Welt und Gott, das die Welt bewusst „entzaubert". Sonne, Mond und Gestirne sind, wie es die Schöpfungsgeschichte anschaulich ausmalt, nichts anderes als von Gott gesetzte „Leuchten" am himmlischen Firmament. Das bedeutet: Gott ist Gott und die Welt bleibt Welt! Das ist der theologisch entscheidende Grund dafür, dass diese „Leuchten", sobald die denkerischen und technischen Mittel dazu vorhanden sind, zu Objekten des natürlichen, besser naturwissenschaftlichen Interesses des Menschen werden können. Diese Entzauberung der Mächte und Gewalten ist innere Konsequenz der jüdisch-christlichen Tradition. Ja, die Befreiung von falschen Mächten und Gewalten, derer sich der Mensch allzu gern zu eigenen Zwecken bedient, ist ein Grundanliegen unseres Glaubens. Dieser realistische Blick auf die Welt ist nämlich nur einem Glauben möglich, der sich zu einem Gott bekennt, der die Freiheit und den Eigenstand seiner Schöpfung wirklich will und daher auch zulässt. Unser Glaube steht also nicht im Gegensatz zu einer „Verweltlichung" von Welt, vielmehr bedingt er sie. Daher ist es gerade die jüdisch-christliche Tradition, die sich – im Gegensatz zu anderen religiösen Traditionen – mit den Folgen der Moderne gut arrangieren kann. Das Wesen des Menschen sagt etwas über Gott Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wendet sich das Blatt in der Theologie. Sie öffnet sich wieder der Frage nach einer Vermittlung von Denken und Glauben. Die Fragen nach Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit des Sich-Mitteilens Gottes – so die Grundthese – beantworten sich gerade auch als Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit für den Menschen. Warum ist das so? Jedem Gehorchenmüssen des Menschen auf eine Anrede Gottes muss ein Horchen-, d.h. Hören-Können des Menschen notwendig vorausgehen. Das Sich-Mitteilen Gottes kann nur dort wirklich ankommen, wo es auf ein auf ihn gerichtetes „Ohr" des Menschen trifft, so beschreibt dies z. B. Karl Rahner. Mit einer solchen Orientierung am modernen Selbstverständnis des Menschen biedert sich Glaube nicht einfach an den Zeitgeist an. Im Gegenteil! Er erweist sich als Erbe sowohl der kritischen Skepsis eines Paulus wie des Optimismus‘ eines Johannes. Denn gerade das durch Aufklärung und Säkularisierung geprägte Welt- und Selbstverständnis wird dem biblischen Maßstab der Befreiung von Mächten und Gewalten unterworfen. Hier kann der Glaube auch dem aufgeklärten menschlichen Denken dazu verhelfen, der eigenen Verführbarkeit durch selbstgemachte Götzen gegenüber skeptisch zu sein. Der menschlichen Vernunft wird durch den Glauben daher bleibend der Stachel der Selbstkritik eingepflanzt. Im kritischen Miteinander wachsen Glaube und Denken Eine zeitnahe und zugleich zeitkritische Theologie greift dabei auf jene zweite mittelalterlicher Denkalternative zurück, die lange Zeit unter den Trümmern eines fehlgeleiteten Verständnisses von Glaube und Denken verschüttet war. Hier wird dem Glauben eine menschliche Vernunft als Maßstab und Hilfe zur Seite gestellt. Diese Vernunft wird durch den Glauben zu ihren vollen Möglichkeiten befreit. Alles, was geglaubt wird, ist nun dazu befähigt, vernunfteinsichtige Gründe zu benennen. Diese Fähigkeit der Vernunft ist aber das Ergebnis einer Befreiung der Vernunft von dem, was theologisch „Sünde" heißt: sich mit weniger als der ganzen Wahrheit zufrieden zu geben. Eine die eigenen Bedingtheiten, Abhängigkeiten und Verführbarkeiten selbstkritisch wahrnehmende Vernunft wird daher der Befreiungs-These des Glaubens nicht von vornherein ablehnend gegenüberstehen. Und der Glaube wird angesichts dieser göttlichen Befähigung des Denkens sich nicht scheuen, vor den Prüfstand dieses Denkens zu treten. Denn der Glaube weiß, dass diese Rechenschaftsabgabe eine Aufgabe ist, die ihn gerade als Gottes Gabe immer wieder zu sich selbst herausfordert. Für einen solchen Glauben gibt es keinen Widerspruch zum Denken. Für ihn sind „Aufklärung" und „Säkularisierung" keine Gegner, sondern die, wenn auch nicht alleinigen, so doch legitimen Erben der eigenen jüdisch-christlichen Tradition. |
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