In der Welt, aber nicht von der Welt

 

Der WEGBEREITER besucht die Kartäusereinsiedler

Auf drei Erdteilen, insgesamt 24-mal in der Welt, einmal in Deutschland findet man die nach außen streng abgeschlossene Welt der Kartäuser. Für 450 Mönche und Nonnen ist das die Heimat und ihr Lebensraum.

Im Jahre 1084 hat der heilige Bruno im Felsental von La Chartreuse den Orden gegründet, der seine größte Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert erlebte. Viele Kartäuserklöster fielen der französischen Revolution und der Säkularisation zum Opfer, auch alle deutschen. In Deutschland wurde dann 1869 „Maria Hain" in der Nähe von Düsseldorf neu gegründet. Vor der sich rasch ausdehnenden Großstadt mussten sich die Mönche jedoch zurückziehen. Sie haben mitten im oberschwäbischen Hochwald in der Zeit von 1962 - 1964 das neue Kloster, die „Marienau" gebaut. Heute leben dort 30 Mönche aus acht Nationen.

Das Kloster

Der große Kreuzgang mit dem Friedhof ist Mitte und Besonderheit jeder Kartause. Um ihn herum liegen 25 Klausen für die Priestermönche, jede mit eigenem kleinen Garten. Der Hauptraum ist schlicht und einfach: Ein Arbeitstisch, ein Esstisch, ein Kleiderschrank, in der Ecke ein Strohbett und ein Ofen und dazu ein kleiner Raum für das Gebet. In den Nasszelle fließt nur kaltes Wasser. Zum Häuschen gehört auch ein Handwerksraum.

Die Kirche mit Turm und Glocke, die mehrmals täglich zum Gebet ruft, bilden den Mittelpunkt der Anlage. Räume, die dem gemeinsamen Leben dienen, schließen sich an: Kapitelsaal, Bibliothek, Refektorium und Küche.

Brüder haben keine eigenen Häuser, nur eine Zelle. Im Gegensatz zu den Priestermönchen, die sich vor allem dem Gebet widmen, steht bei den Brüdern die Handarbeit im Vordergrund. Ihre Zellen befinden sich im Obergeschoss des Brüderbaus, darunter die Werkstätten.

Zu der Welt der Kartäuser in der „Marienau" gehört auch das Gästehaus. Hier wohnen die Kandidaten, die sich um eine Aufnahme in den Orden bemühen. Zwei Tage im Jahr können auch die nächsten Verwandten der Kartäuser in diesem Haus Unterkunft finden, wenn sie ihre Angehörigen besuchen wollen.

 

Spiritualität

„…die Weite der Liebe kennenlernen." (Statuten 35.1) ist das Programm des Ordens. Eigentlich kein besonderes Ziel für einen kontemplativen Orden. Einzigartig ist aber ihr Weg: Abgeschiedenheit, ein bestimmter Rhythmus von Einsamkeit und gemeinschaftlichem Leben und ihre eigene uralte Liturgie.

Die Einsamkeit ist aber kein Selbstzweck für einen Kartäuser-Einsiedler. „Getrennt von allen sind wir eins mit allen, damit wir stellvertretend für alle vor dem lebendigen Gott stehen" (Stat. 34.2). Sie wissen sich in der Stellvertretung für diejenigen, die nicht beten können oder wollen. Auch übernehmen sie die Buße für die, welche sich ihrer Sünden nicht bewusst sind.

Apostolische Tätigkeiten überlassen sie anderen. „Unser Bemühen und unsere Berufung bestehen vornehmlich darin, uns dem Schweigen und der Einsamkeit der Zelle zu widmen" (Stat. 4.1). Einmal in der Woche öffnet sich die Klosterpforte für einen Spaziergang in kleinen Gruppen, bei dem auch miteinander geredet werden darf. Danach herrscht wieder die Stille. Zu den Medien haben sie keinen Zugang. Nur der Prior liest täglich die Zeitung und informiert die Mönche über wichtige Ereignisse.

 

Der Tag

Um 22.40 Uhr fängt für sie der Tag an. Äußerst ungewöhnlich, denn während die Welt ins Bett geht, stehen die Mönche auf. Mit der Marienmette beginnen sie den Tag in der Zelle. 23.30 Uhr ruft die Glocke zu Matutin und Laudes. Die weißen Mönche ziehen in die Kirche ein. 2-3 Stunden dauern diese Stundengebete. Einfachheit und Nüchternheit prägen den Kartäuserritus. Zahlreiche Zeiten der Stille, Verbot aller Musikinstrumente und der gregorianische Choral sind die wichtigsten Elemente dieser Liturgie.

Die Laudes de Beata betet der Mönch einsam in der Zelle. Danach geht er wieder ins Bett zum Schlafen. Allerdings nicht sehr lang. Denn um 6.00 Uhr fängt der Tag zum zweiten Mal an. Eine halbe Stunde später läutet schon die Glocke. Prim und Angelus werden nun gebetet. Die Zeit danach ist dem inneren Gebet oder der geistlichen Lesung gewidmet.

Um 7.00 Uhr tut der vertraute Ton wiederum kund, dass die Mönche sich zum Gebet sammeln. Sie feiern die Konventmesse gemeinsam in der Kirche. Frühstück gibt es nicht. Fasten gehört zum Leben in der Kartause. Am Freitag wird beispielsweise immer bei Wasser und Brot gefastet.

Ab 10.00 Uhr folgen im Abstand von ca. 2 Stunden die Terz, Sext und Non. Die Zeit dazwischen wird zum Studium oder für die Handarbeit genutzt. Nach der „Sext" um 11.15 Uhr gibt es Mittagessen, die erste Mahlzeit des Tages. Fleisch ist nie auf dem Teller, alle sind Vegetarier. Danach ist Zeit der Erholung, in der sich die Kartäuser mit Lesen oder kleinen Arbeiten beschäftigen oder einfach die Sonne genießen. Um 16.00 Uhr ruft das Glockengeläut wieder in die Kirche zur Vesper. Eine genaue Zeit für das Abendessen gibt es nicht. Irgendwann zwischen Vesper und Komplet wird es eingenommen. Im Sommerhalbjahr, von Ostern bis zum Fest Kreuzerhöhung (14. September) gibt es etwas Warmes. Im Winterhalbjahr begnügt man sich mit Brot und einem Getränk. Mit der Komplet um 18.00 Uhr wird der Tag abgeschlossen. Danach geht der Mönch ins Bett, um kurz vor Mitternacht wieder aufzustehen; der neue Tag beginnt.

 

Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr schreitet die Zeit in der „Marienau" in diesem unveränderten Rhythmus voran; das Läuten der Glocke und das Gebet geben den Takt. Weit entfernt von aller Hektik unserer Welt verbringen die Mönche ihre Zeit, eine andere Welt, die mitten in unserer und doch neben ihr Wirklichkeit ist.