Pfarrer und Dekan Unfried, Kriftel/Frankfurt

Große Aufgaben gelassen meistern


Pfarrer und Dekan, das bedeutet eine Fülle von Aufgaben. Ist das überhaupt zu bewältigen? Andreas Unfried, Pfarrer und Bezirksdekan im Main-Taunus-Kreis scheint alles leicht auf die Reihe zu bekommen. Barbara Schmidt (Text), Hofheim, und Paul Müller (Bilder), Mainz, haben ihn besucht.

Persönliche Spiritualität
mit der Gemeinde teilen
Kriftel. Es regnet in Strömen. Kein einladendes Wetter, um sich am Abend noch einmal hinaus zu wagen. Doch die Kirchentür von St. Bartholomäus öffnet sich wieder und wieder. Wenn die Priestergemeinschaft „Maranatha“ zum Abendgebet lädt, ist das manchem auch unangenehme Wege wert. Im Chorraum der Kirche im Frankfurter Stadtteil Zeilsheim herrscht gedämpftes Licht. Andreas Unfried hat seine Vorbereitungen sorgsam getroffen. Der Verstärker ist angeschlossen, die Gitarre gestimmt. Ruhig sitzt er nun da und wartet. Als auch der Letzte einen Platz gefunden hat, das 19 Uhr-Läuten verklingt, eröffnet Pfarrer Ludwig Reichert die Gebetszeit. Die Frage: „Was wäre, wenn Jesus heute zu uns zu Besuch käme?“ soll diesmal im Mittelpunkt stehen. Doch zuerst ein Lied. Andreas Unfried greift zur Gitarre und stimmt an: „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde ...“
Tonangebend sein, für den 35jährigen eine gewohnte Übung, nicht nur, was die Musik angeht. Seit dreieinhalb Jahren ist er Pfarrer der Krifteler Gemeinde St. Vitus, seit zwei Jahren außerdem Bezirksdekan für die rund 80.000 Katholiken im Kirchenbezirk Main-Taunus zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Als solcher ist er nach dem Abendgebet, das er als „Highlight des Tages“ empfindet, unterwegs.

Moderne Technik nützen
Der pinkfarbene Kleinwagen mit dem keck dreinblickenden Fisch-Aufkleber auf dem Heck gehört zu den unverzichtbaren „Arbeitswerkzeugen“ des Bezirksdekans. Auch das Handy, gegen das sich mancher Amtsbruder noch sträubt, ist für Andreas Unfried kein Teufelszeug. „Es ist einfach praktisch“, sagt der Vielgefragte, der über die drahtlose Verbindung vor allem für seine Freunde wieder besser erreichbar sein wollte. „Wenn ich sonst abends nach Hause kam und den Anrufbeantworter abhörte, war es für einen Rückruf meist viel zu spät.“ Mit dem Handy hat er nun auch als Seelsorger und Gemeindeleiter schneller ein Ohr. „Das sorgt für weniger Frust“, sagt der 35jährige, für den es wichtig ist, für seine Gemeinde ansprechbar zu sein, zumal er als Mitglied der Priestergemeinschaft „Maranatha“ nicht im Krifteler Pfarrhaus, sondern in der benachbarten Kreisstadt Hofheim wohnt.

In der Priestergemeinschaft zu Hause
Dort hat auch dieser Tag begonnen. Um 7.30 Uhr hat sich Andreas Unfried mit seinen zwei Mitbewohnern, dem Hofheimer Pfarrer Reinhold Kalteier (52) und dem Zeilsheimer Pfarrer Ludwig Reichert (45) zum Morgengebet im kleinen Andachtsraum unter dem Dach des altehrwürdigen Pfarrhauses getroffen. „So ein regelmäßiges Gebetsleben, das ging früher nie, da hatte ich nie die Zeit dafür“, schmunzelt Unfried. In Gemeinschaft geht eben alles besser, das Gefühl „die anderen warten ja auf mich“, sorgt für Disziplin, ist so für den jüngsten des Priestertrios „eine Stütze des geistlichen
Lebens“.
Doch nicht nur im Gebet schätzt Unfried die Gemeinschaft: „Es ist ganz einfach schön, abends nicht in eine leere Wohnung zu kommen.“ Schon während des Studiums hatte er eine Zeitlang in einer Priestergemeinschaft gelebt, dort reifte auch sein Entschluß, sich weihen zu lassen.

 

Gemeindepfarrer statt Hauskaplan
Nach dem Frühstück zu dritt haben sich die Pfarrer, jeder entsprechend seinem Terminkalender, an ihr Tagewerk gemacht. Ein ganz gewöhnlicher Montagmorgen beginnt. Für Andreas Unfried heißt das, im Büro im Krifteler Pfarrhaus zunächst einmal die fälligen Rechnungen anzuweisen. Um neun Uhr setzt er sich erneut ins Auto, fährt zu einem Ehepaar, das sich auf seine Goldene Hochzeit freut. Die Gestaltung der Feier muß besprochen werden, eine Extra-Messe allerdings gibt es bei solchen Anlässen nicht. Die meisten Katholiken in Kriftel haben es längst akzeptiert, daß die Gemeindemessen Ort für alle möglichen Gedenken sind. Trauer und Freude haben hier Raum, ob Beerdigung, Taufe oder eben Goldene Hochzeit, sie alle gehören in die Mitte der Gemeinde, sollen nicht als Privatveranstaltungen mißverstanden werden.
Eine konsequente Haltung aus theologischer Überzeugung, die für den Pfarrer aber auch ein Stück Selbstschutz gegenüber der Anspruchshaltung der Gemeinde bedeutet. Als Priester möchte Andreas Unfried nämlich nicht nur als Sakramentenspender fungieren, während die nichtgeweihten Hauptamtlichen - in Kriftel steht ihm noch eine Pastoralreferentin zur Seite – Seelsorge und Verwaltungsaufgaben übernähmen. „Das wäre mir auch zu einseitig“, erklärt der gebürtige Frankfurter, für den es zur pastoralen Teamarbeit längst keine Alternative mehr gibt. Am Nachmittag hilft er, neue Gesangbücher in die Kirche zu schleppen und übernimmt, weil Pfarrsekretärin und Pastoralreferentin frei haben, auch den Telefondienst. „Eine schöne Mischung“ biete ihm sein Beruf, der „eher eine Generalistenaufgabe“ sei, lacht Andreas Unfried.

Leitungskompetenz schafft Freude an der Zusammenarbeit
Nach dem Abendgebet trifft er jetzt im historischen Küsterhaus der Weinstadt die Vorstände der Pfarrgemeinderäte der Hofheimer Gemeinden, die zur konstituierenden Sitzung des Pastoralausschusses gekommen sind. Erwartungsvoll blicken sie auf den Sitzungsleiter, ihren Bezirksdekan. Der hat bereits den Tageslichtprojektor fachmännisch angeschlossen, gemeinsam mit dem Ortspfarrer Stühle gerückt und auch schon mal einen Flachs gemacht. Humor gehört nämlich für den jungen Priester unbedingt dazu. Sich selbst nicht zu ernst und wichtig zu nehmen, „das hilft“, lacht er überzeugt.
Doch Andreas Unfried muß sich in der bevorstehenden Sitzung nicht allein auf seine gewinnende Art und seinen Witz verlassen, er ist – einmal mehr – gut vorbereitet. Routiniert übernimmt er die Leitung. „Meine Hochachtung“ lobt er, als er feststellen kann, wie wohlvorbereitet auch seine Gesprächspartner sind. Es geht um die Zusammensetzung des Pastoralausschusses, einem Gremium, das im sogenannten pastoralen Raum, in dem sich mehrere Gemeinden einen Pfarrer teilen, die Koordinierung erleichtern soll. „Ist es sinnvoll, Delegierte zu wählen oder können nicht einfach die PGR-Vorstände den Pastoralausschuß bilden?“ wird Unfried gefragt. „Wenn Sie sagen, daß es für Sie so praktikabler ist, ist das zwar nicht buchstabengetreu, aber es wird Sie deshalb ganz sicher kein bischöfliches Verbot ereilen“, meint der Bezirksdekan ohne Zögern. Er hat erkannt, wie weit die beiden Hofheimer Gemeinden schon auf dem Weg zu mehr Effizienz vorangeschritten sind. Warum nicht ihrer Einschätzung vertrauen?
Zügig geht die Sitzung ihrem Ende entgegen. Um 21.30 Uhr sitzt Andreas Unfried wieder im Auto, unterwegs Richtung Hofheim, nach Hause. Es regnet noch immer. Doch aus dem Wohnzimmerfenster in der Pfarrgasse dringt bereits Licht. Ein wenig Zeit bleibt noch an diesem gewöhnlichen Montag, um mit den Mitbrüdern ein bißchen zu reden, zu erzählen und miteinander zu lachen. (Vgl. den Buchhinweis auf S. 14: Andreas Unfried, Da murrte das Volk)