Katholisches Aufbaugymnasium Obermarchtal

Engagiert und innovativ

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart setzt neue pädagogische Konzepte um.

Was macht eine katholische Schule aus? Das war in der Vergangenheit gar keine Frage. Sie steht in der Trägerschaft der Diözese oder eines Ordens, es herrscht eine gewisse Strenge, der einzelne Schüler wird mehr wahrgenommen und gefördert als es sonst manchmal der Fall ist, und natürlich gibt es das Schulgebet und öfter einen Schulgottesdienst. Das genügte kirchlich orientierten Eltern, und auch eher Fernstehende schätzten das oft - denn „für Kinder ist Kirche, Religion allemal gut“. Heute sind kirchliche Schulen nicht mehr die einzige Alternative zur staatlichen Schule, es gibt einen Wettbewerb verschiedener Schulformen und pädagogischer Konzepte. Das ist eine Herausforderung, am eigenen Profil zu arbeiten. Darüber hinaus gibt es seit einiger Zeit die aus-
drückliche Aufforderung der staatlichen Schulverwaltung an die Privatschulen, ihre Unterscheidung von den allgemeinen Schulen deutlich zu machen, denn letztlich liege darin der Grund für die staatliche Förderung. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat diese Zeichen der Zeit aufgenommen und in einem langen Prozess den sogenannten „Marchtaler Plan“ entwickelt. In Obermarchtal werden seine Elemente konsequent umgesetzt. Mit dem Schuljahr 2001/2002 begann mit der 11. Klasse ein Aufbaugymnasium in Räumen des alten Prämonstratenserklosters. Der WEGBEREITER besuchte das neue Unternehmen.


Der Eingangsbereich ist noch Baustelle, da liegen Zementsäcke, eine Kreissäge wartet auf ihren Einsatz. Im ersten Stock aber glänzt das alte Kloster, neu herausgeputzt. Der Boden des langen Gangs spiegelt durch das Licht, das aus den tiefen Fensternischen hereinflutet, in jeder dieser Nischen steht ein Tischchen für das Einzelstudium am Nachmittag. Auch das Lehrerzimmer ist ganz neu eingerichtet, tatsächlich eher ein Zimmer als ein großer Aufenthaltsraum; auf der einen Seite steht die Tür zum Direktor offen auf der andern zu einem Klassenzimmer. Man sieht, hier hat etwas Neues begonnen. Andererseits auch wieder nicht ganz so neu, denn „eigentlich ist ein allgemeinbildendes Aufbaugymnasium eher ein Auslaufmodell, heute gibt es statt dessen die Fachgymnasien wie z.B. das Wirtschaftsgymnasium als Weiterführung von der Realschule, „aber uns ist es gerade ein Anliegen, mit dem Marchtaler Plan die Chancen des allgemeinen Gymnasiums neu für die Bildung der jungen Menschen zu nutzen“, erklärt Schulleiter Dr. Heinrich Böckerstette.

Familiäre Atmosphäre
Im Moment gibt es hier nur die 11. Klasse mit 25 Mädchen und fünf Jungen; so viele Mädchen, weil viele aus der Realschule kommen, die im gleichen Haus geführt wird. Die Lehrer sind deswegen auch noch an anderen Schulen tätig, so z.B. Jochen Fritz, der hier und am Gymnasium in Ehingen Englisch und Geschichte unterrichtet. Die Schüler seien hier offener, so seine Erfahrung, sie trauten sich eher, auch ihre persönliche Meinung zu äußern. Ob das nun an der Art der Schüler oder in der Art der Schule und ihrer pädagogischen Grundsätze liegt, da will sich Fritz nicht festlegen. Seine Kollegin, Gudrun Wanek, die Deutsch, Musik und kath. Religion unterrichtet, sieht das ganz realistisch: „Ich glaube nicht so sehr, dass es die Methode ist, vielmehr sind die Schüler und Schülerinnen mit einem großen Vertrauensvorschuss hier hergekommen: kleine Schule, kuschelig, man kümmert sich um sie, das ist es, was ihre Herzen öffnet“. Es ist also nicht so, dass man hier ideologisch auf irgendwelche Konzepte eingeschworen ist, man sieht durchaus auch die zumindest vorläufig besonders günstigen Umstände, die einen sehr familiären Schulbetrieb ermöglichen. Angenehm überschaubar wird es aber auch noch sein, wenn die Schule einmal 130 - 150 Schülerinnen und Schüler haben wird.

Pädagogische Grundsätze
Dennoch, die Grundsätze des Marchtaler Plans werden schon jetzt in der Anfangsphase der Schule konsequent umgesetzt. Und sie kommen an, das zeigt die Reaktion von Schülerinnen. Beispielsweise der vernetzte Unterricht. Am Dienstagnachmittag gibt es drei Stunden im Block mit den Fächern Geschichte, Deutsch und Musik. „Es ist einfach interessant von der Geschichte der Pest zu hören und daran anschließend, wie sich die Erfahrungen der Menschen dieser Zeit in der Literatur niedergeschlagen haben, oder von der Aufklärung und der Musik dieser Zeit, der Klassik“, so schildert Christine Müller ihre Zustimmung zu dieser Form von Unterricht, und: „Man sieht einfach die Zusammenhänge besser und so werden einem die Dinge viel klarer“.

Zu Beginn des Nachmittagsunterrichts sitzt eine Gruppe von Schülern auf dem Gang am runden Tisch und arbeitet an einem mathematischen Problem: Selbstorganisiertes Lernen. „Am Anfang war das ziemlich kompliziert, da hätte ich mir gewünscht, dass der Lehrer mehr vorne steht, aber inzwischen wissen wir wie man das anpackt“, erzählt Silke Geiss. In Gemeinschaftskunde könne es schon sein, dass man sich zwei Stunden die Köpfe heiß rede, da speichere man dann mehr als beim Frontalunterricht. „Und dann geht es darum, das Erarbeitete vor der Klasse vorzutragen, da lernen wir auch das Reden und Auftreten und man muss dann gedanklich voll da sein“, lobt Silke diese Arbeitsform.

Aber auch die Philosophie und der Morgenkreis stehen hoch im Kurs. Die Philosophie ist mit einer Stunde in der Woche fest im Stundenplan vertreten. Da geht es um den Sinn des Lebens, um das Leben nach dem Tod, aber natürlich auch um griechische Göttersagen, um Sokrates, oder auch um ganz ausgefallene Fragen. Sarah Schumann

schildert ihre Erfahrungen so: „Es ist etwas ganz Anderes als der normale Unterricht. Da geht es nicht nur um die Aneignung eines Stoffes, da bin ich auch selbst mit meinen eigenen Gedanken gefordert. Einmal sind wir von der Frage ausgegangen: was ist ein Punkt? Es ist unglaublich, wohin einen solche Überlegungen führen können“. Im Unterschied zum Religionsunterricht sei Philosophie eben mehr weltlich ohne das Geistliche, ergänzt Silke Geiss.
Der Morgenkreis ist eine eher meditative Stunde am Montagvormittag. Das sei dann ein sanfter Einstieg in eine harte Woche, meint Sarah Schumann. Eine Bildbetrachtung etwa sei auch eine Chance, in sich selbst hineinzuschauen, weiß Silke Geiss und Christine Müller ist sich bewusst, „dass hier mehr ist als Schule, dass nicht einfach der Unterricht durchgezogen wird, dass man an dieser Schule vielmehr auch Zeit hat für Besinnung, dass das nicht als Nichtstun angesehen wird, sondern dass es in den Unterricht eingebunden ist“.

Das Grundanliegen der Schule
Dr. Böckerstette, der Schulleiter, ist einer der Väter des Marchtaler Plans, er kann Freude haben an seinen Schülerinnen und Schülern. Was ihn zutiefst bewegt, schildert er so: „Schon im Studium war es für mich eine Kernfrage: Kann ich, ohne intellektuell zu verarmen, in der modernen Welt noch glauben? Da hat mich Kant gelehrt, dass Wirklichkeit mehr ist, als was man in der Moderne wissenschaftlich fassen kann. Das war für mich eine Befreiung, ein Weg ins Weite.“ Seine Motivation sei im Glauben verankert, ein Leben ohne eine solche Vertiefung könne er sich nicht vorstellen. „Ich empfand es als eine besondere Chance, an der Entwicklung eines pädagogischen Konzepts mitzuarbeiten, das aus unserem christlichen Glauben Antwort auf die Moderne gibt. Und da spielt die Vernetzung eine wichtige Rolle, sie eröffnet Wege, dass wir uns in den Kontext des Lebens und der Welt stellen. Und dann entdecken wir in der Moderne nicht nur Schlechtes, sondern auch die große Emanzipationsbewegung und die Würde des Menschen. An diese Strömungen können und müssen wir uns ankoppeln.
Was wir hier tun, das verstehe ich im letzten als Verkündigen, aber nicht indem wir etwas an die Leute heranbringen, sondern indem wir sie begleiten und die Fragen intellektuell durcharbeiten. Und dann muss jede und jeder Einzelne selbst die Entscheidung treffen. Die Verkündigung ist so etwas Kostbares. Dieses Gottes- und Menschenbild: es gibt nichts Kostbareres in der ganzen Welt. Das ist für mich ein tiefes Anliegen.“

Was Schülerinnen schätzen
Es ist erstaunlich, wie die Schülerinnen spüren, was das Ziel der Schule ist, über die Wissensvermittlung hinaus. Christine Müller formuliert es perfekt: „Ich habe das Gefühl, dass es das Anliegen der Schule ist, uns zu verantwortungsbewussten und eigenständigen Menschen zu erziehen“. Es werde viel Selbstverantwortung eingefordert, nicht nur im Schulleben allgemein, sondern auch bei der Erarbeitung der Stoffe, aber man wisse immer, dass die Lehrer hinter einem stehen, dass man sich jederzeit an sie wenden könne, meint Silke Geiss. Überhaupt bekommen die Lehrer ein dickes Lob. Sarah Schumann: „Wir haben hier viel Glück mit unseren Lehrern, sie sind Lehrer aus Leidenschaft. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Herrn Brutscher z.B. jederzeit um Nachhilfe bitten können, in welchem Fach auch immer. Alle sind auch außerhalb der Stunde für uns da, so dass wir uns an sie wenden können, wenn das nötig ist. Die Lehrer begegnen uns nicht von oben herab, sondern im Grunde als Partner.“
Die Schülerinnen schätzen auch den Nachmittag sehr, also die Einrichtung der Schule als Ganztagsschule. „Wir machen die Hausaufgaben zusammen und haben unseren Spaß miteinander, das verbindet. Das ist einfach anders, als wenn ich um 12 Uhr nach Hause gehe und dann dort mit meinen Freunden zusammen bin“, erklärt Christine Müller.

Was Lehrerinnen und Lehrer bewegt
Und was ist die Motivation eines Lehrers für einen solchen Einsatz, wie ihn die Schüler schildern? Günter Brutscher, der als Studienleiter den ganzen Tag an der Schule ist, sagt von sich: „Ich frage nicht jeden Tag nach meiner Motivation. Meine Motivation ist, wenn ich erlebe, dass Schüler Vertrauen finden und sich hier entfalten“. Und er erzählt von einer Schülerin, die ihm gestand, dass sie es nicht übers Herz bringen würde, einen Spickzettel zu schreiben. Wohl könne sie bei der Nachbarin abschreiben, wenn das gehe, aber Lehrer von vornherein bewusst betrügen, das gehe nicht.
Und wie geschieht Weitergabe des Glaubens im engeren Sinn, abgesehen vom Religionsunterricht? Gudrun Wanek verweist darauf, dass die jungen Leute hier doch noch in einem katholischen Milieu aufwachsen. Brutscher spricht vom Zeugnis, zu dem er herausgefordert sei. „Ich denke, meine Rolle als Lehrer und meine Person müssen übereinstimmen, das heißt ich muss auch ganz persönlich präsent und an- und hinterfragbar sein. Dann bin ich Zeuge. Das gilt für mein Leben als Christ genauso wie als Bürger. Ich stehe dazu, dass es einige Sonntage im Jahr gibt, an denen ich nicht in die Kirche komme. Ich gebe Auskunft, wie und warum ich mich politisch engagiere oder was für mich der Sinn des Lebens ist. Aber man kann das eigentlich gar nicht in einzelne Bereiche aufteilen, so wie ich den Schülerinnen und Schülern begegne, damit bin ich Zeuge dafür, was ich vom Leben halte, wovon und wofür ich lebe. Das ist ein Punkt, an dem sich das Lehrerbild an einer kirchlichen Privatschule schon abhebt von dem an einer klassischen Schule, wenigstens nach meinem Verständnis.“