Im Kreuz ist Wertschätzung

Von Maria Anna Leenen, Ankum

Seit der Gründung des Päpstlichen Werkes für geistliche Berufe (PWB) vor 75 Jahren war es das erste Anliegen der Bewegung, um Berufungen und für die Berufenen zu beten, mehr noch, für sie alle Leiden und Zumutungen des Lebens aufzuopfern. Letzteres betonte vor allem auch P. Paschalis Schmid SDS, der Begründer des Priestersamstags, heute monatlicher Gebetstag um und für geistliche Berufe. Heute tun sich auch viele Christen schwer mit dem Opfergedanken, vielleicht deswegen, weil früher manchmal das Leiden an sich schon beinahe glorifiziert wurde. Dennoch, das Kreuz ist nicht wegzudenken aus unserem christlichen Glauben, es ist eine Realität im Leben. Wer sich auf das Kreuz, besser auf den Gekreuzigten besinnt, kann den Weg in eine exis-tentielle Tiefe finden, der stößt auf den Grund für die Wertschätzung seiner selbst und jedes Menschen. Auf diesem Wege erwächst aus dem Kreuz Segen in diese Welt hinein.

Das Bild
Seit fast 1500 Jahren existieren Darstellungen von der Kreuzigung Jesu. In gewaltiger Variationsbreite zeigen sie die ausgespannte Gestalt am römischen Schandholz, Hände und Füße angenagelt, häufig eine Dornenkrone auf dem Kopf. Ein gequälter, gemarterter Mensch, verhöhnt und verspottet, isoliert und in seelischer Dunkelheit, wie die Bibel berichtet. 
„Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.“ (Jesaja 53,2). Die alttestamentlichen Gottesknechtlieder aus Jesaja formulieren die Gefühle derer, die eine solche Gestalt betrachten: Das ist kein strahlender Siegertyp, sondern ein zerschlagener, mit Wunden übersäter Mensch, verdreckt, schweiß- und blutüberströmt, verlassen von allen. Einen solchen Anblick erspart man sich lieber. 
Es ist eine Provokation für das gängige Menschenbild der Spaßgesellschaft, dessen Eck-daten fit, dynamisch, flexibel und mobil lauten. Und dann: in diesem Gekreuzigten „allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes“ (Kolosser 2,9).
Der, der den gesamten Kosmos erschuf, das All und die Erde und jeden Menschen und auch mich - der Schöpfer selbst wird Mensch und geht freiwillig in diese Situation hinein um der Menschen willen. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53,5). Damit hinterfragt der Gekreuzigte meine Wertvorstellungen und mein Selbstbild, mein Menschenbild. Ihn anschauen heißt in den Spiegel zu blicken. 

... ein Spiegel 
Die Konfrontation kann heftig sein. Sicher, für die Gestrauchelten, für die Sünder, für die, die Unrecht getan haben und immer noch tun, ist es natürlich eine großartige Sache. … aber er hat es auch für mich getan. Der Blick in den Spiegel des Kreuzes konfrontiert mit der eigenen Fassade, die jeder Mensch mehr oder weniger vor sich selbst aufrecht erhält. Und die es in 

beiden Versionen gibt: die geschönte, hochglanzpolierte und die, deren Fenster nie geputzt werden, weil es sich ja doch nicht zu lohnen scheint. Durch all diese großen und kleinen Retuschen geht der Blick des Gekreuzigten hindurch. Mühelos. Das Anschauen der zerschlagenen Gestalt, das Stillwerden und Sich-öffnen vor ihm lässt die Fassaden bröckeln, macht die Masken durchsichtig. So taucht im Blick auf das Kreuz die eigene Person auf mit all ihren Schwächen und Ängsten, mit den Brüchen und Schmerzen. Jetzt heißt es standhalten. Den Blick nicht abwenden, sich nicht verschließen und ausweichen. Sich hineinziehen lassen durch schmerzhafte Wahrheiten hinein in eine Annahme meiner selbst, die einer tiefen Sehnsucht entspricht und die unter all dem Müll von Schwäche und Schmerz, Angst und Sorge immer schon verborgen, manchmal regelrecht verschüttet war . 

… der Freiheit
Diese Erfahrung kann alle Schichten des Seins durchdringen. Die Erkenntnis, liebevoll angenommen zu sein mit allen Schattenseiten, selbst mit den dunklen Flecken auf der Seele, die man sich selbst nicht einzugestehen wagt, öffnet den Blick für den Mitmenschen in ganz überraschender Weise. Raster und Schablonen zerbrechen, die früher als bequemes Mittel allzeit bereit lagen, sich einer grundsätzlichen Nächstenliebe zu verschließen. Der Gekreuzigte hat sich bewusst und freiwillig in diese grauenvolle Marter begeben: für mich, einen Menschen mit Schwächen, Ängsten, und den verschiedensten dunklen Seiten. Und das tat er für alle. Wenn das wahr ist, dann gilt seine Liebe einem jeden, mag er noch so unvollkommen, boshaft, lieblos, sündig und gebrochen sein oder dem Menschenbild der Spaßgesellschaft in keinster Weise zu entsprechen. Und sie gilt auch dem Menschen, der mir Unrecht tat oder dessen Anblick ich lieber nicht ertragen möchte. 
Der Blick des gemarterten Mannes am römischen Schandholz umfängt jeden und jede mit ausnahmslos alles umfassender Liebe. Und diese bedingungslose Annahme meiner selbst, erfahren im Blick auf ihn, setzt frei. Frei von einer engen, unmenschlichen und utilitaristischen Sichtweise; frei für die Akzeptanz, ja die liebevolle Annahme des jeweils Nächsten, mag er Deutscher oder Ausländer sein, schwarz, gelb, rot oder weiß, Katholik, Hindu oder Atheist, Mensch mit oder ohne Behinderung. 

Maria Anna Leenen 
lebt als freie Journalistin und Autorin in Ankum, Diözese Osnabrück. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind christliche Spiritualität, besonders Gebet und Kontemplation, sowie Umwelt und Ökologie. 

Buchempfehlung
Ihr neuestes Buch ist im St. Benno Verlag, Leipzig, erschienen: „Einsam und allein? - Eremiten in Deutschland“.