Montessori-Pädagogik

Kinder sind anders

Der „Marchtaler Plan“ (vgl. Studienkolleg Obermarchtal S. 4-7) hat wesentliche Gedanken der Montessori-Pädagogik aufgenommen und sie in eigener Weise für die weiterführenden Schulen bis zur Oberstufe des Gymnasiums umgesetzt. Ulrich Steenberg, Direktor der Kath. Fachschule für Sozialpädagogik in Ulm und anerkannter Montessori-Fachmann, beschreibt wichtige Aspekte dieser Pädagogik.

Von Kindern lernen
Die Montessori-Pädagogik ist nicht von klugen Köpfen für Kinder ausgedacht worden, sondern Kinder selbst waren es, die der großen italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 - 1952) entscheidende Hilfen gaben.
Montessori vernahm aus dem Verhalten der Kinder folgende Aufforderungen, aus denen die wichtigsten Grundsätze ihrer Pädagogik hervorgingen: 
A Achte mich in meiner Persönlichkeit. Ich bin anders als du, bin kein kleiner Erwachsener, bin aber auch ein ganzer, vollwertiger Mensch.
A Hilf mir, meine Persönlichkeit zu entwickeln, hilf mir meinen Willen zu entfalten, indem ich Raum für meine freien Entscheidungen bekomme.
A Biete mir Raum und Gelegenheit, meinem eigenen Lernbedürfnis zu folgen. Du kannst mir ruhig glauben: Ich will lernen. Aber nicht irgend etwas. In meinem Wachstum gibt es bestimmte Zeiten, in denen ich bestimmte Dinge besser lerne als zu anderen Zeiten. Schaff mir diese Dinge, schaff mir diese Umgebung, damit ich lernen kann.
A Hilf mir, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich will ihnen nicht ausweichen.
A Hilf mir, dass ich es selbst tun kann.

Freiarbeit
„Die Freiheit muss aufgebaut werden“, sagt Montessori. Damit meint sie, dass die Einübung in den verantwortlichen Umgang mit Freiheit die bedeutsamste Aufgabe der Erziehung ist. Die Montessori-Freiarbeit in Kinderhaus (= Kindergarten) und Schule ist daher das Kernstück der Montessorierziehung. Die Kinder und Jugendlichen entscheiden selbst, womit und wie lange sie arbeiten. Jede ihrer Erntscheidungen müssen sie vor sich und voreinander verantworten und bereit sein, dafür einzustehen.
In den Kindergartengruppen und Schulklassen werden Kinder mehrerer Jahrgänge zusammengefasst. Dadurch wird das Interesse der Kinder auf ganz unterschiedliche Arbeiten gerichtet, jüngere Kinder werden von älteren Kindern angeregt, die älteren von den jüngeren bestärkt. So wachsen Konzentration und Ruhe, Ausdauer und Hilfsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Verantwortungsgefühl.

Vorbereitete Umgebung 
Mit Leib und Seele soll das Kind im Kinderhaus und in der Schule eine geistige Heimat finden. Alles in dieser Umgebung ist nach den Bedürfnissen des Kindes ausgerichtet. Jedes Ding hat seinen Platz. Es ist genügend Raum da für Stille und Bewegung. Das Kind lernt, Entscheidungen zu fällen, Handlungen konsequent durchzuführen und dabei die Eigengesetzlichkeit der Dinge und die Bedürfnisse der anderen Menschen zu respektieren. So baut das Kind in freier Selbstverantwortung seine Persönlichkeit auf.
Das bekannte Montessorimaterial als Teil einer sorgfältig vorbereiteten Umgebung gibt den Kindern einen Rahmen, innerhalb dessen sie ihre Entscheidungen treffen. Es darf also nicht jedes Kind tun, was er gerade will, sondern es muss mit großer Disziplin seine Tätigkeit wählen und allein oder mit anderen auch zu Ende führen. Das Material überfordert das Kind nicht, sondern erschließt ihm die ganze Welt Schritt für Schritt. Der ganze Mensch mit Kopf, Herz und Sinnen wird angesprochen. Auf diese Weise wird erstaunlich mehr und besser vom Kind gelernt als von Erwachsenen je vermutet.

Der neue Erzieher
Der Lehrer ist gleichzeitig Element wie Garant einer qualitätsvoll „vorbereiteten Umgebung“. Von ihm sagt Montessori: „Der Erwachsene muss demütig werden und vom Kind lernen. Demut ist ein Modus der Liebe.“ Was sie damit meint, wird an einer Stelle deutlich, wo sie einmal das Gegenteil des Ideals beschreibt: „Der Erwachsene ist in seinem Verhalten zum Kind egozentrisch - nicht egoistisch, aber egozentrisch. Alles was die Seele des Kindes angeht, beurteilt er nach seinen eigenen Maßstäben, und dies muss zu einem immer größeren Unverständnis führen. Von diesem Blickpunkt aus erscheint ihm das Kind als ein leeres, träges und unfähiges Wesen, dem er jegliche Verrichtung abnehmen muss, als ein Wesen ohne innere Führung, das der Führung durch den Erwachsenen bedarf. (…) Mit einem solchen Verhalten glaubt der Erwachsene um das Wohl des Kindes eifrig, voll Liebe und Opferbereitschaft besorgt zu sein. In Wirklichkeit aber löscht er damit die Persönlichkeit des Kindes aus.“ 

Das Ziel
In der ständigen Bewegung, im Wechsel von aktiver Begegnung und meditativer Versenkung wird spürbar, was die Montessori-Pädagogik letztlich trägt: Der unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen, an seine Rolle als „Mitarbeiter der Schöpfung“, an seinen Auftrag, am „Reich Gottes“ mitzubauen.
(Vgl. auch Lesetipps S. 14)