SelbstkundgabeVon Prof. Dr. Werner Tzscheetzsch, Freiburg |
|
Dr. theol, Dipl. Päd. Werner Tzscheetzsch ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Br. Vielleicht kennen Sie die Szene: Der neu an die Schule gekommene Englischlehrer namens Keating stellt seinen Schülern folgende Frage: „`Wie uns von Vorurteilen, Gewohnheiten und schlechtem Einfluss befreien? Die Antwort, meine lieben Freunde lautet: Wir müssen uns ständig bemühen, einen neuen Standpunkt zu gewinnen´. Die Jungen hörten ihm gespannt zu. Da sprang Keating plötzlich auf seinen Schreibtisch. `Warum stelle ich mich hier oben hin?´, fragte er. `Damit Sie sich größer vorkommen´, vermutete Charlie. `Ich habe mich hier auf den Schreibtisch gestellt, um mir ins Gedächtnis zu rufen, dass wir uns ständig zwingen müssen, die Welt von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Von hier oben sieht alles ganz anders aus. Falls Sie es nicht glauben, kommen Sie her, und stellen Sie sich hier oben hin! Sie alle. Einer nach dem anderen!´ ... Während sie langsam an ihre Plätze zurückkehrten, sagte er: `Wenn Sie sich Ihrer Sache ganz sicher sind, dann zwingen Sie sich, sie von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten, selbst wenn Sie ihn für falsch und für dumm halten! Wenn Sie etwas lesen, bedenken Sie nicht nur die Meinung des Autors, sondern lassen Sie sich Zeit, auch über Ihre Meinung nachzudenken!´ Als alle wieder saßen, fuhr er fort: `Ihr müsst versuchen, eure eigene Stimme zu finden, Jungs. Je länger Ihr damit wartet, um so unwahrscheinlicher wird es, dass ihr sie findet. Thoreau hat gesagt: `Die meisten Menschen führen ein Leben in stiller Verzweiflung.´ Warum wollt ihr euch damit abfinden? Beschreitet doch lieber neue Wege...”. Beziehung durch Selbstkundgabe Eine eindrückliche pädagogische Intervention dieses Englischlehrers. Sie findet sich im Kino-Hit „Der Club der toten Dichter“. Dieser Lehrer gibt etwas von sich her und setzt sich aus. Und er erwartet das gleiche von seinen Schülern. Ein pädagogischer Gag oder weiterführende Lernhilfe? Unterricht ist immer ein In-Beziehung-Treten zwischen Lehrer/-innen und Schüler/-innen. Eigentlich ein alter Hut. Hermann Nohl sprach vom „pädagogischen Bezug“. Und doch kann und muss dieses In-Beziehung-Treten immer wieder neu gestaltet werden. Das ist das Anstrengende und gleichzeitig Erfrischende am Lehrerberuf: Immer wieder neue Situationen, immer wieder neue Menschen. Zur Charakterisierung dieses Beziehungsgeschehens verwende ich den Begriff der Selbstkundgabe. Motiviert dazu wurde ich in der Auseinandersetzung mit der personalen Pädagogik, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland diskutiert worden war und im katholischen Bereich breite Beachtung fand. In ihr werden Unterricht und Erziehung reflektiert verbunden und gleichzeitig in ihrer Unterschiedlichkeit geachtet. Im erziehenden Unterricht geht es darum, dass „Wissen haltungsbezogen und Haltung erkenntnisbezogen angeeignet“ wird (Dietrich Benner). Oder anders gesagt, es geht um eine Selbstkundgabe der Lehrerin und des Lehrers in der Weise, dass sie einerseits ihr Wissen, ihre Kunde vermitteln, sich aber andererseits in das Erziehungsgeschehen hineingeben, um durch dieses Sich-Geben die Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler und deren eigene Gestaltungskompetenz anzuregen - ohne Bevormundung und ohne Behinderung ihrer Selbsttätigkeit. Selbstkundgabe verbindet Wissen und Haltung. Und sie hat einen motivierenden Impuls: Schülerinnen und Schüler werden zur Selbstkundgabe ermutigt, ohne dass diese erzwungen werden kann. Sich stellen … |
… statt Rollen spielen Im Unterrichtsgeschehen, das die personale Dimension des Lehrer/Schüler-Verhältnisses berücksichtigt, wird die Gefahr geringer, dass Schüler und Lehrer sich auf ihre Berufsrollen - und in diesem Sinne haben auch Schüler eine Berufsrolle - zurückziehen und ein schulisches Rollenspiel beginnen, in dem der Lehrer das zu hören bekommt, was der Schüler ihm vortragen zu müssen glaubt, und in dem der Lehrer sich auf seine Aufgabe der Wissensvermittlung zurückzieht, ohne das Fragen und Argumentieren zu fördern. In einem solchem Rollenspiel wird die Auseinandersetzung um des vermeintlichen Friedens und um eines reibungslosen Unterrichtsablaufes willen vermieden. Der Dialog verkümmert zum Scheindialog. Kinder und Jugendliche haben einen Anspruch auf die Erfahrung wahren Dialogs. In der Arbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen ist in den letzten Jahren deutlich geworden, wie wichtig für Jugendliche die Möglichkeit ist, mit und von erwachsenen Bezugspersonen zu lernen. Autorität wird zu einer Haltung Erwachsener, sich den Jugendlichen zur Verfügung zu stellen, da zu sein, Zumutungen zu praktizieren und die Auseinandersetzung nicht zu scheuen. Schule kann ein Ort sein, wo eine solche Begegnung möglich wird. Das bedeutet nicht, Schule zu einem sozialen Lernexperiment und sozialem Beziehungslaboratorium umzuwandeln. Dafür gibt es andere Lernorte mit anderen Lernbedingungen. Aber, das, was in der Schule alltäglich geschieht, der Beziehungsraum Schule, kann auch zum Thema des Lehrens und Lernens werden. So wird Schule zum Lebensraum. Die Kompetenz, die Bedingungen des Lehrens und Lernens im sozialen Raum der Schule zu reflektieren, eröffnet auch eine Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer in der Weise, dass die Übernahme von Verantwortung von Schülerinnen und Schülern eingeübt werden kann. Den Lehrerinnen und Lehrern ist die reizvolle Aufgabe anvertraut, kreativ stimulierende Lernarrangements anzubieten, die die Schüler zur Kommunikation über einen Sachverhalt, über ihre subjektive, aber auch über ihre gemeinsame Beziehung zu diesem Sachverhalt und über das Handeln in und außerhalb der Schule motivieren. Personale Didaktik aus dem Geist des Evangeliums Für Lehrerinnen und Lehrer an katholischen Schulen ist das Prinzip der Selbstkundgabe im Selbstverständnis dieser Schulen enthalten, denn Glauben heißt sich stellen, sich entscheiden. Im Profil katholischer Schulen muss erkennbar werden, was aus dem Evangelium resultiert: Lehren und Lernen hat immer auch sozialen Charakter und muss von einem Klima der Wertschätzung und Anerkennung bestimmt sein. Wertschätzen kann nur der, der selbst wertgeschätzt wurde, also ein Selbstwertgefühl entwickelt hat. Das Klima an katholischen Schulen ist von der Zusage bestimmt: „Es ist gut, dass du da bist“ - „Wir haben Interesse an dir“. Diese Zusage hat ihr Fundament in der Selbstzusage Gottes, wie sie in der Lebenspraxis Jesu deutlich wird. Das Evangelium ist eine Beziehungsbotschaft, die Botschaft über die Beziehung Gottes zu den Menschen, über die Beziehungsqualität der Zuwendung Gottes. Schulen, die sich auf diese Botschaft berufen, müssen zeigen können, dass in ihrem Unterricht, im sozialen Klima, im Gestalten des Alltags Beziehungen ernst genommen und – zum Beispiel durch Reflexion – gepflegt werden. Eine Lebensaufgabe Für Lehrerinnen und Lehrer resultiert aus dieser kurzen Skizze einer personal orientierten Didaktik und Pädagogik die Lernaufgabe: ihre „subjektive Didaktik“ im Sinne einer ihrer Person angemessenen und entsprechenden beruflichen Kompetenz zu gewinnen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Eine gute Unterstützung bieten ihnen dabei kollegiale Gruppen, in denen sie den Unterrichtsalltag besprechen, gelingende und misslingende Erziehungssituationen reflektieren und nach Handlungsalternativen suchen. Diese Gruppen bieten den Resonanzraum für die Erfahrungen mit dem Beziehungslernen. In der melodramatischen Schluss-Szene des Films „Der Club der toten Dichter” besucht der entlassene Lehrer Keating nochmals seine Klasse. Gegen den Willen des unterrichtenden Lehrers kommt es zu einer eindeutigen Demonstration: Die Schüler stellen sich - zunächst zögernd, dann einer nach dem anderen - auf ihre Pulte. Sie beziehen Stellung und zeigen, dass sie mit der Entlassung ihres Lehrers nicht einverstanden sind. Die Selbstkundgabe des Lehrers hat etwas bewirkt: sie hat herausgefordert - zum eigenen unbequemen Standpunkt. |
|
|
|