Brücke und Auge der Kirche |
| Den Diakon gab es schon in der frühen Kirche als Teil des dreigegliederten Amtes: Bischof, Priester, Diakon. Das II. Vatikanische Konzil hat das Amt in seiner vollen Gestalt wieder hergestellt. Es wird in zwei verschiedenen Formen ausgeübt, im Hauptberuf oder mit Zivilberuf. In der Diözese Osnabrück wurden vor 25 Jahren die ersten Ständigen Diakone geweiht. Maria Anna Leenen, freie Journalistin und Autorin, besuchte Diakon Hubert Siemer in Bersenbrück. Der Raum ist klein und ruhig, die Türen sind aus Milchglas. Auf dem halbrunden Eichentisch Prospekte: Thema Bluthochdruck. An der Wand ein Plakat mit Küchenkräutern in Farbe. Regale mit Büchern, von oben lugt verschmitzt ein orangefarbenes Plüschtier herunter. Die Stühle sind bequem, die Atmosphäre entspannt. Im Hintergrund sind die Stimmen der Mitarbeiterinnen zu hören und das helle Ding-Dong der Türglocke, wenn Kunden kommen. Hier im Beratungszimmer der Artland-Apotheke in Bersenbrück hat schon so mancher Mut gefasst. Hat sich öffnen können und drängende Fragen gestellt. Manchmal käme jemand, verlange vorne eine Tüte Bonbons, erzählt Hubert Siemer. Wenig später säße er dann hier. Viele gute Gespräche seien daraus entstanden. Hubert Siemer ist Apotheker und Ständiger Diakon. Einer von 40 Diakonen mit Zivilberuf des Bistums Osnabrück. Sein Beruf bringt ihn mit vielen Nöten in Kontakt. „Man wird häufig mit Problemen überschüttet.“ Die Apotheke sei für die Menschen eine gute Anlaufstelle. Viele Gespräche würden zuerst pharmazeutisch beginnen und dann sehr tief werden. Und er erzählt von einem Krebspatienten, den er mit Medikamenten versorgt hätte. Nach den ersten vorsichtigen Gesprächen hätten sie miteinander beten können. Die tröstliche Begleitung sei bis zur letzten Stunde gegangen. Diakon kommt von diakonus, Diener. Auge der Kirche soll er sein und aus seiner persönlichen Erfahrung die Not der Schwachen und Einsamen, der Ausgegrenzten in den Blick der Gemeinde bringen. Für Hubert Siemer ist der Beruf des Diakons kein Zweitjob. „Diakon ist in erster Linie Berufung! Ich bin Diakon durch und durch in allen meinen Bereichen. Es ist nicht so, dass ich um 6.00 Uhr aufstehe und um 7.00 Uhr für eine halbe Stunde Diakon werde und das dann um 8.00 Uhr wieder ablege.“ Hohe Sensibilität ist gefragt, die Fähigkeit zum Hören, zum Sehen der Ängste und Sorgen, die schüchtern und verschämt versteckt werden. Diese aufzuspüren, mitfühlende Hilfe anzubieten, ist für Siemer diakonisches Handeln. Wobei es oft schon reicht, dass er erstmal zuhört: dem Obdachlosen, dessen Hund eine verletzte Pfote hat; der Aussiedlerin, die einen Pflegefall zu Hause versorgt und die scheu anfragt: „Können Sie nicht von der Kirche auch mal kommen?“ Oder den Menschen, die schwer erkranken und mit dem Ehepartner nicht über den Tod reden können. Da versucht er zu vermitteln, dass man über den Tod sprechen kann und auch aus dieser letzten Phase einer Partnerschaft Kraft schöpfen kann. Diakon Siemer versucht da zu sein. Auch dann, wenn spät abends die Frau eines Sterbenden anruft und leise fragt: „Würden Sie wohl kommen? Es geht zu Ende.“ Diese Begegnungen sind wichtige Erfahrungen im Raum der Kirche. Im Diakon finden die Menschen einen Mann der Kirche, der ihr Nachbar, ihr Arbeitskollege ist. Der ihre Probleme kennt, weil er sie vielleicht selber schon durchlebt hat. Diakon Siemer weiß, wie hart zum Beispiel die heutige Arbeitswelt ist. „Dieser Druck, der überall zunimmt und dem viele nicht gewachsen sind.“
|
Als Ehemann und Vater von drei Kindern kennt er auch die Sorgen einer Familie und die Diskussionen bei Tisch um Glauben und Kirche. Von Anfang an auch war der Diakonat eine Entscheidung der ganzen Familie, die bis heute das Amt des Vaters mitzutragen versucht - auch wenn das nicht immer leicht ist. Für Hubert Siemer gilt dabei in allen Situationen: „Den Menschen immer als Menschen sehen, als Ebenbild Gottes, als Spiegel Gottes.“ Eine Möglichkeit, Nöte der Randgruppen zu Gehör zu bringen und diakonisches Denken und Handeln anzuregen, ist die Predigt. „Mir fällt das Predigen relativ leicht. Es ist eine eigenartige Sache damit. Ich kann mich da auf den Heiligen Geist wirklich verlassen.“ Auch wenn ihm vorher nichts einfiele, am freien Donnerstagnachmittag klappe es dann plötzlich. „Und wenn ich dann am Ambo stehe, werfe ich alles ab, lasse mich fallen.“ Noch Tage später kämen oft Rückmeldungen in der Apotheke an. Und manche Gedanken ließen sich am Apothekertresen weiter ausführen. „Ich erlebe die Gemeinde in der vollen Breite und Tiefe. Von sehr konservativ und streng bis zu sehr liberal und frei, von zwei Jahren bis 90 - und ich kann in vielen Fällen vermitteln, kann Brücke sein und Kontakte ermöglichen.“ All das braucht Zeit. Und Kraft und Ausdauer, denn die Arbeit als selbstständiger Apotheker ist mit mehr als 50 Wochenstunden nichts, was nebenbei erledigt werden kann. Und Frau und Kinder haben ihn auch gerne einmal für sich allein. Ein Bild, das er zur Diakonenweihe 1993 geschenkt bekam und das er gerne zeigt, macht Kraftquellen deutlich: Christus als Apotheker, den Menschen brüderlich zugewandt. Umgeben von Medizinflaschen, die gefüllt sind mit Erbarmen, Glaube, Großzügigkeit, Milde, Hoffnung und Geduld. Im Gebet und in regelmäßigen Auszeiten spürt er der Beziehung zu Christus nach. Dabei betet er gerne frei. Anregungen bekommt er auch durch die Texte der action 365,deren Bücher er verschenkt. „Christus ist für mich der Bruder und Freund, an dem man sich orientieren möchte. Für mich ist er so selbstverständlich geworden, dass ich mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen könnte.“ Einen Moment überlegt er: „Mir wird das bewusst, wenn ich die Krankenkommunion bringe. Da bin ich irgendwie in einer anderen Funktion sozusagen. Da sagen die Leute: Ach, du bist gekommen? Und ich antworte dann: Ich bin nicht allein gekommen, ich habe noch jemanden mitgebracht. Das ist für die Leute immer eine Art Glaubensappell und für mich ein Glaubensbekenntnis und ... Realität! Und ich habe häufig das Gefühl, das, was du sagst, das sagst gar nicht du, sondern das sagt der, den du mitgebracht hast. Du leihst ihm nur deine Stimme. Christus ist für mich der ständige Begleiter, ein vertrauensvoller Begleiter. Manchen Begleitern sagt man ja: jetzt kannst du mal draußenbleiben. Aber er ist einer, den man überall mit hinnehmen kann. Und der eigentlich auch überall willkommen ist.“ Von Maria Anna Leenen ist dieses Jahr im St. Benno Verlag, Leipzig, das Buch erschienen: Mit dem Herzen im Himmel, mit den Füßen auf der Erde Sieben Berufungsgeschichten Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Maria Anna Leenen vom Berufungsweg und der Spiritualität von sieben Männern und Frauen aus den verschiedensten Ordensgemeinschaften. |
|
|
|