Ziel der Betriebsseelsorge:

Entängstigung

Von Paul Schobel, Stuttgart

Pfarrer Paul Schobel gehört zu den Betriebsseelsorgern der ersten Stunde in der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Von 1973 bis 1993 übte er diesen Dienst im Raum Böblingen/Sindelfingen aus, seither ist er Leiter der Betriebsseelsorge in der Diözese.

Unheile Arbeitswelt
Ein Gespenst spukt in den Betrieben.... Es ist die nackte Angst um´s Überleben. Mit eisernen Besen fegen teure Beraterfirmen durch die Hallen, dünnen Belegschaften aus und verhackstücken ganze Unternehmen bis zur Unkenntlichkeit. Unternehmerisches Handeln wird im „Turbo-Kapitalismus“ von heute nur noch von einem Stellrad aus bestimmt, der Kapitalrendite, „shareholder value“ auf neudeutsch. Massenhaft wird Arbeit auf dem Planeten hin und her geschoben, ausgelagert in Billiglohnländer und letztlich ganz weggekegelt. Wo man sie noch braucht, gibt´s Druck auf Löhne und Sozialleistungen, wird die Leistungsschraube bis zum Bersten zugedreht, Arbeit ohne Maß. 
Diese grobe Skizze zeichnet eine unheile Arbeitswelt. Jedoch – wer noch drin ist, preist sich glückselig jenen gegenüber, die es schon aus der rasenden Zentrifuge ins Abseits der Erwerbslosigkeit hinausgeschleudert hat. Ungebremst stürzen zuvor Kleinverdienende, zumeist Frauen, in die Armut. Alle aber fühlen sich unnütz und ausgegrenzt und geraten nun durch neue gesetzgeberische Maßnahmen noch mehr unter Druck. 
„Entängstigung“ ist Kennzeichen der biblischen Botschaft. Nichts anderes setzt sich die Betriebsseelsorge zum Ziel. Dabei orientieren wir uns an drei biblischen Wegmarken: 

Solidarische Kirche 
Eine der wichtigsten Erfahrungen der Arbeiterschaft ist die Solidarität. Sie verknüpfen wir mit der Solidarität Gottes zu den Menschen. Jahwe führt sein Volk heraus aus der Arbeitssklaverei, er zerschlägt unterdrückerische Strukturen. Und Jesus Christus hat seine Gottgleichheit abgelegt und wurde Mensch unter Menschen. 
Betriebsseelsorger suchen Nähe und Solidarität und tauchen daher immer wieder selber als an- und ungelernte Arbeitskräfte in die Arbeitswelt ein, schaffen an Verpackungsstraßen, Produktionslinien und Fließbändern, im Call-Center, als Leiharbeitnehmer und als Fern- oder Busfahrer. Über regelmäßige Betriebsbesuche kommen wir in Kontakt mit Betriebs- und Personalräten, Belegschaftsmitgliedern und Führungskräften. Wir bilden und begleiten Gruppen und Kreise, gründen Initiativen bei Betriebsschließungen und Entlassungen, arbeiten eng mit den Gewerkschaften zusammen. Wir widmen viel Zeit und Kraft Mobbing-Geschädigten und Arbeitslosen. 
Je näher wir „dran“ sind, desto mehr reißt es uns hinein in die Konflikte der Arbeiterschaft. Plötzlich stehen wir mitten unter den Streikposten, demonstrieren gegen Entlassungen und Schließungen, reden bei

 Kundgebungen und Betriebsversammlungen. Und da wird unsere Solidarität hart geprüft und gewogen, ob sie auch wirklich trägt und durchhält bis in die Parteilichkeit hinein. Wer sich da ins kirchlich so geschätzte, angeblich neutrale Hinterland verkrümelt, hat schon verloren. 

Prophetische Kirche 
Prophetie ist Anruf und Aufgabe auf dem Hintergrund der Vision vom „Reich Gottes“: wach sein, die Zeichen der Zeit erkennen, mahnen und anmahnen. Prophetie hilft aber auch, durchzuhalten im Scheitern. Sie ist Trost und Ermutigung aus dem lebendigen Glauben an den lebendigen Gott. Betriebsseelsorge meldet sich daher – gemeinsam mit den Betroffenen – zu Wort, mischt mit, mischt sich ein, sucht den gesellschaftlichen Dialog und ergreift Partei für die Benachteiligten. 
Überall, wo sich purer Ökonomismus breit macht, legen wir den Maßstab der Kath. Soziallehre an: „Der Mensch ist Schöpfer, Träger und Ziel der Wirtschaft...“ Damit hinterfragen wir staatliche „Reformen“ ebenso wie wirtschaftliche Entscheidungen. Das bedeutet: Stellungnahmen, Diskurse in Foren und Bildungsveranstaltungen, Kontakte zu Entscheidungsträgern und oft auch provokatorische Aktionen und Symbolhandlungen zu brennenden Nöten in der Arbeitswelt. 

Missionarische Kirche 
Die Arbeitswelt ist pastorales „Niemandsland“. Der Auftrag Jesu aber lautet: „Gehet hin in alle Welt...“ , also auch in die Arbeitswelt. Kirche wird lebendig in der Präsenz und im Zeugnis. Wenn Vertrauen da ist, lassen sich Menschen aber auch herausrufen und einladen, um ihr Leben zu reflektieren und es mit dem Evangelium in Verbindung zu bringen. 
Wenn wir Gemobbte beraten, Armseligen ein wenig Mut zufächeln, Arbeitslose annehmen, Betriebsräte und Gewerkschaftsleute begleiten, dann ist sie plötzlich da, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Gott und der Welt. Dann bleiben wir nahe dran in Freud und Leid, in Krankheit und Tod, dann wird Seelsorge konkret. 
Wir organisieren – zumeist für kirchlich „Fernstehende“ - religiöse Freizeiten, laden Betriebsräte ein zu „Oasentagen“, lesen die Bibel mit Menschen aus der Arbeitswelt, feiern Gottesdienste. Das verändert unsern eigenen Glauben, wir werden selbst zu Beschenkten, und schenken weiter, was wir erfahren. 
Wo Betriebsseelsorge Profil entfaltet, wird sie als „Kirche in der Arbeitswelt“ wahrgenommen, von Arbeitenden, Arbeitslosen, Betriebsräten und Gewerkschaften, aber auch von Führungskräften geschätzt und anerkannt. Viele Menschen kommen durch die Betriebsseelsorge wieder oder erstmals mit Evangelium und Kirche in Berührung.