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In zehn Städten der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es die Einrichtung der Betriebsseelsorge, zehn Seelsorger sind hauptamtlich im Dienst. P. Werder SDS besuchte Dr. Rolf Siedler in Aalen.
Seelsorge
Heute ist die Jobbörse im „Haus der kath. Kirche“ geöffnet, Adi Hrubi macht den Kaffee; als Rolf Siedler gegen Mittag dazustößt, sind nur noch drei Männer da. Sie sind schon lange arbeitslos und haben kaum mehr eine Chance, vermittelt zu werden. Hrubi verlor 1994 seinen Arbeitsplatz als Kaufmann. Nach ungezählten Bewerbungen gab er den Kampf auf. „Zu dieser Zeit lernte ich Rolf kennen. Wir setzten uns zusammen und entwickelten Ideen“, erinnert er sich gerne. Heute spielt Adi Hrubi mit Begeisterung Theater, hat Saxophon gelernt und läuft Marathon. In der Jobbörse macht er Dienst und steht zur Verfügung, wenn es irgendwo stundenweise Arbeit gibt und er eine Kleinigkeit verdienen kann.
In Arbeit und Brot kann der Betriebsseelsorger mit der Jobbörse nur selten jemand bringen, aber er kann kleine Dienste vermitteln, er kann einen Treffpunkt anbieten, er kann den Männern, die an den Rand der Gesellschaft geraten sind, sein Ohr leihen und mit Rat und Tat zur Seite stehen, so gut es eben geht. „Die Kontakte sind oft das Wichtigste“, so schildert Siedler die Situation der Männer, „sie existieren als soziale Einheiten nicht mehr, so ist es für sie ein Ereignis, wenn jemand sie kennt, wenn sie durch die Stadt gehen und auch einmal mit ihnen redet“.
Hier geschieht Seelsorge. Er habe ja den Begriff zunächst nicht besonders geschätzt, so Siedler, er verbinde damit auch etwas Bagatellisierendes, ein bisschen Beichte und ja, „es wird schon wieder alles gut“, aber andererseits stecke da auch das Wort „Sorge“ drin, Sorge um den Menschen und das sei schon immer seine Vorstellung von Seelsorge gewesen. Sachlich sei es oft das Gleiche wie Sozialarbeit, aber in der Seelsorge gehe es drüber hinaus auch um Sinn. Und: In seinem Dienst gehe es auch um eine sogenannte „niederschwellige“ Seelsorge, d.h. die Menschen können einfach kommen ohne Vorbedingungen bzw. er suche den Kontakt in den Betrieben zu jedermann und jederfrau.
Berufung
Sorge um den Menschen hat Rolf Siedler schon sehr früh gelernt, nämlich zuhause in der Autowerkstatt der Familie, in der auch Italiener und Jugoslawen beschäftigt waren. „Hier habe ich viel mitgearbeitet, wie auch meine beiden Brüder, und während meine Klassenkameraden am Gymnasium dicke Wälzer über Marx und Adorno gelesen haben, habe ich hautnah Kontakt gehabt zur Welt der Arbeit“, betont Siedler nicht ohne Stolz. Kirchlich sozialisiert worden sei er durch die Jugendarbeit bei Schönstatt, wo er sich viel engagiert habe, z.B. bei Zeltlagern und in der Dritte-Welt-Arbeit. Diese Erfahrungen waren auch wichtig für seine Entscheidung, 1976 in Tübingen mit dem Theologiestudium zu beginnen, um Priester zu werden.
Aber auch auf diesem Weg blieb seine Urerfahrung harter Arbeit und sozialer Herausforderungen im elterlichen Betrieb lebendig, ja widerständig: Er habe das Leben als Theologiestudent als elitär empfunden, man sei sehr subtil als etwas Besonderes geführt worden, privilegiert gegenüber anderen Studenten, erinnert sich Rolf Siedler. Nach einem Jahr Aufenthalt in Chile, davon habe er schon als Kind geträumt, sei dieses Empfinden natürlich noch verstärkt worden: „Die Rück-kehr war für mich wie ein Kulturschock. Nicht nur die Rundumbetreuung störte mich, ich hatte auch eine andere Kirche erlebt, lebendig, ohne Apparat“. Aber er sei ja motiviert gewesen, sich in der Kirche zu engagieren und so habe er sich doch wieder eingeklinkt. Aber er sei nicht zur Ruhe gekommen, und so habe er sich noch mal der entscheidenden Frage gestellt, mit der er in seiner Seminarzeit viel zu wenig konfrontiert worden sei: Was ist meine Berufung? „Da wurde mir im Austausch mit einem Freund von Misereor klar: Es fehlt mir nicht an Motivation für den Dienst in der Kirche, die Frage ist, ob ich gefühlsmäßig dieses Amt ausfüllen kann: im Verzicht auf Ehe und Familie, im Einsatz mehr als Manager denn als Seelsorger. Schließlich habe ich vier Wochen vor der Diakonatsweihe die Notbremse gezogen und bin ausgestiegen.“
Aber dann ging es nicht nahtlos zur Betriebsseelsorge über, im Gegenteil, zunächst sei er vor dem Nichts gestanden, „die andern feierten und ich befand mich in der Depression“, so Siedler, „es standen Jahre des Überlebens und der Suche vor mir, was nun tatsächlich meine Aufgabe ist“. Nach drei Jahren als Erzieher in einem diözesanen Internat mit der nebenberuflichen Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher, heiratete er, dann sammelte er Erfahrungen als Jugendreferent. Schließlich promovierte er zum Thema Musik, Kultur und Religion. Musik gehörte schon immer zu seinem Leben, in der Jugendarbeit erkannte er, welche Rolle sie für die jungen Menschen spielt. Vor neun Jahren wurde die Stelle des Betriebsseelsorgers in Aalen frei, er bewarb sich und wurde von der Diözese angestellt.
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Heute ist Siedler überzeugt: „Das ist meine Aufgabe. Nichts in diesen Jahren, nichts in all den Jahren zuvor war umsonst. Denn nicht nur, dass mich die Diözese auch ohne spezielle kirchliche Berufsausbildung angestellt hat, sondern einfach auf Grund meiner Qualifikationen und Erfahrungen, meiner Kreativität und meines politischen Engagements, wohl auch wegen, vielleicht auch trotz meiner Unbeugsamkeit, all das kommt mir in der Betriebsseelsorge zugute“.
Vertrauensperson
Bei der Firma Alfing in Aalen, die hochpräzise Kurbelwellen für Automotoren bis zu Schiffsmotoren herstellt, macht Siedler auch Bildungsarbeit mit den Lehrlingen. Mit jedem Kurs ist er eine Woche zusammen. So beschäftigen sich die jungen Leute in den drei Lehrjahren mit den Themen: Soziale Kompetenz, Suchtgefährdung, Teamfähigkeit. „Da geht es nicht um Religiöses, aber die Lehrlinge wissen, dass ich von der Kirche bin. Das stört niemanden, gelegentlich hilft es jemandem, dass er oder sie mit einem persönlichen Problem auf mich zukommt, aber entscheidend sind die Inhalte, wie wir sie erarbeiten und wie wir miteinander umgehen“, so nüchtern sieht der Referent diese Seminare. Im Betrieb aber in der Lehrlingsabteilung kommt Herr Werner Krenzer fast ins Schwärmen: „Was Herr Siedler hier anbietet, ist für uns eine große Hilfe. Die jungen Leute lernen einen ganz anderen Umgang miteinander und auch wir Meister lernen, mit den Lehrlingen besser umzugehen, denn auch wir nehmen an manchen Seminarabschnitten teil. Dazu kommt, dass die jungen Menschen Herrn Siedler kennen und wissen, dass sie jeder Zeit in persönlichen Anliegen zu ihm kommen können. Er ist der einzige Ansprechpartner dieser Art, niemand sonst bietet hier so etwas an. Und bei all den Konflikten zu Hause und in der Gesellschaft, denen die Jugendlichen heute ausgesetzt sind, wird ein solcher Dienst immer wichtiger, da stehen wir erst am Anfang“.
Familie
Hier kommt dem Betriebsseelsorger auch die Erfahrung mit der eigenen Familie zugute. Drei Kinder im Alter von 18, 17 und 9 Jahren konfrontierten die Eltern mit dem Lebensgefühl junger Menschen, Familie zu gestalten sei eine Kunst, die Phantasie und Energie erfordere. „Aber es ist möglich“ so schildert Siedler seine Erfahrung, dessen Frau als Spracherzieherin für Migrationskinder im Kindergarten tätig ist. „Meine Frau hinterfragt mich schon immer wieder kritisch, dass ich unsere Gemeinsamkeiten nicht aus dem Auge verliere, auch wenn sie meine Aufgabe schätzt. Wir führen einen gemeinsamen Terminkalender und so lassen sich unsere beruflichen Aufgaben und unsere Interessen organisieren, zumal jetzt, da die Kinder schon größer sind. Wir achten darauf, dass wir gemeinsame Punkte haben und Themen, über die wir uns austauschen können.“
Glaubenserfahrung
Soviel Gemeinsamkeit bietet sein Beruf nicht immer, da kann es auch hart zur Sache gehen. Wenn Arbeitsplätze in Gefahr sind oder es um eine Betriebsschließung geht, steht die Betriebsseelsorge auf Seiten der Arbeiterinnen und Arbeiter. So war es auch bei jener denkwürdigen Betriebsbesetzung, als vor fünf Jahren in Aalen die Firma Universal dicht gemacht werden sollte. Da organisierte Siedler unter anderem einen Gottesdienst mit der Belegschaft. An einem großen Kreuz wurden Nägel eingeschlagen mit Äußerungen von Wut und Trauer, die die Menschen bewegten. Er gehe mit dem Wort „Gott“ sparsam um, aber da habe er schon auch vom Gott der Bibel gesprochen, der ein Gott der Menschen ist, der oberste Schirmherr der Gerechtigkeit. „Am Ende haben wir gemeinsam das Vaterunser gebetet. Viele waren zu Tränen gerührt, da haben wohl auch mache geahnt, dass Gerechtigkeit mehr ist, als was der Insolvenzverwalter übrig lässt“, so berichtet Siedler noch heute mit Betroffenheit. Übrigens wurde die Firma dann tatsächlich weitergeführt.
So habe er auch in manchen andern Situationen schon die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer nötig sei, viel über den Glauben zu reden, sondern ihn zur rechten Zeit einfach zu vollziehen. Es sei bei vielen Menschen eine Offenheit da, eine ursprüngliche Religiosität, die sie gerne zum Ausdruck brächten, wenn auch die menschliche Ebene stimme, wenn Vertrauen und Solidarität da sei. „Ich halte nichts von der Rede der Gottesferne moderner Menschen, das Problem ist, dass die Kirche den Menschen oft so fern ist“, fasst Rolf Siedler seine Erfahrungen zusammen.
Buchhinweis:
G. Lorenz, P. Schobel, R. Siedler, W. Wedl
Hängt eure Hüte an die Tür und nehmt euch einen Stuhl
Texte und Musik aus der Betriebsseelsorge mit einer CD
110 Seiten, Eigen-Verlag Betriebsseelsorge, Stuttgart 2003, ISBN 3-00-011014-3,
€ 10,-
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