Ein Netzwerk macht Mut zum Evangelium

Jesus beim Wort genommen

Im Jugendhaus Hardehausen, Erzbistum Paderborn, ist eine Aktion entstanden, die ermutigt, das Evangelium im Alltag ganz konkret umzusetzen. Maria Anna Leenen, freie Journalistin, Ankum, berichtet.

Eine Grenzerfahrung
Es war knallheiß. In kleinen Bächen rann der Schweiß den Rücken hinunter und die Haut juckte zum Verrücktwerden, wo sie mit der Steinwolle in Berührung gekommen war. Fast alle Mauern hatten sie schon geflickt. Allmählich wurde das Haus wieder bewohnbar und die ungläubige Freude auf den Gesichtern des alten bosnischen Ehepaares vertiefte sich von Tag zu Tag. Jetzt fehlte nur noch das Dach. Vincent Tielke kann sich noch gut an die Situation damals erinnern: 50 Grad im Schatten, ungewohnt schwere Arbeit, eine gute Laune, die anfängt unter der Belastung wegzuschmelzen. Gereizte Worte beginnen zu fliegen und irgendwann dachte er: Schluss, es reicht. „Ich konnte absolut nicht mehr!“ erinnert er sich. Genervt verlässt er den Dachboden, auf der Leiter fällt sein Blick auf das Tagesmotto, das in großen Lettern im Flur hängt: „Sein Leben geben.“ Es trifft wie ein Schlag. „Ich dachte zuerst: Mist!“, berichtet der heute Achtzehnjährige. „Doch dann bin ich wieder hoch und habe weitergemacht.“
Vincent und mit ihm mehr als 200 Jugendliche und junge Erwachsene haben in den letzten acht Jahren in Bosnien Wiederaufbauarbeit geleistet. Haben Häuser instand gesetzt, Freundschaften geschlossen, zusammen gebetet, Musik gemacht, haben vorsichtig versucht, Wunden zu heilen. Und sie haben hautnah gespürt, welche Kraft das Evangelium hat, wenn man sich ihm anvertraut.

Eine Scheckkarte zur Erinnerung
Angefangen hat alles mit einem Aufruf des Mainzer Bischofs Karl Lehmann. Weihnachten 1995, wenige Wochen nach dem Friedensabkommen von Dayton, hatte Lehmann gefragt, ob der Wiederaufbau in Bosnien - Herzogewina nicht eine Herausforderung auch für deutsche Jugendliche sein könnte?
Meinolf Wacker, Jugendpfarrer des Erzbistums Paderborn und Rektor des Jugendhauses Hardehausen hört den Anruf darin und bringt die Idee in sein Team. Nach langen Überlegungen entsteht der Plan, Sommer 1996 mit Jugendlichen in einem stark zerstörten Dorf in Nordbosnien einen Friedenskindergarten aufzubauen und Häuser kranker und alter Menschen wieder bewohnbar zu machen. Vom 7. bis 31.Juli 1996 leben und arbeiten erstmals 29 Jugendliche in Vidovice. Die Spuren der Zerstörung im Dorf und die Gräuelgeschichten aus dem Krieg lösen bei den jungen Menschen tiefe Betroffenheit aus. 
Meinolf Wacker und sein Team suchen nach einer Möglichkeit, den jungen Menschen Tore zu öffnen für die in dieser Situation notwendige geistliche Kraft. Wacker erinnert sich: „Wir haben die Aufbaucamps dann so strukturiert, dass es jeden Morgen einen Blick ins Tagesevangelium gab und wir die Idee dieses Evangeliums verdichtet haben auf ein Motto. `Als Erster lieben´ zum Beispiel oder `Nie aufhören zu verzeihen.´ Abends war die Möglichkeit einer freiwilligen Austauschrunde. Anschließend haben wir Eucharistie gefeiert. Und Abend für Abend kamen über die Hälfte der Jugendlichen, zum Teil noch viel mehr, auf freiwilliger Basis, und obwohl viele überhaupt keinen Draht zur Kirche hatten.“ 
Diese Erfahrungen mit dem Evangelium hätten sich in den folgenden Camps wiederholt. In der Zeit danach aber seien Schwierigkeiten aufgetaucht. „Viele haben uns gesagt: Während der Camps geht das immer ganz gut, weil wir zusammen sind und uns gegenseitig ermutigen; das ist wie ein dynamischer Schub. Aber wenn man zuhause ist, allein, wird es sehr schwer, das in den Alltag zu überführen. Wir kamen dann auf die Idee, pro Monat eine kleine Scheckkarte zu prägen mit einem Schriftwort. Und wir laden die Jugendlichen ein sich zu treffen, sich auszutauschen und uns ihre Erfahrungen zu schicken. So ist die Aktion ‘Jesus beim Wort genommen’ entstanden.“

Ein Netzwerk breitet sich aus
In 28 Länder werden die Scheckkarten zurzeit verschickt. Über 1500 Jugendliche gehören zu den „Freunden des Wortes Jesu“, lesen und leben das Wort in ihrem jeweiligen Alltag. Das erfordert eine stets wachsende Organisation, denn der Text muss in elf Sprachen übersetzt werden. Für Anni Heiduk nicht immer einfach. „Manchmal gibt es logistische Probleme, weil ich sprachlich nicht so begabt bin.“ Kroatisch, bosnisch oder rumänisch auseinander zu halten sei einfach schwierig, schmunzelt die Sekretärin. Selbst mit Freude bei der Aktion dabei, hat sie auch ihre Tochter angesteckt, die das Schriftwort mittlerweile ins Englische übersetzt. Vor allem der dreimonatliche Flyer, der Erfahrungen junger Menschen mit dem Wort weitergibt, liegt ihr dabei am Herzen. 

Erfahrungen, wie die der 25-Jährigen Arianita Lukaj. Durch eine Freundin bekam sie Kontakt mit den Freunden des Wortes Jesu. Arianita stammt aus Albanien, einem Land, in dessen jüngster Vergangenheit es fünfzig Jahre ohne Kirche gab. Jetzt sei unter den Menschen eine „große Offenheit und ein großes Bedürfnis“ nach Glauben, nach Gott. Die Scheckkarten-Aktion sei eine gute Möglichkeit, 

sich konkret an das zu erinnern, was Jesus gesagt habe. „Wir müssen Gottes Wort zulassen!“ Und es täglich leben. Wie konkret das aussehen kann, erfuhr sie im Praktikum innerhalb ihres Studiums. Bei Veranstaltungen mit Frauen verschiedenster Nationalitäten und Religionen traten immer wieder Spannungen auf, da Vorurteile und Vorbehalte die Kontakte untereinander belasteten. Jesu Wort von der Nächstenliebe war für sie ein herausfordernder Anruf, dessen Umsetzung spürbar half, die Atmosphäre zu verbessern. Für die junge Albanerin ist Jesus der, der die Kraft gibt, dem Nächsten wirklich nahe zu sein, den Nächsten zu lieben. „Seine Präsenz spüre ich.“

Das Wort Jesu löst Freude aus
Auch Theresa Stratmann weiß von der umwandelnden Kraft zu erzählen, die das Wort im Innersten des Menschen entwickelt. Die 16-Jährige lernte während ihrer Firmvorbereitung im Jugendhaus Hardehausen die Aktion kennen und hat die bunte Karte seitdem ständig im Portmonee. Nach ihren Erfahrungen gefragt, berichtet sie von einem Fünftklässler aus ihrer Schule, dessen Mutter gestorben war und der von Tag zu Tag auffälliger geworden sei. „Er hatte nur noch blöde Sprüche drauf und nervte wirklich jeden.“ Der Junge habe Kontakt gesucht, aber alle mit seinem Verhalten verärgert und abgeschreckt. „Ich habe angefangen für ihn zu beten und auf einen Moment gehofft, wo ich ihm helfen kann.“ Das Schriftwort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ hätte sie begleitet in dieser Zeit. Dann sei der Tag der offenen Tür gekommen und sie habe Kuchen verkauft. Auf einmal sei dieser Junge mit einem Klassenkameraden gekommen. Sie hätten Kuchen gewollt, aber nicht genug Geld gehabt. „Ich habe ihnen den Kuchen so gegeben und er hat über das ganze Gesicht gestrahlt wie nur was.“ Diese kleine Geste hätte gereicht, Kontakt zu schaffen und dem Jungen in seiner schwierigen Situation Mut zu machen. „Es war nur eine kleine Sache, die jemandem Freude machte. Aber in mir löste es selber eine sehr große Freude aus.“ Und das, ist die 16-Jährige sicher, „das sind so typische Erfahrungen mit dem Wort!“

Das Tun führt zur Erfahrung
Für Jugendpfarrer Meinolf Wacker ist genau dies das Entscheidende. Zusammen mit dem elfköpfigen Hardehausener Team will er den jungen Menschen helfen, das Evangelium für die eigene Wirklichkeit zu entdecken und damit auf die Spur Jesu zu kommen. „Das Wort ist wie eine Tablette. Nur angeschaut, passiert nichts! Die Tablette muss mit meinem Organismus reagieren, um zu wirken. Genau wie das Wort des Evangeliums. Wenn ich es nur anschaue, passiert nichts. Ich muss es tun, das Wort muss mit meinem Leben reagieren, damit die Früchte kommen, die ich im Evangelium nachlesen kann.“

Für Christina Kuhn eine noch frische Erfahrung. Schon länger wusste sie, dass nach dem Abi ein freiwilliges soziales Jahr folgen wird. Durch Freunde zur Scheckkarten-Aktion gekommen, wurde bald klar, dass sie das FSJ in einem Kindergarten in Sarajewo machen würde. Mitten in Abifeten- und Reisevorbereitungsstress erkrankte die Mutter schwer. „Das Wort: ‘Macht euch keine Sorgen’, war zu dieser Zeit immer da.“, erzählt die 19-Jährige. Und es habe getragen. Jetzt steht die Reise unmittelbar bevor. Noch ein paar Worte Kroatisch lernen und dem Bildhauer Helmut Elbracht helfen, die für Sarajewo bestimmte Skulptur ‘Miteinander’ fertigzustellen. Dann geht es los in ein Umfeld, das von drei Religionen, drei Ethnien und noch immer schweren Kriegswunden geprägt ist. Angst hat sie nicht. Jesus sei ein Freund, meint sie zum Schluss nachdenklich. „Ein verlässlicher Freund.“ Darauf könne man sich einlassen.

Die Aktion „Jesus beim Wort genommen“ läuft seit 1996 im Rahmen des Friedensweges des Jugendhauses Hardehausen. Der Friedensweg umschließt mehrere Aspekte. Dazu gehören Aufbaucamps, das Aufstellen von Friedensmahnern, Friedenskonzerte, die Scheckkarten-Aktion ‘Jesus beim Wort genommen’ und die time-out-Karten, ein weltweites Gebetsnetz für den Frieden in der Welt.

Infos bei:
Jugendhaus Hardehausen
Meinolf Wacker
Abt-Overgaer-Str.1
34414 Warburg

Tel: 05642 - 6009-0
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