Qualifikation für kirchliche Sozialarbeit

Fachlich – spirituell – kirchlich

Von Prof. Dr. Martin Lechner, Benediktbeuern

Die Frage, ob und wie sich die kirchliche Sozialarbeit von einer allgemeinen Sozialarbeit unterscheidet, wird heute im Zeichen von Profil- und Leitbilddebatten sowie im Zusammenhang mit Leistungs- und Qualitätsbeschreibungen sozialer Arbeit mit allem Nachdruck gestellt. Führende Vertreter der aktuellen Qualitätsdebatte betonen, dass neben der unverzichtbaren Fachlichkeit der Mitarbeiter vor allem subjektive Faktoren wie „Menschlichkeit“ (O. Speck), „Liebe zur Sache“ (J. Merchel), persönliche Vorstellungen und ethische Haltungen für die Qualität sozialer Arbeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. 

Es sind drei Schlüsselkompetenzen, die meines Erachtens für Mitarbeiter/-innen in der christlich-kirchlichen Sozialarbeit erforderlich sind: die Fachlichkeit, die Persönlichkeit/Spiritualität und die Kirchlichkeit. 

Fachlichkeit
Die kirchliche Sozialarbeit hatte in ihren Anfängen ein spezifisches berufliches Leitbild: den barmherzigen Samariter. Damit stand ein spirituelles Motiv im Vordergrund, das geeignet war, die Sorge für Notleidende zu einer Zeit zu gewährleisten, in denen öffentliche soziale Dienstleistungen erst langsam im Entstehen waren. Schon frühzeitig bemühte man sich kirchlicherseits aber um eine professionelle Ausbildung der sozialen Berufe, dies mit der Begründung, Caritas sei „nicht Betätigung eines dunklen Gefühls, nicht allein Übung eines warmfühlenden Herzens“, sondern „Wissenschaft“ und „Kunst“ (L. Werthmann). Heute kann die kirchliche Sozialarbeit mit Stolz auf eine hohe Fachlichkeit ihrer Mitarbeiter/-innen verweisen. Die gut ausgebauten kirchlichen Ausbildungseinrichtungen qualifizieren künftige Fachkräfte auf höchstem Niveau, und die zahlreichen Fortbildungsinstitute caritativer Verbände sichern durch ein breites Spektrum von Fortbildungsangeboten die professionelle Qualität sozialer Dienstleistungen.

Persönlichkeit/Spiritualität
Ohne die Bedeutung der Fachlichkeit zu schmälern, muss dennoch gesagt werden, dass Caritas mehr ist als Fachlichkeit. Sie ist soziale Arbeit aus einer spezifischen Grundhaltung heraus – eine Sozialarbeit aus Glauben. Darauf hat schon Vinzenz von Paul (1581-1660), der große Heilige christlicher Nächstenliebe, hingewiesen. Er meinte, wir würden unseren Nächsten keinen wirklichen Dienst erweisen, wollten wir nur Lebensmittel und Medikamente austeilen. Wie Gott seinen ewigen Sohn zum Heil der Menschen gesandt hat, so sollten auch wir uns dem Armen zuwenden und ihm nicht nur etwas, sondern uns selbst geben. 

Diese Einsicht vom Helfen als personaler Begegnung wird heute von Vertretern der Qualitätsdebatte neu entdeckt, insofern diese die Person zum eigentlichen Instrument sozialer Arbeit erklären. In der Spur des hl. Vinzenz von Paul liegt aber das alles entscheidende Moment christlich motivierter Sozialarbeit in dem Versuch, so zu lieben, wie Gott dies tut. Gott „liebt uns nicht deswegen, weil wir besonders gut, besonders tugendhaft, besonders verdienstvoll sind, weil wir ihm etwa nützlich oder gar nötig wären - er liebt uns, nicht weil wir gut sind, sondern weil Er gut ist.“ (J. Ratzinger). Diese spirituelle Grundhaltung in den Möglichkeiten, die eine fachlich qualifizierte, berufliche Sozialarbeit bietet, zu realisieren versuchen, dürfte den kleinen, aber doch erheblichen Unterschied christlich-kirchlicher Sozialarbeit ausmachen. 

Kirchlichkeit
Kirchliche Sozialarbeit ist kein privater, sondern ein institutioneller Beruf – ein kirchlicher Beruf. P. Lüssi, ein Theoretiker der sozialen Arbeit aus der Schweiz, bezeichnet die Institution als „Mittel des Sozialarbeiters“, und zwar als „das Basismittel“ schlechthin. Aus seinen Überlegungen ergibt sich eine zweifache Anforderung an die „institutionelle Kompetenz“ von kirchlichen Sozialberufen: Zum einen müssen sie über die Kirche Bescheid wissen und sich in ihr auskennen, damit sie deren Potential an materiellen und immateriellen Ressourcen (Personen, Räume, Finanzen, Symbole und Rituale, biblische Erzählungen, gesellschaftlicher Einfluss etc.) ihren Klienten nutzbar machen können. Dies aber erfordert zum anderen eine reflektierte und gereifte Beziehung zur Kirche. Lüssi spricht von Identifikation. Denn der Sozialarbeiter habe einen „umso besseren Zugang zu den Ressourcen einer solchen Institution, je enger er in sie integriert ist.“ Identifikation mit der Kirche aber darf nicht als kritiklose Anpassung missverstanden werden, sondern sie besteht in einem fundamentalen Entscheid für die Kirche als „Zeichen und Werkzeug der Frohen Botschaft“ – ein Entscheid, der gerade auch trotz der Fehler und Schwächen der Kirche zu wagen und durchzuhalten ist. 
Diese drei Kompetenzen zusammen sind die Voraussetzung, dass Sozialberufe auf ihre originäre Art die Sendung der Kirche mittragen können: nämlich mittels sozialer Arbeit die Frohe Botschaft zu bezeugen. Gehen wir nochmals bei Vinzenz von Paul in die Schule. Für ihn darf die Verkündigung der Frohen Botschaft nicht auf die Predigt verkürzt werden. Gegen eine solche Reduktion fordert er dazu auf, den Menschen, besonders den Armen, „die gesamten Heilsgüter“ zu vermitteln, d. h. „in Wort und Tat die Frohbotschaft zu verkünden“. Das sei „christliche Vollkommenheit.“