MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

Potenziale kirchlicher Umweltarbeit

von Lic. theol. Mattias Kiefer M. A.

Mit dem seit einigen Jahren wieder gestiegenen gesamtgesellschaftlichen Interesse an Um-welt- und Nachhaltigkeitsthemen – diskutiert u.a. unter den Stichworten Klimawandel, Ressourcenverknappung bei fossilen Energieträgern, Nahrungsmitteln und Wasser, Sicherung der Artenvielfalt, Zukunft der Energieversorgung, Mobilität und Raumplanung, Suffizienz und Lebensstil – wird zunehmend ein Bereich kirchlichen Handelns wahrgenommen, der bislang häufig ein Nischendasein führte: die kirchliche Umweltarbeit.

Früher – und mancherorts bis heute – eher belächelt als sog. „pastorale Vorfeldarbeit“ sowie geprägt vom institutionellen Spannungsgefüge zwischen Kirche und politischer wie zivilgesellschaftlicher Umweltbewegung, ist Nachhaltigkeitsthemen heute zumindest prinzipiell eine neue Qualität kirchlicher Aufmerksamkeit sicher. Diese speist sich aus drei Quellen:

Zum einen haben die o.g. Herausforderungen eine Dramatik auch des zeitlichen Handlungsdrucks erreicht, der es fragwürdig erscheinen lässt, gewohnte religiöse Sprachmuster unhinterfragt weiter zu pflegen: Was bedeutet die Rede von „Gottes guter Schöpfung“ oder die theologische Aussage von der creatio continua, also das ständige Erhalten- und Gehaltensein der Schöpfung in Gottes bergender Hand, wenn gleichzeitig die Welt, wie wir sie kennen, ohne schnelles und massives Umsteuern absehbar an ihr Ende kommt (die Projektionen der Klimaforschung belegen letztere Aussage eindringlich)?

Zum zweiten war ein einfaches ökonomisches Kalkül der Türöffner für „grüne“ Themen hinein v.a. in die kirchlichen Verwaltungen – die logische Schlussfolgerung aus den steigenden Energiepreisen der letzten Jahre nämlich lautete: Senkung der Energieverbräuche, und damit Zukunftssicherung unserer Einrichtungen! Weniger Energieverbrauch bedeutet aber nicht nur geringere Kosten, sondern auch geringere Treibhausgasemissionen. Ausgehend von der Energiefrage wurde dann schnell deutlich, dass auch der Umgang mit kirchlichen Flächen, das kirchliche Mobilitätsverhalten und das kirchliche Beschaffungswesen eine hohe Klimarelevanz haben.

Drittens schließlich ist ein neuer Grad an pastoral-spiritueller Sensibilität für die Tiefe der Krisen am Ende der Moderne und die geistige Dimension der Strategien zu deren Bewältigung auszumachen – vgl. Papst Benedikts XVI. jüngste Forderung nach einer zu entwickelnden „Humanökologie“.
Eines nämlich ist evident: Selbst das Ausreizen aller bekannten Effizienzsteigerungspotenziale wird nicht ausreichen, um die durch den Klimawandel geforderten Emissionsreduktionen zu erreichen. Eine fundamentale Lebensstiländerung, individuell wie kollektiv, ist nötig, die die Suffizienz und damit die Frage nach dem rechten Maß ins Zentrum stellt. Heutige Versuche, das alte Prinzip der temperantia, die Tugend der Mäßigung als eine der sog. vier Kardinaltugenden, neu zu buchstabieren, lauten „bewusst einfacher leben“ oder „gut leben statt viel haben“. Dies aber wird auf Dauer nicht möglich sein ohne ein entsprechendes geistiges Fundament bzw. eine ökologisch sensibilisierte Spiritualität.


Mattias Kiefer
Dem pastoralen Deuten der ökologischen Herausforderungen als „Zeichen der Zeit“ korreliert die Forderung der deutschen Bischöfe in ihrem Papier zum Klimawandel (2006): Es geht um „eine pastorale Verankerung der Schöpfungsverantwortung im Selbstverständnis der Kirche sowie in der Diakonie, Verkündigung und Liturgie; Schöpfungsverantwortung ist genuiner Teil des pastoralen Auftrags der Kirche.“ Damit allerdings ist bislang wenig mehr als eine Leerstelle benannt. Ein Grund hierfür liegt darin, dass die institutionelle Ausstattung kirchlicher Umweltarbeit häufig nur gering ausgeprägt ist. Auf Ebene der Bistümer z.B. gibt es zwar in etwa zwei Drittel der deutschen (Erz-)Diözesen sog. Umweltbeauftragte, allerdings wird diese Beauftragung häufig entweder ganz ehrenamtlich oder, wenn hauptamtlich, dann i.d.R. mit nur geringen Stundendeputaten wahrgenommen.

Dennoch konnte in den letzten Jahren Beachtliches erreicht werden: In etlichen Diözesen z.B. gibt es erfolgreiche Ansätze, die positiven Erfahrungen einstiger „Pilot- oder Leuchtturm-Projekte“, gerade aus dem Bereich Bau und Energie, in die Fläche bzw. die Verwaltungsabläufe zu übertragen, Beispiele hierfür sind die Energie- und Klimaoffensiven in den Erzbistümern Freiburg und Bamberg sowie im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Zu nennen sind weiter die Erfolgsgeschichte kirchlichen Umweltmanagements, z.B. im Bistum Eichstätt, das seit vielen Jahren in etlichen Bistümern betriebene „Autofasten“ während der Fastenzeit, das Auflegen eines Sonderetats „Investitionen in den Klimaschutz“ im Erzbistum München und Freising mit einem Volumen von 18 Mio., der kirchliche Beitrag zur Umweltbildung/Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE), sowie zwei bundesweite Projekte, die in ökumenischer Kooperation durchgeführt wurden: eines zum Thema „Artenschutz bei Kirchen“, das andere zum Thema kirchliches Beschaffungswesen mit dem programmatischen Titel „Zukunft einkaufen. Glaubwürdig wirtschaften in Kirchen“.

Kirchliche Umweltarbeit hat in doppelter Hinsicht ein enormes Potenzial: bezüglich der ökologisch wie ökonomisch wünschenswerten Reduktion der eigenen Umweltverbräuche, v.a. aber auch hinsichtlich der pastoralen Chancen, die sich aus dem Aufgreifen dieser „Zeichen der Zeit“ ergeben. Die diözesanen Umweltbeauftragten freuen sich über MitstreiterInnen! ⊗