Walter Wedl
Seit Februar 2002 Betriebsseelsorger in Böblingen, (42), verheiratet, zwei Kinder.
Nach dem Abitur wollte ich Theologie studieren, denn ich hatte die Erfahrung gemacht, dass Seelsorger und geistliche Menschen gerade in unserer modernen Gesellschaft dringend nötig sind. Allerdings stand nicht fest, was stärker war: Eine Berufung zum „Leutpriester“ oder eine zur Ehe, und mit dieser Frage habe ich fünf Jahre lang gerungen.
Im Hauptstudium habe ich aus meinem Interesse an Menschen heraus die Pastoralpsychologie als Schwerpunkt gewählt und mit der Diplomarbeit abgeschlossen: „Leiden erfahren und bewältigen - Ein Gespräch zwischen Psychotherapie und christlicher Ethik”. Nach dem Theologiestudium habe ich mich gegen einen kirchlichen Dienst entschieden: Vordergründig war es die Tatsache, dass meine Frau und ich konkurrierende Bewerber um eine der raren Ausbildungsstellen zum Pastoralreferenten gewesen wären. Daneben hatte ich Lust, mehr von der Welt kennen zu lernen, denn „die Welt ist größer als die Kirche“. Während des Studiums hatte ich eine mir gemäße Spiritualität gefunden: In den Fußspuren von Charles de Foucault wollte ich Jesu Botschaft „mitten in der Welt“ verkünden, „nicht mit Worten, sondern mit meinem ganzen Leben“, und daher wollte ich einen „weltlichen Beruf“ ausüben. Rolf Seeger von der Diözesanstelle Berufe der Kirche hatte mich in meinen Überlegungen ermuntert und empfohlen, diesen geistlichen Impulsen zu folgen und bereit zu sein für das, was sich zeigen würde.
Nach einem Jahreskurs in EDV an einer Volkshochschule und nach 51 Bewerbungen hatte ich einen Arbeitsvertrag als „Technischer Trainer in der Kundenschulung“ bei Hewlett-Packard (HP) in der Tasche. Wir heirateten also 1989 und zogen nach Böblingen.
Bei HP war ich insgesamt 12 Jahre tätig, zuletzt als weltweit verantwortlicher Marketing Manager für den Bereich von hochintegrierten EDV-Sicherheitslösungen. Ich habe die Zeit in der Firma genossen.
Als ich 2001 vierzig wurde, wuchs in mir der Wunsch, noch einmal von vorne anzufangen, denn ich spürte eine innere Unruhe. Da erhielt ich im Juni 2001 die Aufforderung eines Freundes, mich für die Stelle als Betriebsseelsorger in Böblingen zu bewerben. Ich rechnete mir als Externer wenig Chancen aus. Nur: Ich hatte in ungekündigter Stellung nichts zu verlieren und sah in einer möglichen Berufung eine Art „Gottesurteil“ für meinen weiteren Weg: „Hier bin ich, Herr...“ Zu meiner Überraschung entschied sich die Bistumsleitung für mich, und so kündigte ich zum 31. Januar 2002 meine Stelle bei HP.
Nun bin ich bereits 18 Monate in dieser neuen Aufgabe, nicht eine Sekunde lang habe ich den Wechsel bereut. Ich kann meine Aufgabe als Betriebsseelsorger uneingeschränkt jeder und jedem empfehlen, der Christi Liebe zu den Armen und Einfachen (hier: in der Arbeitswelt) nachahmen möchte.
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Werner Baur
Seit 25 Jahren Betriebsseelsorger in Ulm, (62).
Schwerpunkt seiner Arbeit ist der Kontakt zu den Fernfahrern. Unter anderem organisiert er das Sorgentelefon für die Kapitäne der Landstraße „Kanal K“. Um die Fernfahrer zu verstehen, hat Baur keine soziologischen Untersuchungen studiert, sondern hat sich über Monate selber ans Steuer gesetzt und ist im Dienst von Transportunternehmen viele Tausend Kilometer kreuz und quer durch Europa gefahren. Deswegen weiß er, wovon er redet und deswegen zählen die Fernfahrer ihn gewissermaßen auch zu ihrer Zunft.
Den LKW-Führerschein hatte er schon in der Tasche, als er vor 25 Jahren zur Betriebsseelsorge kam und letztlich war diese Tatsache auch ein Grund dafür, dass er in diesem Dienst von Anfang an einen besondern Draht zu dieser Berufsgruppe hatte. Diesen Führerschein, der ihm einmal eine ganz neue Welt eröffnen sollte, erwarb er sich, als er noch zur apostolischen Gesellschaft der Pallottiner gehörte. Dort war er als Bruder eine zeitlang auch für die Autos der Gemeinschaft zuständig. Da hatte er das Gefühl, dass eine zusätzliche Qualifikation für diesen Bereich ganz hilfreich sein könnte.
In seiner Pallottiner-Zeit war er viele Jahre Assistent seines Mitbruders, des berkannten Circus- und Schausteller-Seelsorgers P. Schönig. In seinem Auftrag war er für die Auszubildenden des Hotel- und Gaststättengewerbes in der Diözese Augsburg zuständig. Das war im Grunde Jugend-Sozialarbeit und dieser Dienst motivierte ihn, das durch das II. Vatikanische Konzil erneuerte Diakonat anzustreben. 1974 wurde er zum Diakon geweiht. Aber er sah für sich noch eine weitere Möglichkeit, die ihm auch neue Chancen für den Zugang zu den jungen Leuten eröffnen würde, nämlich den Unterricht an der Berufsschule. Mit Konsequenz strebte er dieses Ziel an und erwarb sich durch den Würzburger Fernkurs die religionspädagogische Qualifikation.
Dieses Streben nach Qualifikationen für seine Aufgaben passte damals nicht in das Bild, das manche seiner Mitbrüder von einem Ordensbruder hatten, und so kam es schließlich zur Trennung. Dies ist ein wunder Punkt in der Geschichte aller Orden: bis zum Konzil gab es genau genommen eine Zwei-Klassen-Ordnung, hier die Priester, da die Laienbrüder. Auch hier war das Konzil der Anstoß zur Erneuerung.
Gegen soziale Unterschiede und Ungleichheit war Baur aber schon seit seiner Kindheit geimpft. Sein Vater wurde eines Tages zum Betriebsrat in einer kleinen Firma gewählt, und er hat zuhause immer wieder erzählt, was er da erlebte und in Gewerkschaftsschulungen lernte. Das ging dem kleinen Werner unter die Haut. Als er nach seiner Ordens-Zeit bei der Betriebsseelsorge anheuerte, schloss sich der Kreis: seither ist er ganz und gar für die Menschen da, die oft genug in ihrem Beruf ausgenützt werden und in Krisen geraten.
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Alfons Forster
Seit 9 Jahren Betriebsseelsorger im Dekanatsverband Göppingen-Geislingen, (45), verheiratet, zwei Kinder.
Der vorrangige Blick für die abhängig Beschäftigten, für die Benachteiligten, die Option für die Armen war für mich zunächst gar nicht selbstverständlich. In eine kleine Landwirtschaft im württembergischen Allgäu hineingeboren, gut katholisch aufgewachsen, eifriger und pflichtbewusster Ministrant, Internatszögling – der Wunsch nach Karriere war mir nicht fremd. Heute noch erlebe ich es als wiederkehrende soziale und religiöse Herausforderung, der anderen Option zu folgen, die sozialen und wirtschaftlichen Vorgänge aus der Sicht der „kleinen Leute“ zu beurteilen und Standpunkt zu beziehen. „Parteilichkeit“ war übrigens ein ziemliches Fremdwort in den theologischen Vorlesungen.
Das kirchliche Leben im Dorf erlebte ich als glatt und unhinterfragt, die Pädagogik im (zweiten) Internat als autoritär und durchaus „schlagkräftig“ ... - aus solchen widersprüchlichen Erfahrungen heraus entwickelte ich bald eine Art skeptischer, ab und zu auch widerständiger Loyalität, die sich auf Kirche hin genauso zeigte wie in der persönlichen Suche.
Heute weiß ich: der Entschluss zum Theologiestudium war (nach dem plötzlichen Tod des Vaters) doch sehr von der mangelnden Abgrenzung von zu Hause geprägt; es bekam den Zuschlag vor der Forstwirtschaft. Priester werden, das merkte ich bald, war nicht mein Weg; viel eher der Beruf des Pastoralreferenten. Natürlich, das leidige Zölibat! Für mich aber vorrangiger: eine zunehmende Identität als Laie, als einer, der aus der Welt heraus und in die Welt hinein leben und wirken will. Gratwanderer, „Kümmerer“ sein, wie ich es heute sehe. Gott sei Dank traf ich immer wieder auf beherzte und griffige Menschen, die mir Orientierung vermittelten, mir rechtzeitig den Kopf wuschen, mich in meiner Zögerlichkeit akzeptierten und dennoch durch ihr Vorbild provozierten. Dankbar bin ich heute auch meinem Ausbildungspfarrer: seine deutliche Abneigung gegen alle und alles, was nach Gewerkschaft oder Eine-Welt-Arbeit, nach „links“ roch, hat mich gerade für diese Bereiche sensibler gemacht. Auch wenn mich die Lebensform nicht anzog: die Gestalt des Bruder Klaus von der Flüe beutelte mich auf seine Art hin und her, seine schwer begreifliche und zugleich bodenständige Mystik und sein politisches Gespür für Gerechtigkeit faszinieren mich noch heute.
„Der Mensch steht im Mittelpunkt. Und damit allem im Wege“ (Plakat im Betrieb). Ich arbeite für die erste Aussage – und kann doch den Zusatz in seiner bitter-negativen Konsequenz für immer mehr Menschen nicht verhindern. Da nicht selber bitter zu werden, braucht stabile Beziehungen: in der Partnerschaft und als Familie mit zwei Kleinkindern, im Freundeskreis, in einem guten und wertschätzenden Dienstverhältnis vor Ort, in einem notwendigen, weil tragenden, motivierenden und korrigierenden Team aller Betriebsseelsorger in der Diözese. Und es braucht das Vertrauen in Gottes Parteilichkeit für uns Menschen!
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