Sozialarbeit im Don Bosco Jugendwerk Nürnberg

Wertorientiert, 
innovativ,
kooperativ 

Die Kirchen sind nach dem Staat die größten Anbieter sozialer Leistungen in Deutschland. Die meisten Einrichtungen stehen in der kath. Kirche unter dem Dach der Caritas bzw. der Diakonie in der evang. Kirche, daneben gibt es noch viele andere freie Träger, wie z.B. der Orden der Salesianer Don Boscos. Entsprechend dem Charisma ihres Gründers Don Bosco hat sich die Gemeinschaft schon immer überwiegend der Jugend gewidmet. Seit 40 Jahren führen die Salesianer im Nürnberger Westen ein Jugendwohnheim, das seit 1999 um den Kinderhort „Bartolino“ und den „Offenen Jugendtreff Westend“, ein Kooperationsprojekt mit der Stadt Nürnberg,, erweitert wurde. Im Jugendwohnheim wohnen zur Zeit etwa 120 Auszubildende, vorwiegend aus Ostdeutschland. In den umliegenden Stadtteilen beträgt der Ausländeranteil über 50 Prozent. Eine besondere Brisanz des Stadtteilzentrums liegt darin, Begegnungsmöglichkeiten zwischen den ostdeutschen Jugendlichen im Wohnheim und den ausländischen Besuchern des Kinderhorts und des Jugendtreffs zu schaffen. Der WEGBEREITER besuchte das Jugendzentrum.

Text: P. Konrad Werder SDS


Professionell
Verdunkeltes Büro, ein Beamer wirft die Startseite einer Präsentation an die Wand, perfekt vorbereitet empfängt der Chef, Diplom-Sozialpädagoge Michael Batz, seinen Besuch. Als weitere Gesprächspartner sind der stellvertretende Leiter der Einrichtung, Herr Henning Rösener und die Leiterin des Kinderhorts, Frau Ruth Leonhardt, anwesend. Der Empfang verrät Professionalität und Sinn für die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit. 

Aber Professionalität ist offensichtlich nicht das einzige, worauf man hier Wert legt, bald zeigt sich, dass die Wertorientierung ebenso wichtig ist. Das Credo des „Einrichtungsleiters“, wie der Chef hier genant wird, lautet: „Entscheidend ist der unbedingte Glaube an den guten Kern im Menschen. Dieser Glaube ermöglicht einen vertrauensvollen Umgang mit den jungen Menschen.“

Wertorientiert
Abgesehen von seiner Fachkompetenz war es wohl diese Einstellung, die ihm vor vier Jahren das Tor zu dieser Ordenseinrichtung geöffnet hat, denn ein besonderer kirchlicher Ruf ging ihm nicht voraus, schon gar nicht konnte er auf salesianische Wurzeln verweisen. „Für mich hätte es auch eine evangelische Einrichtung sein können, aber nicht eine kommunale, wo man glaubt, ohne grundsätzliche Wertentscheidungen auskommen zu können“, definiert er ganz klar seine Position. 
Und diese christliche Wertorientierung sieht er im Wettbewerb der sozialen Einrichtungen nicht als Nachteil, im Gegenteil. Einerseits sei der Jugendliche heute Kunde, er könne unter verschiedenen Einrichtungen auswählen, wo die bessere Verpflegung und Unterbringung, die besseren Freizeitmöglichkeiten angeboten würden. Wenn es ihm nicht gefalle, dann gehe er eben. Aber das sei für sie nicht der einzige Aspekt, so Batz, die Jugendlichen seien den Mitarbeitern im Don Bosco Jugendwerk auch anvertraut, sie spürten für die jungen Menschen auch eine Verantwortung. „Das heißt, dass wir auch `erziehen´ wollen, beeinflussen, anführen, wenn die Auszubildenden hier mit der neuen Umgebung konfrontiert werden, wenn sie lernen müssen, mit Fremden umzugehen, wenn Alkohol und Drogen für sie zur Gefahr werden“, erklärt Batz die Grundsätze des Hauses. Aber das gehe nur auf der Basis des Vertrauens. Die jungen Leute schätzten dieses Verhältnis, so seine Erfahrung, und nicht ohne Stolz verweist er auf den Erfolg des Konzeptes: „Obwohl unser Haus baulich in einem schlechten Zustand ist und wegen der hohen Personaldichte relativ teuer, sind wir im Grunde überbelegt.“ Daran zeige sich, dass Markt und christliche Wertorientierung keine Gegensätze seien, dass letztere vielmehr geradezu ein Wettbewerbsvorteil sei, so Batz.

Innovativ
Die Erweiterung des Jugendwohnheims um den Kinderhort und den offenen Jugendtreff wurde nicht am grünen Tisch geplant, sondern vom Leben diktiert. Der Sportplatz des Jugendwohnheims wurde für verwahrloste Kinder des Stadtteils mehr und mehr zu einem Anziehungspunkt. Zwei Möglichkeiten standen zur Entscheidung: Die Kinder wegschicken oder sie als eine Herausforderung anzunehmen. Man entschied sich für die zweite Alternative, das war vor fast vier Jahren. Michael Batz, kaum im Amt, suchte nach einer Mitarbeiterin, die sich auf die noch völlig offene Situation einlassen wollte. Er fand sie in der Erzieherin Ruth Leonhardt. „Sie war verwegen genug, ohne Konzept und ohne Räumlichkeiten am Punkt Null anzufangen“, lobt sie der Chef. „Es hat mich gereizt, etwas Neues aufzubauen und zu entwickeln“, beschreibt sie selbst ihre Befindlichkeit. Und es ist gelungen. Als Räumlichkeiten wurde die ehemalige Bibliothek des Wohnheims hergerichtet, und schließlich ist es ein Hort und kein Kindergarten geworden. Aber damit sind noch nicht alle Probleme gelöst, vor allem: Was tun mit den kleineren Geschwistern, die oft einfach mit eintrudeln?
Frau Leonhardt ist evangelische Christin, sie kannte vorher die kath. Kirche oder kath. Einrichtungen kaum. Aber sie sei christlich motiviert und durch die Leitbildarbeit sei sie mit Don Bosco vertraut geworden oder auch durch den Austausch mit Mitarbeiter/-innen, die eine Fahrt nach Turin zu den Spuren des Ordensgründers gemacht hätten. Sie vermittle den Kindern Don Bosco gern. „Für uns ist Don Bosco der Held“, gibt sie die Resonanz bei den Kindern wieder. 
Im Freizeitraum sitzt die Erzieherin Alice Hübner am Computer, umgeben von einer Schar aufmerksamer Kinder. Sie entwickeltt mit einer sogenannten Cartoonmaschine kurze Filmsequenzen, wobei die Kinder die Regisseure sind. Zuerst kugelt ein Clown auf den Marktplatz. 

Der Clown ist Don Bosco, den die Kinder schon kennen. Er bekommt eine Sprechblase, die den Kindern auf der Bühne zuruft: „Kommt her, hier könnt ihr spielen“, so wie es der historische Don Bos-co getan hat, um die Kinder und Jugendlichen von der Straße zu holen. Sollen die Kinder ihm folgen? Die Kinder im Kreis sind sich zunächst nicht einig. „Etwas miteinander erarbeiten, das fällt unseren Kindern immer schwer“, kommentiert Frau Hübner. Schließlich aber einigen sie sich, dass die Kinder Don Bosco folgen sollen, und schon tummeln sie sich auf dem Bildschirm.

Kreativ
Computer und Pädagogik ist nicht das, was man gewöhnlich zusammenbringt. Gabi Uhlenbrock, Sozialpädagogin, bei der Stadt Nürnberg angestellt als Stellvertretende Leiterin des „Offenen Jugendtreffs Westend“, sieht das anders. Sie hat im Evang. Studienzentrum Josefstal Medienpädagogik studiert. Ihr Urteil: „Die Medien, vor allem die elektronischen, haben heute einen großen Einfluss, aber die Pädagogik hat das verschlafen. RTL hatte die Jugendlichen schon verdorben, als die Pädagogik ankam.“ Konsequent bezieht sie den Computer und das Internet in die offene Jugendarbeit ein. Vor einem Jahr startete sie das Projekt „The fakes“. Nach dem Muster von „Deutschland sucht den Superstar“ wurden die Jugendlichen der fünf offenen Jugendhäuser in Nürnberg über das Internet eingeladen, sich für die Bildung einer Band zu bewerben. Drei junge Frauen und zwei Jungs schafften den Sprung aufs Podest. Mit ihnen und weiteren Jugendlichen wurden nun Internetseiten erstellt, Fotos via PC retuschiert, der Song, den die Gruppe gar nicht selbst gesungen hat, zum Runterladen auf die Internetseite gestellt und Images der Stars in spe strategisch entworfen. So wurde etwa Nuna zum romantischen Star, und Alice zum neuen Bondgirl. „Auf diese Weise machten die jungen Leute die Erfahrung, was mit Fotomontage alles gemacht werden kann, sie lernten ohne erhobenen Zeigefinger die Mechanismen hinter dem Erfolg der echten Stars kennen“, so das Fazit von Frau Uhlenbrock zum Projekt. 

Kooperativ
Aber kritischer Medienkonsum ist nicht das einzige Lernziel im „Offenen Jugendtreff Westend“. Die 60 bis 80 Besucher/-innen stammen aus 25 verschiedenen Nationen. Da sind die städtischen Sozialarbeiter/-innen vor allem gefordert, die Sprachfähigkeit und die sozialen Fähigkeiten zu fördern, „dass die jungen Leute lernen, flexibel miteinander umzugehen, statt nur mit Gewalt zu reagieren“, so Gabi Uhlenbrock. 
Offener Jugendtreff und Jugendwohnheim befinden sich im gleichen Haus, das bietet die Chance zur Begegnung, die aber immer auch spannungsreich ist. In Ostdeutschland gibt es nur zwei Prozent Ausländer, da gibt es selten Gelegenheit zur Begegnung. Welche Herausforderung das für die jungen Leute bedeutet, schildert Michael Batz mit einem Zitat eines Auszubildenden, der entsetzt zu ihm kam: „Herr Batz, ich begegne hier an einem Tag mehr Ausländern als ich zu Hause in meinem ganzen Leben begegnet bin.“ 
Frau Uhlenbrock schätzt die gute Zusammenarbeit mit dem Wohnheim und dem Kinderhort, in dem sich ja oft die kleinen Geschwister der Jugendlichen finden: „Wir haben mit den Pädagogen/-innen des Hauses auch gemeinsame Fachberatungen oder auch Seminare, etwa mit der Polizei in Fragen des Umgangs mit rechtsgesinnten Jugendlichen.“ Die Mitarbeiter/-innen des Wohnheims engagieren darüber hinaus mit 10 bis 15 Wochenstunden für das „Westend“. „Mir gefällt das bunte Leben hier im Haus, so wird die ungewöhnliche Situation zu einer großen Chance für die jungen Menschen“, so schildert Uhlenbrock ihre Zufriedenheit mit dem „Kooperationsprojekt“.

Einfühlsam
Henning Rösener, seit zehn Jahren hier im Dienst, zeigt uns das Wohnheim, von den kleinen Wohnzimmern bis zur „Ochsentränke“ im Keller. „Don Bosco legte auf die Gemeinschaft großen Wert, deswegen sind auch die Gemeinschaftsräume großzügiger angelegt als die Zimmer. Aber damit haben die jungen Leute manchmal schon ihre Schwierigkeiten“, so dokumentiert er seine Kenntnis der salesianischen Tradition, aber auch des Empfindens der Jugendlichen. Er bezeichnet sich als evang. Amateurtheologen, der gerne Bonhoeffer liest und einmal im Jahr das Konzentrationslager Flossenbürg besucht, wo Bonhoeffer noch in den letzten Kriegswochen hingerichtet wurde. Er stehe zu seinem Glauben, aber er dränge nichts auf. Das sei überhaupt in seiner Aufgabe die große Kunst, zu erspüren: braucht er mich oder braucht er mich nicht? Die Sinnfrage stellten alle, wenn auch oft nur vordergründig, dann gehe es ihm darum, in der Begegnung zu vermitteln: „Du, junger Mensch, wie du bist, bist du kein Zufall“. Er lade auch mal in die Kapelle ein, aber das seien dann einzelne, die da kommen. „Ritualisierte Geschichten haben wenig Sinn“, so seine Erfahrung. 
In einem Gemeinschaftsraum treffen wir Nadine Sydlo am Computer an, Fleischereifachverkäuferin aus Borna bei Leipzig, kurz vor der Gesellenprüfung. Sie führt uns mit Stolz die Computeranimation vor, die sie aus Anlass der Umbenennung der Anfahrt zum Wohnheim in „Don-Bosco-Straße“ erstellt hat. Ansonsten habe sie eher ein Faible für Tornados und Katastrophenszenarien. Seit drei Jahren wohnt sie hier. Es sei wie in einer Familie, in der es Streit und Freundschaft gebe. Mit dem Heimleiter und den Betreuern könne man reden, die hätten Interesse an einem, die wollten wissen wie es ihr gehe. „Michaela Weigel ist meine Betreuerin und zugleich meine Freundin, das ist manchmal schwierig zu trennen, die kennt mich, meine Blicke, mein Gesicht, die weiß wie es mir geht noch bevor ich etwas sage“, so schildert sie ihre guten Erfahrungen. In langen Gesprächen komme man manchmal über Gott und die Welt zu reden. So wisse sie, dass Henning an Gott glaubt, aber sie frage ihn dann immer: „Und wie weißt du das, dass es Gott gibt?“