Anforderungen und Bewältigungsstrategien
in psychosozialen Berufen

Was stärkt die Helfer?

Psychosoziale Berufe fordern immer den Menschen in seiner ganzen Person, es braucht bestimmte Voraussetzungen und Strategien, um mit den Belastungen umgehen zu können. Dr. Eva-Maria Sagstetter, Leiterin des Krisendienstes „Horizont“, Regensburg, einer Einrichtung für Hilfe bei Selbstmordgefahr, beschreibt einige Aspekte, die für Helfer wichtig sind. Die Einrichtung „Horizont“, die auch für Angehörige von Suizidgefährdeten und für Hinterbliebene nach einem Suizid Hilfen anbietet, wird von der Caritas der Diözese Regensburg und vom Diakonischen Werk des Evang.-Luth. Dekanatsbezirks Regensburg gemeinsam getragen. 


Ein Arbeitstag in der Beratungsstelle: Im Terminkalender waren drei Termine vorgemerkt; um 9 Uhr Herr M., für den - nachdem ihn seine Frau mit den beiden Kindern verlassen hat - das eigene Leben sinnlos geworden ist, um 10 Uhr 30 Frau Z., die als Alleinerziehende ihrem halbwüchsigen Sohn völlig überfordert ist, und um 12 Uhr Frau T., die ihre Gesellenprüfung nicht bestanden hat und in ihrer Verzweiflung einen Suizidversuch begangen hat. Am Nachmittag besucht eine Gruppe von Lehrern die Beratungsstelle, um sich zu informieren. Hier höre ich eine schon oft gestellte Frage: „Wie werden Sie denn persönlich mit der Fülle von Leid fertig, mit der Sie in Ihrem Beruf konfrontiert sind?“ 

Professionalität
Antworten lassen sich auf verschiedenen Ebenen finden. Therapeut (griechisch therápon) bedeutet Diener oder Gefährte. Ein Therapeut ist also der, der durch sein Wissen, seine Fähigkeiten und nicht zuletzt durch seine Person in einer schwierigen Zeit Begleiter und Gefährte ist. Sicher schafft eine gute Ausbildung in therapeutischen Interventionsmöglichkeiten sowie in Psychodiagnostik eine gute Grundlage, kompetent mit den unterschiedlichsten Problemkomplexen und Störungsbildern umzugehen. 

Grundlegende Anforderung an die Persönlichkeit und die professionellen Fähigkeiten eines Psychotherapeuten ist es, in einer ganz besonderen Weise eine Beziehung anbieten zu können. Die therapeutische Beziehung sollte jedoch frei sein von den Problemen und Themen der Lebensgeschichte des Helfenden. Um der Individualität des Hilfesuchenden gerecht zu werden, muss er vermeiden, im Sinn seines eigenen Lebens zu reagieren. 

Dies ist ein wichtiger Grund, warum es günstig ist, wenn Helfende selbst in einem psychotherapeutischen Rahmen (z.B. bei der Selbsterfahrung im Rahmen einer Zusatzausbildung) die eigene Lebensproblematik klären und bearbeiten. Im Berufsalltag ist die Möglichkeit zur kontinuierlichen Supervision, in der schwierige Fälle durchgesprochen werden, ein wichtiges Korrektiv in mitunter verfahrenen Konfliktkonstellationen. Eine wichtige, den Beratungsalltag stabilisierende und ausgleichende Funktion hat auch ein gut funktionierendes Team, in dem kurzfristige Rück-sprache oder ein entlastendes Gespräch (das typische Teeküchengespräch) möglich sind. 

Sinnstiftende Bezüge
Ohne Zweifel sind Aspekte wie die Erfahrungen, dass die helfende Tätigkeit für den Hilfesuchenden sinnvoll ist, dass aber auch Sinn in der helfenden Beziehung für den Helfer selbst in einer sehr konkreten Weise erfahrbar wird, positiv motivierende Momente der therapeutischen Arbeit. 
Schließlich gleicht in gewisser Weise die psychotherapeutische Situation der des Theseus aus der griechischen Mythologie. Der Helfende muss in der Lage sein, ins Lebenslabyrinth des Hilfesuchenden zu treten, sich darauf einzulassen, dies in seiner Komplexität wahrzunehmen und einen Faden zur Verfügung zu haben, der ihm helfen kann, gemeinsam mit dem Betroffenen den Weg nach draußen zu finden. So einen Faden zu haben, beinhaltet, auch im eigenen Leben in vielfacher Hinsicht eine - immer wieder aufs neue zu findende - „Verortung“ zu haben: sei es in sozialer oder spiritueller Hinsicht, oder generell in sinnstiftenden Bezügen, die über den Beruf hinaus reichen. 

Genuss-Fähigkeit 
Eine zentrale Rolle, gerade um dem vielzitierten Burn-out in therapeutischen Berufen entgegenzuwirken, spielt die Notwendigkeit, das eigene Leben immer wieder auch in seinen lebendigen Bezügen zu erfahren, dass also Erfahrungen wie z.B. Freude, Genuss, Intensität oder das Erleben von Solidarität und Zugehörigkeit wichtige und tragende Bestandteile des eigenen Lebens sind. Dafür Sorge zu tragen, ist die Prophylaxe schlechthin, das eigene Leben, im Angesicht der Fülle an Leid und Not, mit dem ein helfender Beruf konfrontiert, in einer guten Balance zu halten.