Für eine neue Kultur der Wertschätzung„Berufung“ im Kontext gesellschaftlicher und kirchlicher Wirklichkeit |
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Bei der Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen der Gebetsinitiative für geistliche Berufe in Freiburg i.Br. (vgl. S. 15) hielt Ordinariatsdirektorin Dr. Gertrud Pollak, Mainz, einen viel beachteten Vortrag. Mit freundlicher Genehmigung der Referentin wird der Vortrag hier mit einigen größeren Kürzungen und (neuen) Überschriften wiedergegeben. Störungen im Wertempfinden Jeder Mensch
- ein Wunschkind Gottes |
unser Glaube. Das korrespondiert mit der in jedem Menschen liegenden tiefen Sehnsucht nach Individualität und Selbstverwirklichung, die viele Menschen heute mehr denn je suchen. Wer in dieser Bemühung nicht nur eine eigene Lebensplanung ins Visier nimmt, sondern wirklich überzeugt ist, dass Gott einen Lebenswunsch an ihn hat, der wird die Markierungspunkte der göttlichen Fährte in sich zu suchen beginnen. Damit verlebendigt sich die persönliche Beziehung zu Gott. Es beginnt - vielleicht zaghaft - ein vertrautes Gespräch: „Weil Deine Spur, Gott, mir etwas bedeutet, weil sie, weil Du mir wertvoll bist, möchte ich Deine Wünsche für mein Leben entdecken. Weil Du Gott mir wertvoll bist, frage ich, was ich tun, was ich sein soll.“ Die eigene Berufung ins Gebet nehmen, aus der persönlichen Beziehung zu Gott fragen, was er mit meinem Leben vorhat. Freilich ist dieses Selbstverständnis, dieser Blick auf das eigene Leben als Gottes Spur und die daraus rührende Suche nach der Entdeckung der eigenen Berufung auch unter Christen keine Selbstverständlichkeit. Sind wir doch ehrlich - wir haben es eigentlich nicht gelernt oder wieder verlernt, so groß von uns und jedem Menschen zu denken und daraus ein Gespräch mit Gott oder vertrauten Menschen zu machen. In unseren christlichen Gemeinden überwiegt anderer Gesprächsstoff. Es gibt dort Gott sei Dank noch viel Bereitschaft, mitzumachen, sich zu engagieren - aber gibt es vor aller Aktivität ausreichend Ruhe zum Hinhören auf Gott, auf seine Wünsche an uns und seine Zusage: „weil du mir wertvoll bist...“? Vielleicht muß aus unserer „Kirche des Machens“ wieder mehr eine „Kirche des Wachens“ werden, ein Raum gelassener Aufmerksamkeit und zuversichtlicher Offenheit, wo Gott und seine Botschaft wirklich als Wort an den/die einzelne erwartet wird und ankommen kann: „weil du mir wertvoll bist...“? Räume der Selbstachtung und Wertschätzung schaffen Um das von Gott zu hören, braucht es eine entsprechende Atmosphäre und auch hier den Schutzraum der persönlichen Beziehung im Gespräch mit Gott. Es gilt, die eigene Berufung und die der anderen, ins Gebet zu nehmen. Wo sind in unserer Kirche solche Gebets-, Denk- und Lebensräume des Mühens um uneingeschränkte Selbstachtung und Wertschätzung jeder anderen Person - vor jeder Leistung? Wo sind die Orte, von denen eine solche Erfahrung überzeugend in unsere Gesellschaft ausstrahlt? Erfülltes Leben, als Berufung gelebtes Leben, gedeiht nur in einer wertgesättigten Atmosphäre, dort, wo einer vom andern groß denkt; Berufungen brauchen diese Atmosphäre, erfüllt und getragen von der leisen Grundmelodie „weil Du mir wertvoll bist...“ Im Wahrnehmen dieser Grundmelodie entsteht ein Klima gegenseitiger Akzeptanz und Förderung aller Lebensformen und der verschiedenen kirchlichen Berufe. Gemeinden können neu entdecken und schätzen lernen, dass sie einen Priester haben, der in seiner Person und seinem Amt eben mehr ist und mehr mitbringt als das, was viele Andere auch „erledigen“ könnten. Gemeinden können sich freuen, wenn junge Menschen in ihrer Liebe ein Geschenk Gottes sehen, das sie mit dem Sakrament der Ehe in die Gemeinde einbringen wollen. Gemeinden wird es dann aber auch beunruhigen und sie werden als Sorge und Leid erfahren, wenn kaum oder keine jungen Menschen ein Leben nach den Evangelischen Räten ergreifen. Berufungen ins Gespräch bringen und ins Gebet nehmen Gewiß bilden die eingangs skizzierten Störungen im Wertempfinden des Menschlichen überhaupt grundsätzlich kein gutes Klima für geistliche Berufe. Besonders empfindliche, ja schädliche Klimastörungen zeigen sich aber gerade dort, wo eine Lebensform der Evangelischen Räte wachsen soll. In der kulturellen Atmosphäre gibt es in unseren Breiten gefährlich erhöhte „Ozonwerte“, die das Verständnis für Armut, Jungfräulichkeit und Gehorsam, sowie für den Priesterberuf einschränken, ja oft unmöglich machen. Wenn Reichtum und Genuß, Körperkult und Sex, Egotrip und Macht die Meßlatte des Erstrebenswerten anführen, dann wird die Luft dünn für Menschen, die berufen sind, mit ihrem ganzen Leben dazu ein markantes Gegengewicht zu setzen. Wir erleben es ja oft genug - ohne aufmerksam und bewußt gewählte „Klimaschutzmaßnahmen“ geht vielen Berufenen die Luft aus. Woher sollen suchende junge Menschen den Mut und den langen Atem nehmen, gegen den Strom zu schwimmen? Damit wir heute und andere morgen glauben können, muß es Orte und Menschen geben, die Berufungen bewußt ins Gespräch bringen und ins Gebet nehmen. Die Mitglieder in den 75 Jahren PWB haben das wirklich getan - oft äußerlich unscheinbar und viel leiser als manch andere Initiativen. Sie haben wirksam für den Klimaschutz gesorgt, den Berufungen, den wir alle heute brauchen. Sie haben die Atmosphäre geprägt, in der die Grundmelodie „Weil du mir wertvoll bist“ auch heute gehört werden kann. Dafür gilt es an diesem Tag jeder und jedem einzelnen herzlich zu danken. |
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