Als ganzer Mensch
Zeugnis geben für den nahen Gott


Von Weihbischof Dr. Johannes Kreidler, zuständig für die Ausbildung und Förderung der pastoralen Berufe und der Priester in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Berufung durch Gott – heißt: Erkennen, daß Gott mir und allen mit seiner Gnade, seinem Wohlwollen, immer schon zuvorgekommen ist, daß seine Hand schon ausgestreckt ist, sein Ohr mir schon zugeneigt, sein Herz den Rhythmus des meinen schon mitschlägt.

Aus der Zuwendung Gottes leitet sich der Dienst in der Kirche ab. Von hier erhält er seine Mitte: Der Dienst des Priesters in der Kirche führt das heilende Wirken Jesu weiter und verwirklicht es auf dem Weg der Verkündigung in Wort und Sakrament.

Gottes Nähe radikal ernst nehmen
Im Leben des Priesters soll davon etwas spürbar werden. Gott braucht Menschen, die durch ihr eigenes Leben die Versöhnung und das Erbarmen Gottes der Welt sichtbar machen. Der Priester ist gerufen, zu den Menschen zu gehen und ihnen zu sagen, daß sie nicht bloß ein Leben der Zeit, sondern ein Leben der Ewigkeit haben. Der Priester soll segnen, er soll vergeben, er soll den Mut haben, in allen Wechselfällen des Lebens Gottes unverbrüchliches Wort anzusagen. Und er soll den Hungernden und Dürstenden den Tisch bereiten mit dem Brot des Lebens.
Der Priester gibt vieles aus den Händen, um den Menschen nichts anderes zu bringen als das Wort Jesu, seine Liebe und sein Licht. Ehelosigkeit ist daher ein entscheidend wichtiges Zeichen für die Kirche. Dort, wo dieses Zeichen nicht geachtet wird – oder vergessen wird – oder auch bagatellisiert wird – dort geht ein wesentlicher Teil ihres Zeugnisses verloren. Der Ehelose um des Himmelreiches willen ist Träger des eschatologischen Impetus der Kirche, ist radikales Ernstnehmen und Bezeugen der Tatsache, daß uns Gott in Jesus ganz nah ist – und, daß er unser letztes, einziges Glück ist.
In allem Gottes Zuwendung leben
Inmitten wirtschaftlicher Zuwachsraten, großer Zuwachsraten an wissenschaftlicher und intellektueller Erkenntnis, inmitten auch eines hohen Zuwachses an Kriminalität, Brutalität, Aggression, Sinnlosigkeit und Menschenverachtung braucht unsere Welt einen Zuwachs an Versöhnung, an Barmherzigkeit, an Wärme, an Menschlichkeit, an Gerechtigkeit, an Hoffnung, kurz: an Liebe. An diesem Zuwachs möchte ich beteiligt sein mit meiner Arbeit, mit meinem Wissen, mit meiner Phantasie, mit meinem Herzen und mit meinem Leib, mit meinem Gebet, mit meinem Predigen, mit meiner Sprache und Gesprächsfähigkeit, bei der Eucharistiefeier und bei der Spendung der Sakramente, im Mitfühlen, Vorangehen, Fördern, Mitleiden und Ermutigen – also mit allem, was ich bin und tue. In dieser Richtung zu leben, macht mir die Lebensform des Priesters erfüllt und lebenswert.

Eine Sensibilität für die Berufungen anderer und die glaubwürdige Fähigkeit, andere daraufhin anzusprechen, sollte besonders die auszeichnen, die ihr eigenes Leben unter dem Ruf und der Wegführung Gottes erleben und auch so deuten. Wir brauchen heute Menschen, die den Plan Gottes für ihr Leben täglich neu suchen und entdecken wollen, die tief mit Gott verbunden sind, und deren innere Strahlkraft so ist, daß sie andere mit Gott in Verbindung bringen können. Das Wort „Priester“ widersetzt sich, funktional verstanden zu werden. Es entfaltet seine Kraft auf andere nur dann, wenn es spirituelle Erfahrung, Gotteserfahrung meint: Mit seinem Leben Zeugnis
geben für den nahen Gott.