
Prof. Dr. Markus Vogt
Klimawandel, Ressourcenverknappung und die Zerstörung von Lebensräumen gehören zu den gravierenden Ursachen von Armut zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie gefährden existentielle Menschenrechte für mehrere hundert Millionen Menschen. Sie sind Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit (DBK 2007). Der „Schrei der Schöpfung“ ist ein Zeichen der Zeit. Das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen (Dezember 2009) ist Ausdruck eines „Zukunftsatheismus“, der unsere in kurzfristigem Denken verhaftete Zivilisation daran hindert, angemessen auf die Gefährdungen zu reagieren. Das Schicksal unserer Epoche hängt davon ab, ob es in neuer und umfassender Weise gelingt, die Verantwortung für die Schöpfung als Grundlage unserer Kultur zu etablieren.
Der Schöpfungsglaube als Tat-Sache
„Schöpfung“ meint nicht nur einen Akt am Anfang der Welt, sondern zugleich die ständige Gegenwart Gottes in seinen Geschöpfen, die Christen zur Liebe befähigt, zum Handeln verpflichtet und zur Hoffnung ermutigt. Der Schöpfungsglaube ist eine „Tat-Sache“, ein Handlungsauftrag: Denn es gehört zur Struktur des christlichen Glaubens, dass er seine lebendige Wahrheit im praktischen Zeugnis der Kirche und jedes einzelnen Christen gewinnt. Wer die Liebe Gottes zu allen Geschöpfen glaubwürdig verkündet, ist bereit, die Güter der Schöpfung zu schützen, zu pflegen und gerecht zu teilen.
Schöpfungsverantwortung hat ihre Mitte in einer Spiritualität, die sich nicht primär im Rückzug in Innerlichkeit und dem Streben nach Selbstvervollkommnung zeigt, sondern in der Befähigung zu Verantwortung und Liebe, zur Anteilnahme am Schicksal der Mitmenschen und Mitgeschöpfe.
Will die Umweltethik mehr sein als ein Diskurs des schlechten Gewissens, der apokalyptischen Zukunftsängste und der politischen Anklagen, kann sie in der Schöpfungstheologie eine tiefe Horizonterweiterung finden. Wer die Schöpfungsverantwortung als Tat-Sache erkennt, entdeckt die Dynamik, Vielfalt und Rhythmik der Schöpfung als Basis von Lebensqualität und als Koordinatensystem für kritische Rückfragen nach der Stellung des Menschen in der Natur, ohne die ein Bewältigung des Klimawandels heute kaum denkbar ist.
Entwicklungen der katholischen Soziallehre
Wiederholt hat Papst Johannes Paul II von der ökologischen Berufung aller Christen gesprochen. „Frieden mit der Natur ist Voraussetzung für Frieden unter den Menschen“ lautete seine Friedensbotschaft zum 1. Januar 1990. Diese beginnt mit der persönlichen Umkehr, schließt das gemeinschaftliche Zeugnis in der Gemeinde vor Ort ein und umfasst auch die gesellschaftliche Mitwirkung an einer Kultur des Lebens und der globalen Verantwortung. Der Klimawandel gehöre zu den „Zeichen der Zeit“, die das Zeugnis des Glaubens in neuer Weise herausfordere.
Papst Benedikt XVI. widmet in seiner jüngsten Enzyklika Caritas in Veritate dem Thema Umwelt fünf Abschnitte (Nr. 48-52) und fordert darin einen „neuen Bund zwischen Mensch und Umwelt“. Darüber hinaus fordert er ein radikales Umdenken im Umgang mit Energie. Eine eigene Enzyklika zu Umweltfragen gibt es bisher allerdings nicht. Die päpstlichen Äußerungen zu Fragen der Ökologie sind bisher eher auf der Ebene kulturphilosophischer Überlegungen oder moralischer Ermahnung angesiedelt und kaum auf der Ebene einer spezifisch sozialethischen und damit ordnungspolitischen Reflexion.
Nachhaltigkeit als neues Sozialprinzip
Für die notwendige Übersetzung des Schöpfungsglaubens in die Sprache heutiger Politik und Wirtschaft böte das ethische Prinzip der Nachhaltigkeit an. Die Völkergemeinschaft hat sich bei der UN-Konferenzen 1992 in Rio der Janeiro und 2002 in Johannesburg bereits auf dieses Leitbild verpflichtet. Es definiert den Rahmen, um konkrete Konsequenzen für Umwelt- und Klimaschutz, Energiemanagement und persönlichen Konsumstile zu erkennen.
Der vielschichtige Lernprozess zwischen den ethischen Orientierungen des Schöpfungsglaubens und den praktischen Konsequenzen einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise gehört heute zu den existentiellen Herausforderungen für die Überlebensfähigkeit unserer Zivilisation.
Nachhaltigkeit ist das „missing link“ zwischen Schöpfungsglauben und gesellschaftlichem Umweltdiskurs. So wie der christliche Gedanke der Caritas jahrhundertelang nur tugendethisch verstanden und erst in der Verbindung mit dem Solidaritätsprinzip politikwirksam wurde, so braucht der Schöpfungsglaube eine Übersetzung in ordnungsethische Kategorien, um politikfähig und juristiziabel zu werden und die konkreten Konsequenzen in den organisatorischen Strukturen und wirtschaftlichen Entscheidungen deutlich zu machen. Schöpfungsglaube ohne Nachhaltigkeit ist strukturethisch blind: Nachhaltigkeit ohne Schöpfungsglaube ist ethisch flach.
Das renomierte Worldwatch-Institut geht davon aus, dass der „Kurswechsel“ der Weltgesellschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung nur dann gelingen kann, wenn die Religionen intensiv Mitverantwortung übernehmen (Gardner 2003). Die religiösen Potentiale der spirituellen Orientierung, der langfristigen Ethik, der globalen Gemeinschaftsbildung, der rituellen Sinnstiftung und ihrer institutionellen Verankerung werden bisher nur eingeschränkt für Schöpfungsverantwortung und eine nachhaltige Entwicklung aktiviert.
Nachhaltigkeit ist eine Zukunftsvorsorge, deren motivierende Hoffnung nicht Fortschrittsoptimismus ist, sondern die Vision eines gelungenen Lebens in den Grenzen der Natur. Eine solche Hoffnung jenseits von Fortschrittsoptimismus findet sich im christlichen Glauben: Sie basiert nicht auf der Vorstellung, dass alles immer besser wird und dass der Mensch aus eigenen Kräften heraus einer bessere oder gar vollkommenere Gesellschaft schaffen könne, sondern im Gegenteil auf einem ganz existentiellen Bewusstsein der Grenzen des Menschen.
Ein solcher Schöpfungsglaube, der mit einer gewissen Demut und Bescheidenheit auf die Grenzen des Menschen verweist, ist ein entscheidendes Korrektiv zu manchen Interpretationen des Konzeptes der Nachhaltigkeit, die daraus die Leitutopie des 21. Jahrhunderts für ein globales ökosoziales und ökonomisches Management machen. ⊗
Literatur
Die deutschen Bischöfe – Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen sowie Kommission Weltkirche (2007): Der Klimawandel. Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit (Erklärungen der Kommissionen 29), Bonn.
Gardner, G. (2003): Invoking the Spirit: Religion and Spirituality in the Quest for a Sustainable World (Worldwatch Paper 164), Washington.
Vogt, M. (2009): Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive, München.