Dr. Gertrud Pollak, Mainz

Für eine neue Kultur der Wertschätzung

„Berufung“ im Kontext gesellschaftlicher und kirchlicher Wirklichkeit

Bei der Jubiläumsfeier zum 75-jährigen Bestehen der Gebetsinitiative für geistliche Berufe in Freiburg i.Br. (vgl. S. 15) hielt Ordinariatsdirektorin Dr. Gertrud Pollak, Mainz, einen viel beachteten Vortrag. Mit freundlicher Genehmigung der Referentin wird der Vortrag hier mit einigen größeren Kürzungen und (neuen) Überschriften wiedergegeben. 


„Weil Du mir wertvoll bist“... Sind wir schwerhörig, begriffsstutzig, unaufmerksam - oder entspricht es einfach doch den Tatsachen? Die Zusage des diesjährigen Weltgebetstages für geistliche Berufe ist eine leise Botschaft, nicht vernehmbar im Gewirr der Öffentlichkeit, nicht diskutiert auf den Mattscheiben unserer Fernsehgeräte. „Weil Du mir wertvoll bist...“

Vielleicht ist es ja auch angemessen, dass dieses sehr vertraulich zarte Zeugnis der Zuneigung nicht auf die Straße gezerrt wird, sondern im Schutzraum einer persönlichen Beziehung bleibt. Wo sonst, als im persönlichen Gespräch sagt jemand einem anderen „Du bist mir wertvoll“, „Du bist mein Wertvollstes, mein Schatz. Ich liebe Dich.“ Den wirklichen Wert eines Menschen kennt nur die Liebe. Im Miteinander von Paaren und Familien ist hier erfreulich viel an Sensibilität und Wertschätzung, an Gesprächsfähigkeit und echter Toleranz gewachsen. Der Wert des anderen reizt, ergänzt, beglückt. Es gibt heute vielleicht mehr Mut als früher, das voreinander auch auszudrück- en.

Störungen im Wertempfinden
Dennoch treten diese leisen Botschaften seltener vor unser Ohr und Auge, als die laut vernehmbaren Stimmen des öffentlichen Lebens. Sie tönen oft sehr anders. Dort bestimmt der Wert eines Menschen sich nicht durch seine persönlichen Begabungen und Bedürfnisse, sondern durch die äußeren Rahmenbedingungen. Ob jemand wertvoll, brauchbar ist, klärt etwa der Stellenmarkt. „Weil Du nützlich bist“... passt Du ins Schema der öffentlichen Ranglisten. Der kommerzielle Marktwert eines Menschen entscheidet. Wie der Wert eines Menschen anzusetzen ist, bestimmt die Wirtschaft, die Werbung, der Trend.
Wie rücksichtslos schnell wird menschliches Leben mitten unter uns als wertlos gehandelt! Wer bei den Spielregeln der Leistungs- und Spassgesellschaft nicht mithalten kann, wird nicht nur gedanklich aussortiert. Das kalkulierende Gerede über Kranke und Alte legt nahe, dass sie doch eigentlich überflüssig, verzichtbar sind. 

Solche Entwertungstendenzen gipfeln gerade in den derzeit aktuellen Diskussionen um die Genforschung. Ich möchte weder simplifizieren noch verteufeln - aber hier blinkt ein Signal, das wir bei einem Jubiläum wie dem heutigen nicht übersehen dürfen. Entsteht da nicht ein Wertmaßstab von außen, ein Maß, das einen Menschen dann leben läßt, wenn er die von anderen gesetzten Wünsche erfüllt. Der Embryo ist genehm und lebenswürdig, weil er den Erwartungen künftiger Eltern oder dem Qualitätsschema von Forschern genügt. Heißt hier nicht die Botschaft für den im Wachsen begriffenen Menschen: „Weil Du genehmigt bist, sollst Du leben“?

Jeder Mensch - ein Wunschkind Gottes
Den wirklichen Wert eines Menschen kennt nur die Liebe. Ein aus ihr gezeugter Mensch erlebt den Willkommensgruß seiner Eltern: „Du bist uns wertvoll.“ Nach unserem christlichen Verständnis erfährt das Kind darin auch die viel weitreichendere Liebe unseres Gottes, der im Bund mit seiner Schöpfung lebt. „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter“, betet Psalm 139,13. Wir Christen glauben daran, dass jede und jeder aus der liebenden Bundesbeziehung mit Gott seinen Ursprung hat. Jeder Mensch ist von Ewigkeit her geliebt und vom Schöpfer erdacht. Der wirkliche Wert eines Menschen entspringt dieser Liebe. Gott sagt zu jedem: „Es gibt Dich überhaupt nur, weil Du mir wertvoll bist!“ Bei Gott ist jede und jeder ein Wunschkind.
Jeder Mensch ein Wunschkind Gottes - das gilt in einem doppelten Sinn: ein Wunschkind, weil von ihm gewollt und geliebt; ein Wunschkind aber auch, weil Gott sich etwas wünscht von unserem Leben. In jedem Wunschkind Gottes stecken Lieblingsgedanken, die er nur für diesen konkreten Menschen erdacht hat. Der Psalmist bringt das staunend und begeistert ins Wort. „Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ (Ps. 139,16). Vor Gott ist der Mensch nicht ersetzbar, sondern einmalig. 

Gottes Spur für mein Leben - das bin ich
Es gibt eine Spur, für die er nur diesen konkreten Menschen ins Leben gerufen hat - so sieht es

unser Glaube. Das korrespondiert mit der in jedem Menschen liegenden tiefen Sehnsucht nach Individualität und Selbstverwirklichung, die viele Menschen heute mehr denn je suchen. Wer in dieser Bemühung nicht nur eine eigene Lebensplanung ins Visier nimmt, sondern wirklich überzeugt ist, dass Gott einen Lebenswunsch an ihn hat, der wird die Markierungspunkte der göttlichen Fährte in sich zu suchen beginnen. Damit verlebendigt sich die persönliche Beziehung zu Gott. Es beginnt - vielleicht zaghaft - ein vertrautes Gespräch: „Weil Deine Spur, Gott, mir etwas bedeutet, weil sie, weil Du mir wertvoll bist, möchte ich Deine Wünsche für mein Leben entdecken. Weil Du Gott mir wertvoll bist, frage ich, was ich tun, was ich sein soll.“ Die eigene Berufung ins Gebet nehmen, aus der persönlichen Beziehung zu Gott fragen, was er mit meinem Leben vorhat.
Freilich ist dieses Selbstverständnis, dieser Blick auf das eigene Leben als Gottes Spur und die daraus rührende Suche nach der Entdeckung der eigenen Berufung auch unter Christen keine Selbstverständlichkeit. Sind wir doch ehrlich - wir haben es eigentlich nicht gelernt oder wieder verlernt, so groß von uns und jedem Menschen zu denken und daraus ein Gespräch mit Gott oder vertrauten Menschen zu machen. 

In unseren christlichen Gemeinden überwiegt anderer Gesprächsstoff. Es gibt dort Gott sei Dank noch viel Bereitschaft, mitzumachen, sich zu engagieren - aber gibt es vor aller Aktivität ausreichend Ruhe zum Hinhören auf Gott, auf seine Wünsche an uns und seine Zusage: „weil du mir wertvoll bist...“? Vielleicht muß aus unserer „Kirche des Machens“ wieder mehr eine „Kirche des Wachens“ werden, ein Raum gelassener Aufmerksamkeit und zuversichtlicher Offenheit, wo Gott und seine Botschaft wirklich als Wort an den/die einzelne erwartet wird und ankommen kann: „weil du mir wertvoll bist...“? 

Räume der Selbstachtung und Wertschätzung schaffen
Um das von Gott zu hören, braucht es eine entsprechende Atmosphäre und auch hier den Schutzraum der persönlichen Beziehung im Gespräch mit Gott. Es gilt, die eigene Berufung und die der anderen, ins Gebet zu nehmen. Wo sind in unserer Kirche solche Gebets-, Denk- und Lebensräume des Mühens um uneingeschränkte Selbstachtung und Wertschätzung jeder anderen Person - vor jeder Leistung? Wo sind die Orte, von denen eine solche Erfahrung überzeugend in unsere Gesellschaft ausstrahlt? Erfülltes Leben, als Berufung gelebtes Leben, gedeiht nur in einer wertgesättigten Atmosphäre, dort, wo einer vom andern groß denkt; Berufungen brauchen diese Atmosphäre, erfüllt und getragen von der leisen Grundmelodie „weil Du mir wertvoll bist...“

Im Wahrnehmen dieser Grundmelodie entsteht ein Klima gegenseitiger Akzeptanz und Förderung aller Lebensformen und der verschiedenen kirchlichen Berufe. Gemeinden können neu entdecken und schätzen lernen, dass sie einen Priester haben, der in seiner Person und seinem Amt eben mehr ist und mehr mitbringt als das, was viele Andere auch „erledigen“ könnten. Gemeinden können sich freuen, wenn junge Menschen in ihrer Liebe ein Geschenk Gottes sehen, das sie mit dem Sakrament der Ehe in die Gemeinde einbringen wollen. Gemeinden wird es dann aber auch beunruhigen und sie werden als Sorge und Leid erfahren, wenn kaum oder keine jungen Menschen ein Leben nach den Evangelischen Räten ergreifen. 

Berufungen ins Gespräch bringen und ins Gebet nehmen

Gewiß bilden die eingangs skizzierten Störungen im Wertempfinden des Menschlichen überhaupt grundsätzlich kein gutes Klima für geistliche Berufe. Besonders empfindliche, ja schädliche Klimastörungen zeigen sich aber gerade dort, wo eine Lebensform der Evangelischen Räte wachsen soll. In der kulturellen Atmosphäre gibt es in unseren Breiten gefährlich erhöhte „Ozonwerte“, die das Verständnis für Armut, Jungfräulichkeit und Gehorsam, sowie für den Priesterberuf einschränken, ja oft unmöglich machen. Wenn Reichtum und Genuß, Körperkult und Sex, Egotrip und Macht die Meßlatte des Erstrebenswerten anführen, dann wird die Luft dünn für Menschen, die berufen sind, mit ihrem ganzen Leben dazu ein markantes Gegengewicht zu setzen. Wir erleben es ja oft genug - ohne aufmerksam und bewußt gewählte „Klimaschutzmaßnahmen“ geht vielen Berufenen die Luft aus. Woher sollen suchende junge Menschen den Mut und den langen Atem nehmen, gegen den Strom zu schwimmen? 

Damit wir heute und andere morgen glauben können, muß es Orte und Menschen geben, die Berufungen bewußt ins Gespräch bringen und ins Gebet nehmen. Die Mitglieder in den 75 Jahren PWB haben das wirklich getan - oft äußerlich unscheinbar und viel leiser als manch andere Initiativen. Sie haben wirksam für den Klimaschutz gesorgt, den Berufungen, den wir alle heute brauchen. Sie haben die Atmosphäre geprägt, in der die Grundmelodie „Weil du mir wertvoll bist“ auch heute gehört werden kann. Dafür gilt es an diesem Tag jeder und jedem einzelnen herzlich zu danken.