Element einer neuen Pastoral |
| Auch heute sind viele Menschen religiös, aber nur noch eine Minderheit fühlt sich mit einer Kirchengemeinde verbunden. Der Religionssoziologe Michael Eberts, Freiburg, schlägt daher die Weiterentwicklung der Gemeindepastoral zur Kommunikationspastoral vor. Er meint damit eine pastorale Praxis, die von Menschen aufgesucht werden kann, ohne über eine Gemeinde vermittelt zu sein wie z.B. Telefonseelsorge, Beratungsstellen, Familienbildung usw. Zudem verspricht er sich davon ein individuelles Ernstnehmen des Menschen. Frau Dr. Angelika-Benedikta Hirsch, Berlin, u.a. tätig als Beraterin in der „offenen tür berlin“ macht deutlich, wie dieser Ansatz fruchtbar wird. Therapie: Gottesdienst und Menschendienst Das alte griechische Wort therapeia bedeutet zuerst „Dienen, Bedienen, Gefälligkeit, Achtungsbezeigung, Aufwartung, Verehrung, besonders auch Verehrung und Pflege der Götter“. Dann bedeutet es auch „Besorgung, Dienstleistung, Behandlung, Wartung, Pflege, Kur, Heilung eines Kranken“. Im Wortfeld eingeschlossen sind also „geistige“ Dimensionen wie die Gottesverehrung und handfeste Dimensionen wie das Bedienen und Heilen. Beides wird im NT mit Jesus vielfach in Verbindung gebracht. Einerseits die absolute Ausrichtung auf Gott hin, das hingebende Erfüllen seines Willens. Daraus folgt dann, dass er die Menschen, die zu ihm gebracht werden, auch heilt. Die Evangelien sind voll von Heilungsgeschichten. Heilen und Dienen gehören zusammen, auch für die Jünger (vgl. z.B. Lk 9,1-6 und Lk 22,24ff). Jesus selbst ist das Vorbild therapeutischen Handelns. Heilen statt bekehren In unserer Gesellschaft haben sich viele Menschen informell oder formell von der Kirche getrennt. Vor allem in den Großstädten ziehen die meisten das liberale, von sozialen Zwängen, d.h. auch von praktizierter Kirchenzugehörigkeit, weitgehend freie Leben vor. Die andere Seite der Medaille ist, dass viele in unserer „freien“ Gesellschaft innere Leere, seelische Verwundungen, Wunsch nach heilem Leben und heilenden Begegnungen spüren. Was tun? Gegen Glaubensabfall predigen oder handeln? Die theologische Antwort ist alt: Gratia supponit naturam - Gnade baut auf Natur auf. Brecht überträgt das respektlos in: Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral. |
Zum Beispiel: offene tür berlin Ein Beispiel aus der Praxis: In der offenen tür berlin (otb - einer von Jesuiten geleiteten offenen Beratungsstelle) wird seit über 40 Jahren versucht, in einer freien, professionellen und nicht direktiven Art der Beratung für Menschen da zu sein. Alle MitarbeiterInnen haben kirchlichen Hintergrund und therapeutische (Zusatz)Ausbildungen. Die Menschen, die in die otb kommen, sind oft unter großem Leidensdruck und es ist ihnen zunächst egal, ob der Hintergrund der Beratungsstelle kirchlich ist oder nicht. Viele kommen aber auch gerade in eine Einrichtung wie die otb, weil sie dort „mehr“ erwarten. Manchmal genügt eine Krisensitzung. Oft aber beginnt ein längerer therapeutischer Prozess, indem die eigene Geschichte neu begriffen, die verdrängten Seiten angesehen und die Weichen neu gestellt werden. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Es geht auch um Sinnfindung, Annahme und Veränderung, es geht um Kontakt- und Konfliktfähigkeit. Für viele Menschen gehört in diesen Prozess irgendwann auch die Frage nach Gott, nach Religion und Kirche. Sie suchen eigene Antworten, keine vorgefertigten und sie suchen ein Gegenüber, das sie darin unterstützt und akzeptiert. Man könnte dies alles auch so zusammenfassen: Therapie ist ein Prozess, in dem sich ein Mensch bemüht, so zu werden wie er/sie gemeint ist. Biblisch gesprochen heißt das: Gottes Ebenbild werden, was nicht verwechselt werden sollte mit „Mir-sympathisch-Werden“ oder mit „In-mein-Weltbild-Passen“. Die Kirche befindet sich in einem schwierigen Veränderungsprozess. Es ist noch lange nicht ausgemacht, wohin er führt und ob er gelingt. Solche Prozesse erstrecken sich gesellschaftlich über lange Zeit. Wir sind es den kommenden Generationen schuldig, unseren Teil der Verantwortung heute zu übernehmen. Dazu sind kirchliche Angebote von freier, ergebnisoffener Beratung und therapeutischer Begleitung von Menschen eines der glaubwürdigsten Mittel der Gegenwart. Internetadressen: offene tür berlin: www.ot.berlin.de Dr. Angelika-Benedikta Hirsch: www.grenzgaenge.de |
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