|
Im Franziskuswerk Schönbrunn bei Dachau leben 800 Menschen mit Behinderung, 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen dazu bei, dass sie ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen können. Die Geschichte von Schönbrunn beginnt 1862, als Viktoria Gräfin von Butler-Haimhausen das baufällige Schloss Schönbrunn erwirbt. Schon ein Jahr zuvor gründet sie mit 25 Schwestern die „Assoziation der Diener und Dienerinnen der Göttlichen Vorsehung“ mit der Regel des Dritten Ordens des hl. Franz von Assisi. Das war die Zeit, als es im deutschen Sprachgebiet zu einer Welle von klösterlichen Neugründungen kam. Vor allem Frauen schlossen sich zusammen, um auf die soziale Not vieler Menschen zu antworten. Entsprechend der allgemeinen Entwicklung ist die Gemeinschaft in den letzten Jahren kleiner geworden, heute zählt sie noch 155 Schwestern. So wurde 1994 die Einrichtung in eine gemeinnützige GmbH mit der Kongregation der Schwestern als alleinigem Gesellschafter umgewandelt.
Text: P. Werder SDS
Fotos: P. Soczynski SDS
Hemmschwelle
Annemarie Strobl, Geschäftsführerin des Franziskuswerkes Schönbrunn, hat Erfahrung mit Besuchern, deshalb wohl Ihre Frage am Ende unseres Gesprächs: „Können Sie es ertragen, wenn Sie jetzt in die Gruppe von Frau Vonier kommen und schwer behinderten Menschen begegnen?“ Die Frage ist berechtigt, viele gehen behinderten Menschen lieber aus dem Weg. Aber nicht nur die anderen, auch mich treibt die Frage um: Warum gibt es solche Einschränkungen? Wie schaffen das eigentlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden Tag mit soviel Herausforderung konfrontiert sind?
Sieglinde Vonier empfängt uns herzlich und gut gelaunt, obwohl dies ein anstrengender Tag war, wie sie später sagt. Lange dauert das „Vorgespräch“ nicht, denn es ist Leben in der Wohnung. Ein Teil der zehn Bewohnerinnen ist eben von der Arbeit in den Werkstätten für Behinderte zurückgekommen und tummelt sich nun in den Räumen. Zudem macht der Besuch neugierig, gerne zeigen einige der jungen Frauen ihre Zimmer, die sie in der Regel zu zweit bewohnen. Die Zimmer sind sehr verschieden, im einen gibt es viele Bilder, im anderen fast keine, Frau S. hat ein Hochbett und darunter ihren Schreibtisch, fein geordnet. Eine Frau, die sich in den Hängekorb gesetzt hat, scheint irgendwie abwesend, dafür ist Frau L. umso mehr aufgedreht. Sie hat keine Berührungsängste, ihre Worte sind für mich nur schwer zu verstehen, aber sie scherzt lauthals mit mir. Diese unvermittelte Nähe eines Menschen mit Behinderung irritiert mich zunächst, aber bei all der Bewegung, ja Freude in der Gruppe wirken die Behinderungen schon weniger befremdlich: Begrenzte Sprachfähigkeit, geistige Einschränkung, unproportionierte Gestalt, angewiesen auf den Rollstuhl …
Wahrnehmen lernen
Anders ist es bei Frau K. Sie liegt regungslos im Bett, Diana Grätzl, Schülerin der Heilerziehungspflege im zweiten Ausbildungsjahr, reicht ihr behutsam Löffelchen für Löffelchen einen Brei. Frau K. hat das Downsyndrom, zu dem jetzt mehr und mehr eine Altersdemenz hinzukommt. Hier, finde ich, begegnet menschliches Elend in seiner ganzen Wucht. Aber Frau K. ist keineswegs vom Leben abgeschnitten, sie kann unterscheiden und reagieren, ob sie jemanden mag oder nicht. „Die Hilfe beim Essen war bei Frau K. nicht immer ganz einfach“, weiß die Gruppenleiterin Vonier zu berichten, „Frau Grätzl geht damit sehr gut um.“ Und Diana Grätzl: „Es ist schön zu spüren, dass sie mich kennt“ aber sie ist auch realistisch, „auf jeden Fall meine ich das zu spüren.“
Und warum hat die junge Frau gerade diesen Beruf gewählt? Es fällt ihr nicht schwer, darauf zu antworten: „Ich habe Freude daran, Menschen auf ihrem Weg zu mehr Selbständigkeit zu begleiten, und es ist schön, zu sehen, dass Fortschritte - und seien diese noch so klein - möglich sind; das übersieht man ja auch oft. Da heißt es lernen, wahrzunehmen und Reaktionen zu verstehen. Das wäre ja auch sonst im Leben wichtig, das Kleine zu sehen. Und es tut auch gut zu erleben, wie jemand wegen etwas ganz Kleinem dankbar ist. Wo erlebt man das sonst.“
Auch Sieglinde Vonier, die vorher einige Jahre in einem Müttererholungsheim tätig war, schätzt ihre Aufgabe: „Ich mag es, wenn ich mit den Menschen, für die ich da bin, auf längere Zeit zusammen sein kann. Unsere Frauen können manchmal auch ganz schön anstrengend sein, aber ihre unverbogene Art ist wohltuend: wenn sie Zuneigung zeigen, dann meinen sie es so und wenn sie sauer sind, dann lassen sie es mich deutlich spüren.“
Arbeit am christlichen Profil
Auf dem Weg durch die Einrichtung begleitet uns Cornelia Rommé, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Franziskuswerk. Sie hat Theologie studiert und sich dabei auch viel mit der Befreiungstheologie beschäftigt. Um damit eigene Erfahrungen zu machen, ging sie für ein halbes Jahr nach Brasilien und arbeitete drei Monate bei Bischof Dom Mario Gurgel in
Itabira. Als sie dann auf Stellensuche ging und auf das Franziskuswerk stieß, sah sie eine gute Chance,
sich hier mit ihrem theologischen Studium und ihrem Interesse an einem sozialen Engagement |
einzubringen: „Als ich dann die „Philosophie“, das Leitbild des Franziskuswerkes zu Hause gelesen habe, war ich völlig begeistert und habe gedacht: das ist es.“ Heute nach eineinhalb Jahren Tätigkeit stellt sie fest, dass sie sich nicht getäuscht hat, man könne sich hier als Christ auf eine gute Weise entfalten, ohne jede Enge.
Nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen solchen kirchlich geprägten Weg hinter sich. „Die Mitarbeiter sind zum Teil sehr kirchenkritisch“, das sieht Frau Strobl ganz klar, „aber es gibt ein großes Interesse an spirituellen Fragen, geradezu eine Sehnsucht danach, vor allem bei jungen Leuten“, stellt sie fest. Ihr persönlich sei es ein großes Anliegen, das Franziskuswerk als ein christliches Gemeinwesen zu führen: „Die Mitarbeiter wissen das und ich kann nur hoffen, dass sie es auch glaubwürdig an mir erleben können.“
Aber in der Sorge um das christliche Profil der Einrichtung bleibt es nicht beim Wünschen und Hoffen. Die Geschäftsführerin betont: „Es ist mir wichtig, dass Angebote zur Auseinandersetzung mit unserer „Philosophie“ auch in der Dienstzeit wahrgenommen werden können. Das dient dem persönlichen Gewinn der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und motiviert sie, diese Inhalte auch weiterzugeben.“
Und was ist nun das Besondere einer solchen kirchlichen Einrichtung? Das ist sicher nicht leicht in einem Satz zu sagen. Sr. M. Gabriele Konrad, Mitglied des Aufsichtsrates und verantwortlich für den Bereich Bildung und Erziehung, formuliert es so: „Es geht darum, mit dem Menschen, der Hilfe braucht, in eine Partnerschaft zu kommen. In diese Partnerschaft kommen wir, wenn wir beide bedingungslos von Gott angenommen sind. Dieses Wissen um das Bejahtsein gibt auch die Kraft, jeden Tag neu zu suchen, was der behinderte Mensch braucht, was er meint, statt dass ich ihm etwas vorgebe. Ich denke, ich könnte mich nicht immer wieder so einlassen, wenn ich nicht von der Haltung ausginge: Wir sind von Grund auf ganz, ganz gleich.“
Selbstbestimmt leben
Ein Beispiel dafür, was das heißt, selbstbestimmt leben, wird bei einer ganz undramatischen Veranstaltung deutlich: bei einer Stunde der religiösen Erwachsenenbildung. Sieben Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren finden sich ein. Äußerlich deutet wenig auf eine Behinderung der Teilnehmerinnen hin. Georg Blaser und Elfriede Müller vom Seelsorgeteam gestalteten die Runde mit der Kett-Methode, anschaulich und auf das Wesentliche konzentriert. Gewiss, es täte der Verkündigung auch sonst gut, wenn sie anschaulicher und ganzheitlicher angelegt würde, wie Georg Blaser anmerkt, aber hier wird doch deutlich, dass sich Menschen vom Verstehen her in einer ganz einfachen Welt bewegen. Das bedrückt mich. Schließlich geht es darum, dass die Frauen ein Jesusbild mit einem Blumenkranz einrahmen. Frau A. tut sich schwer damit, so kommt Elfriede Müller zu Hilfe. Sie fragt Frau A. immer wieder, welche Blume sie nun in das Kränzchen stecken solle. Frau A. weiß offensichtlich ganz genau, was sie will und zeigt auf diese und jene Blume, die gelbe findet nicht ihr Gefallen und kommt nicht in den Kranz. So macht Frau A. die Erfahrung: es kommt auf mich an, ich werde ernst genommen, hier bin ich jemand. Kein Wunder, dass aus ihrem Gesicht Zufriedenheit spricht, auch Würde des Alters, Geist, der den Menschen ausmacht.
Da geht es um ganz andere Dinge: Seelsorge
Elfriede Müller und Georg Blaser sind nicht die einzigen Seelsorger im Franziskuswerk Schönbrunn, zum Seelsorgteam gehören noch Monika
Pscheidl, Pfarrer Franz Lutz, der Leiter der Seelsorge, und zwei weitere pensionierte Geistliche zur Mithilfe im priesterlichen Dienst. Wie geht Seelsorge mit Behinderten, wie kann ihnen Geistiges vermittelt werden, wie ist ein geistlicher Austausch möglich? Es geht und zwar sehr gut, darin sind sich die Seelsorgerinnen und Seelsorger einig, wenn man zwei Dinge berücksichtigt: Einmal geht es darum, die Glaubensinhalte sichtbar, hörbar, spürbar, einfach sinnlich erfahrbar zu machen. Zum anderen geht es um Beziehung, dass die Seelsorger/innen präsent sind, ansprechbar,
anfassbar. Das erfordert gewiss jeden Tag den Einsatz des ganzen Menschen, aber in diesem Team herrscht nicht die Atmosphäre ständiger Grenzerfahrungen mit Leid und Not, vielmehr scheint der Dienst von guten Erfahrungen geprägt zu sein. Zwei Beispiele aus der Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Elfriede Müller erzählt, dass Kollegen und Kolleginnen und auch Eltern die Erstkommunionfeier als ergreifend erlebt hätten. „Ich denke, da bricht einfach etwas ein, was wirklich Reich Gottes ist, da geht es um ganz andere Dinge - und das beglückt mich selber“, fasst sie ihre Erfahrung zusammen. Pfarrer Lutz berichtet von einem Ministrantenausflug nach Salzburg: „Als wir nach der Rückkehr wieder ausgestiegen sind, sagte einer der Teilnehmer zu mir: `Gell, du bist mein bester Freund´. Da habe ich gemerkt, dass es für ihn und sicher auch für die anderen ein schöner Tag war.“
Immer wieder wird deutlich, dass der Dienst in dieser Welt der Menschen mit einer Behinderung nicht nur mit Not und Leid konfrontiert oder wie Frau Müller es formuliert: „Man sieht die Behinderung gar nicht mehr, man sieht den Menschen.“ Genauso wenig erleben offensichtlich Menschen mit Behinderung nur ihre Grenzen, in diesen Grenzen erleben sie freilich auch Trauer und Leid, aber sie erleben ebenso Freude und Erfüllung, was schließlich das Leben schön macht. Das ist auch das erklärte Ziel aller Bemühungen im Franziskuswerk Schönbrunn, wie Annemarie Strobl im Vorwort zur pädagogischen Konzeption schreibt, dass die Menschen hier sagen können: Das Leben ist schön …
|