Nicht mehr im Gleichgewicht?

Eintauchen und auftauchen 

Von Prof. Paul M. Zulehner, Wien

Gesellschaftliche Vernützlichung
Schon seit der Aufklärung liegt ein Druck auf den christlichen Kirchen, sich gesellschaftlich als nützlich zu erweisen. Joseph II. und vor ihm schon Maria Theresia ging es nicht nur um die „Beförderung der Ehre Gottes“, sondern noch mehr um die „Glückseligkeit des Volkes“ – auf Erden, versteht sich, vermittelt durch den absolutistischen Staat. Joseph II. sperrte daher alle kirchlichen Häuser, die sich „lediglich“ der Anbetung hingaben, so zum Beispiel die Klöster der Kartäuser. Gefördert wurden die staatlichen Religionsdiener und jene kirchlichen Organisationen, die sich als staatsnützlich ausweisen konnten. 

Diese Grundhaltung haben moderne Gesellschaften den Kirchen gegenüber beibehalten. Kirchliche Einrichtungen sind erwünscht, wenn sie gesellschaftlichen Zielen nützen. Selbst kommunistische Staaten bedienten sich der Kirchen, wenn es um für sie unlösbare pädagogische oder soziale Probleme ging, wie Drogenabhängigkeit von Jugendlichen oder die Pflege unheilbar Kranker. Diese Entwicklung blieb nicht ohne Rückwirkung auf die Kirchen selbst. Der Wunsch nach gesellschaftlicher Nützlichkeit begünstigte eine „Diakonisierung“ der Kirche. Die Einrichtungen von Caritas und Diakonie wurden zu gesellschaftlichen Megabetrieben mit geschätzter Professionalität, die zumeist im heutigen Qualitätsmanagement leicht bestehen. 
Immer mehr Nachdenkliche in der Kirche erkennen unerwünschte Nebenwirkungen dieser selbstverständlich gewordenen gesellschaftlichen Vernützlichung der Kirchen. In hochprofessionell geführten und im Qualitätsranking bestens positionierten kirchlichen Einrichtungen setzte die Suche nach dem eigenen „kirchlichen Profil“ ein. Der enorme, über das knappe Geld gesteuerte Druck, sich den vorgegebenen Qualitätskriterien anzupassen, sichert ja nicht nur Qualität, sondern passt die kirchlichen Einrichtungen in verschärftem Maß den gesellschaftlichen Standards an. Und das sind nicht unbedingt immer die gleichen, die sich kirchliche Einrichtungen setzen würden, wären sie in jeder Hinsicht unabhängig und frei.

Mystik und Politik
Solch ernsthaftes Fragen in caritativen Einrichtungen der Kirchen nach ihrem „eigenen“, „christlichen“, „kirchlichen“ Profil rührt an das Innerste der Kirche: das sensible Verhältnis von Gottes- und Nächstenliebe (Mk 12,28-34). Diese zwei Gebote sind untrennbar ineinander verwoben. In absichtsloser Nächstenliebe wird zugleich Gott geliebt. Gottesliebe, in ihrer dichtesten Form als liebegeborene Anbetung geht nicht am Menschen vorbei. Daher geht Jesus auf den Berg und sucht die Erfahrung der Innigkeit Gottes. Dann aber kommt er vom Berg herab in die Niederungen menschlichen Lebens, um dem Aussätzigen zu begegnen (Mt 8,1-4). Diese Lebensart Jesu formt die innerste

Lebensbewegung seiner Kirche, die und insofern sie in der Spur Jesu geht. Markenzeichen christlicher Kirche ist also, „Gott und den Menschen nahe“ zu sein, wie der hervorragende Passauer Pastoralplan 2000 in seinem Titel formuliert.
Diese Doppelstruktur kehrt in der theologischen und spirituellen Arbeit heutiger Kirchen in Variationen wider: als Mystik und Politik (Dorothee Sölle, Johann B. Metz) oder im Programm der Brüdergemeinschaft von Taizé (Roger Schutz) als Kontemplation und Aktion. Die Rottenburger Synode von 1985 hatte formuliert: „Je mystischer desto politischer“ und ließt theologisch dieses Motto auch in umgekehrter Abfolge zu. Es geht also immer um die Doppelbewegung von „eintauchen“ und „auftauchen“. So heißt es im Passauer Pastoralplan: „Wer ... in Gott eintaucht, taucht neben dem Menschen auf. Dabei kann der Weg auch in der anderen Richtung verlaufen: Wer den Menschen begegnet, findet in diesen auch Gott (vgl. Mt 25).“ 

Das Gleichgewicht wieder herstellen
Unter gesellschaftlichem Rückenwind ist den Kirchen hierzulande das „Auftauchen“ bei den Menschen, und hier wiederum bei jenen, die es nicht gut haben in ihrem Leben, vorzüglich gelungen. Aber, so gilt es behutsam zu fragen, ist dabei nicht oft das „Eintauchen“ auf der Strecke geblieben? Diese Frage kann nicht abwertend an die vielen Frauen und Männer gerichtet werden, die sich von den caritativen Einrichtungen in Dienst nehmen lassen und eine vorzügliche Arbeit verrichten. Es ist aber eine Frage an die Einrichtungen selbst und jene, die für ihre „Organisationskultur“ Verantwortung tragen: Kommen diese kirchlichen Einrichtungen wie die Kirche selbst „vom Berg“ herab? In caritativen Einrichtungen von Orden ist es selbstverständlich, dass die Schwestern und Brüder in der eucharistischen Feier sich Christus gleichformen lassen und so christusförmig zu den anvertrauten Leidenden gehen. Das hat Auswirkungen auf die Begegnung mit den Menschen, auf den Respekt vor ihrer Würde. Woher beziehen aber die caritativen Einrichtungen, die nicht (mehr) von Orden getragen sind, ihre spirituelle Kraft? Wie tauchen sie in Gott ein, um gottförmig bei den Menschen aufzutauchen?

Buchhinweis:
Zulehner, Paul M.
Aufbrechen oder untergehen. 
So geht Kirchenentwicklung, 
Ostfildern 2003, ISBN 3-7966-1102-8
Das Buch ist ein Kommentar zum Passauer Pastoralplan 2000. 
Der Pastoralplan kann bestellt werden beim Bischöflichen Seelsorgeamt, Domplatz 3, D-94032 Passau.