Menschliche Qualifikationen

Menschliche und religiöse Voraussetzungen für den Dienst in kirchlichen Behinderteneinrichtungen

Maria Klaus, Sozialpädagogin mit einer Zusatzqualifikation, arbeitet auf Gut Pisdorhof, einem Wohnhaus für geistig und mehrfachbehinderte Menschen. Träger des Hauses ist der Caritasverband der Stadt Köln. Frau Klaus leitet eine Wohngruppe, ist mit einer Kollegin für die Einzelfallhilfe zuständig und verantwortet die pastorale Begleitung der Bewohner. Ausgehend von ihren Erfahrungen beschreibt sie, worauf es ankommt, wenn das Leben und Arbeiten mit behinderten Menschen gelingen soll.

Sinnenhafte statt verkopfte Kommunikation
Die Menschenfreundlichkeit Gottes erleb- und spürbar zu machen, gehört zu meinen Aufgaben in Beruf und Alltag. Menschen mit einer geistigen Behinderung bedürfen oft einer Ansprache, die an ihr elementares Erleben und ihren Alltag anknüpft. Vielfach ist eine verbale Kommunikation nicht möglich. Hier ist eine Ansprache über andere Sinne als Zugehensweise angebracht. Seelsorge im Wohnhaus stellt mich vor mannigfache Anforderungen. Sie ist die wohlwollende Begleitung im Alltagsgeschehen, das Vorbereiten und Gestalten von besonderen Fes-ten im Jahreskreis, von Gottesdiensten und auch das Da-Sein in schwierigen, in Krisensituationen, z.B. bei der Sterbebegleitung und der Trauerarbeit. 

Beziehungsfähigkeit
Um dies bewältigen zu können, bedarf es in hohem Maße Einfühlungsvermögen, z.B. wenn ich erahnen kann, dass Bewohner etwas bedrückt; wenn ein im Augenblick unverständliches Agieren Schlüsse zulässt auf Dinge, die den Bewohner beschäftigen. Es sind permanente Beziehungsprozesse, in denen ich mich befinde oder in die ich eintreten muss, in eine Beziehung, in der der Bewohner spürt, angenommen zu sein, eine stabile, beständige Beziehung, die ihm Sicherheit gibt. Mittlerweile besteht zu den meisten Bewohnern eine Vertrauensbasis, auf der sie sich öffnen und über Probleme, die sie haben, reden können oder von mir darauf angesprochen werden. 

Belastbarkeit 
Natürlich gibt es auch, wie in allen Beziehungen, emotional belastende Geschehnisse, die ich nicht nach Dienstende abstreifen kann. Manche Probleme, die zu bewältigen sind, beschäftigen mich oft sehr lange. Meist sind dies Krisen, die die Bewohner durchleben, wie z.B. schwere 

Krankheitsfälle. Meine eigenen Lebens- und Glaubenswege, die nicht immer gradlinig verliefen, haben in mir ein Verständnis für menschliche Schwächen wachsen lassen. Dennoch stoße ich manchmal an Grenzen, wenn es z.B. zu Fremd- oder Eigenaggressionen kommt. Diese Krisen aushalten zu können, Beistand zu zeigen, wenn sich das Agieren des Bewohners gegen die eigene Person oder das Gegenüber richtet, lässt mich zwar nach außen ruhig erscheinen, aber im Innern tobt ein Kampf der Gefühle, weil dies Situationen sind, die so bedrohlich sind. Gott-sei-Dank sind dies Ausnahmefälle und der Alltag gestaltet sich zwar abwechslungsreich, aber ruhig. Hier sind Nähe und emotionale Zuwendung, was jeder von uns braucht, gefragt. Dennoch, bei allem Bemühen und aller Erfahrung wird manche Krise erst durch fachliche Begleitung und Reflexion überwunden. 

Wachsen als Christ
Schon bei Einstellungsgesprächen neuer Mitarbeiter werden die pastorale Begleitung und der christliche Hintergrund der Einrichtung vorgestellt und eine Identifizierung damit abgefragt. Ebenso wird auf eine positive und wohlwollende Grundhaltung geachtet. Der Wunsch eines jeden Bewohners nach Anerkennung und Wertschätzung bedingt eine Haltung, die eine jede Person, unabhängig von ihrer verbalen Kommunikationsfähigkeit, in ihrem „Anders-Sein“ in der ihr von Gott verliehenen Würde sieht. Um Orientierung und Glauben weitergeben zu können, um Fragen der Gottesbeziehung stellen und beantworten zu können, muss ich selbst in meinen eigenen Glauben eingebunden sein, muss ich Orientierung am Evangelium haben.

Geben und nehmen können

Nach acht Dienstjahren habe ich nicht nur das Gefühl, sehr viel von mir, von meiner Gelassenheit und Ausgeglichenheit weitergeben zu können, sondern, dass meine Arbeit in diesem Wohnhaus auch von einer eigenen Dynamik geprägt ist. Es sind sozusagen Früchte, die ich ernte, sobald ich die Arbeitsstätte betrete. Soviel unverfälschte Freundlichkeit und Wärme trifft mich, dass ich noch immer gerne zur Arbeit gehe. Es ist der offene, achtende Kontakt zu den Bewohnern, der die Freude an der Arbeit bewirkt. Bei all meinen Bemühungen und meinem Einsatz, der oft über reguläre Arbeitszeiten hinausgeht, bin ich natürlich auch auf eine respektvolle und wohlwollende Haltung der Heimleitung und meiner Kollegen angewiesen.