Psychologische Beratungsstelle der ev. und der kath. Kirche Tübingen

Psychologische Beratung: Seelsorge pur

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ Dieses Bekenntnis und dieses Versprechen des II. Vatikanischen Konzils (1963 - 1965) zu Beginn der Pastoralkonstitution wird in den vielfältigen Beratungsstellen der Kirche in ganz besonderer Weise erfüllt.
Die vom Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen und der Diözese Rottenburg-Stuttgart getragene Stelle für Eltern-, Jugend-, Ehe- und Lebensberatung in Tübingen gewährte dem WEGBEREITER Einblick. Die kath. Beraterin Renate Oetker-Funk (47) erzählt aus ihren Erfahrungen.

Die Beratungsstelle liegt unauffällig, idyllisch am Neckar, genau am Stauwehr. Während hier die Wasser aufgestaut werden, bietet die Beratungsstelle gerade die Chance, Barrieren abzubauen, zuzulassen, was bisher nicht sein durfte: Angst, Scheitern, Versagen. „Das ist das wichtigste, dass die Menschen, die hierher kommen, zunächst mal einen Raum finden, wo sie sagen können: >Ja, hier ist es gut<“, stellt Frau Oetker-Funk an den Anfang, „und dazu gehört vor allem auch Zeit, um in Ruhe sprechen zu können. Wir machen alle die Erfahrung, dass Menschen sich sehr schnell öffnen können, wenn sie das Gefühl haben, da will jemand hören, was sie zu sagen haben.“ Dabei erwähnt sie die Ausbildung, in der Berater ja lernten, Signale zu setzen: „Hier können Sie sagen, was sie sagen wollen“.
Die Ausbildung zur Ehe-, Familien- und Lebensberaterin setzte Frau Oetker-Funk auf ihr Studium der Theologie und Erziehungswissenschaften drauf. Ursprünglich wollte sie Pastoralreferentin werden. Sie ist überzeugt: „Was ich mit dem Theologiestudium bzw. mit dem Berufsziel Pastoralreferentin verwirklichen wollte, das kann ich hier in hohem Maße praktizieren, ohne dass ich viel darüber spreche.“ In ihrer eigenen Suche nach Sinn, nach Hoffnung, nach einem tragenden Lebensgrund fühle sie sich sehr verbunden mit den Rat Suchenden, die auch auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens seien, auch wenn sie das meist nicht mit Worten, schon gar nicht mit religiösen Worten zum Ausdruck brächten. 
Mitfühlen, sich hineindenken können in den Rat Suchenden, ist das immer möglich, wenn jemand beruflich mit vielen Menschen im Gespräch ist? Aber offensichtlich ist das nicht so sehr eine Frage der Quantität, sondern eine Frage der eigenen Erfahrungen. Oetker-Funk gibt eine ganz persönliche Antwort: „Es gibt bestimmte Probleme, bei denen ich mich ganz schlecht einfühlen kann, z.B. bei Suchtproblemen. Ich bin eher kontrolliert, ich rauche nicht, ich trinke nicht viel, ich habe meine Sachen einigermaßen in Ordnung. Wenn z.B. Menschen mit Essstörungen kommen, da tue ich mich schwer, das zu verstehen - und die Menschen merken das auch. Das sind auch die Beratungen, die am ehesten nicht gelingen.“ Dabei komme es nicht unbedingt darauf an, genau all jene Erfahrungen gemacht zu haben, die Klienten haben, aber wichtig sei es doch, von der Grundproblematik, von dem, was als Not hinter einem konkreten Verhalten steht, wenigstens eine Ahnung zu haben. Frau Oetker-Funk nennt ein Beispiel: „Vielleicht erschreckt sie das, wenn ich es so sage, aber ich glaube, dass ich mich ein Stück einfühlen kann in einen Mann, der seine Frau schlägt. Ich kann mir vorstellen, dass eine Lebenssituation so wahnsinnig ohnmächtig und wütend machen kann, dass man losschlägt.“ Dieses Vorstellungsvermögen sei wohl nötig, um sich von dem moralischen Verbot, das darf doch gar nicht sein und deshalb darf man auch nie so fühlen, frei zu machen.18 Beraterinnen und Berater sind an der Stelle meist in Teilzeit fest angestellt, sie alle haben ihre eigenen Lebenserfahrungen, sie haben verschiedene Studienabschlüsse, neben der Beraterausbildung haben sich manche weiter spezialisiert, z.B. in der Erziehungsberatung. Und diese Vielfalt wird auch in dem großen Haus sichtbar. Jedes Beraterzimmer hat seinen eigenen Charakter, im einen stehen mehr Blumen, im anderen mehr Bücher, im dritten Spielzeug für Kinder, nicht zu vergessen das Zimmer für therapeutisches Spiel der Kinder oder das Zimmer mit Tischsandkästen für Erwachsene. 

So kann die Beratungsstelle die besondern Anliegen von Rat Suchenden berücksichtigen, und manchmal wird es einfach auch der glückliche „Zufall“ sein, der einen Rat Suchenden gerade mit dem oder der für ihn „bestimmten“ Berater oder Beraterin zusammenbringt.
Aber ein solches Haus hat seine Bedeutung nicht nur nach außen, sondern auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst, vor allem, wenn es darum geht, das Leid, das ihnen begegnet, zu verarbeiten. Frau Oetker-Funk nennt an erster Stelle den spontanen Austausch mit ihren Kollegen und Kolleginnen, aber auch die Fallbesprechungen und die regelmäßige Supervision: „Gerade die Supervision hilft auch wieder, eine fachliche Distanz zu schaffen, um arbeiten zu können. Es ist immer ein Oszillieren zwischen Verstehen und Distanzierung, es ist ein Pendeln“, und weiter, „ich finde das als einen großen Vorteil an der Arbeit in einer solchen Institution, dass ich weiß, ich bin in diesem Haus getragen“.

Das Grundsatzpapier der psychologischen Beratungsstellen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart nennt diese Einrichtungen auch Seismographen für unsere Zeit, woraus es ihre Verpflichtung ableitet, gegen-über Kirche und Gesellschaft Stellung zu beziehen. Dazu betont der Leiter der Beratungsstelle Ulrich Schlude-Niessen, dass es nach wie vor ein großes Bedürfnis nach spiritueller Bindung gibt, was eben über den Alltag, über das Auto, das Haus hinausreicht. Gleichzeitig aber schwinde die Hoffnung, dies bei den Kirchen zu finden. „Was nötig ist, ist wohl eine neue Form von Beziehungsangeboten; viele Leute fühlen sich einfach durch alles Dogmatische abgeschreckt, die Form des Gottesdienstes braucht eine dringende Überholung, auch wenn es schwer ist zu sagen, wie er dann eigentlich sein soll“, fasst er seine Anregungen zusammen. Beim gesellschaftlichen Aspekt sieht Schlude-Niessen eine systematische Benachteiligung der Familien, dann aber formuliert er: „Zugegeben, das ist etwas vage oder auch utopisch, aber man müsste einmal das Ausmaß der Angst vor Versagen in dieser Gesellschaft deutlich machen können, man müsste das einmal wie bei der Zahnbehandlung für zwei Tage einfärben können, dann würde man merken, was untergründig in unserer Gesellschaft los ist.“

Frau Oetker-Funk würde der Kirche gerne ins Stammbuch schreiben, dass sie mehr zur Kenntnis nimmt und würdigt, wie Menschen sich abmühen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, auch wenn das oft nicht in traditionellen Formen, nach Dogma und Kirchenrecht geschieht. Dabei liege das Problem weniger bei den einzelnen Seelsorgern und Seelsorgerinnen vor Ort, sondern bei der sogenannten offiziellen Stimme der Kirche, die eben doch das Urteil der Menschen über „die Kirche“ präge. „Was da die oft pauschalen Äußerungen von kirchlichen Hardlinern unter den Bischöfen schon angerichtet haben, das ist im Einzelfall nur schwer wieder gut zu machen“, davon ist sie überzeugt.

Diese Haltung bzw. diese Forderung an die Kirche hat für sie einen tiefen Grund. Der Satz, „mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ in der Kreuzesszene habe für sie einen ganz tiefen theologischen Sinn: das Wort von der Gottverlassenheit als schlimmste Form von Verlassenheit, d.h. nicht nur die Menschen verlassen mich, sondern auch Gott verlässt mich, dieses Wort Jesus sei das tiefste Symbol seiner Solidarität mit jenen, die sich gottverlassen und menschenverlassen fühlen. „Mit einem Glauben, der auch solche Situationen ernst nimmt, kann ich etwas anfangen“, bekennt sie. 

Aus dieser Perspektive ist ihre Arbeit an der kirchlichen Beratungsstelle Seelsorge im christlichen Sinn des Wortes. Dies bekam sie auch schon aus berufenem Munde zurückgemeldet. Bei einer Tagung im Priesterseminar in Rottenburg habe ihr der Direktor gesagt: „Was Sie hier als Ihren Dienst schildern, das ist es, was die Priesterkandidaten einmal wollen: Seelsorger sein.“