
Oliver Schmidt ist Priester der Erzdiözese Freiburg. Im Jahr 2002 geweiht war er zwei Jahre als Vikar in einer Seelsorgeeinheit bei Heidelberg, ehe er als Jugendseelsorger im Stadtdekanat Freiburg und als Kooperator in der Dompfarrei Unserer Lieben Frau am Freiburger Münster mitwirkte. Seit Herbst 2007 erstellte er eine liturgiewissenschaftliche Dissertation zu kirchlichen und jüdischen Sterbe- und Begräbnisriten und arbeitete in der Konzeptionsentwicklung und Begleitung des Hauses der Berufung bei den Benediktinerinnen von der Hl. Lioba in Freiburg mit.
WEGBEREITER: Herr Schmidt, seit dem 1. Januar 2010 sind Sie Direktor des Zentrums für Berufungspastoral. Was bedeutet das für Sie?
Oliver Schmidt: In einer Zeit der Veränderung des kirchlichen Lebens in Deutschland für das Zentrum für Berufungspastoral in den Dienst genommen zu werden, ist nicht nur Herausforderung, sondern eine Aufgabe, der ich mich gerne annehme: Vernetzungsarbeit zu leisten, Stimmen und Stimmungen zu hören und zu bündeln und Berufungspastoral als Profession der Kirche zu stärken. Damit wesentlich verbunden ist für mich das Erkennen-Wollen und Suchen dessen, was Gott seiner Kirche in den Charismen der Einzelnen geschenkt hat. Es geht darum, miteinander zu suchen, was Gott einem jeden persönlich verliehen hat. Berufungspastoral ist ein gemeinsames Suchen nach dem jeweiligen Ort und der jeweils eigenen Aufgabe in der Kirche. Seit einigen Wochen beschäftigt mich in diesem Zusammenhang ein Vers aus dem ersten Korintherbrief (2,12): „… damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.“
Wird von Berufung gesprochen, ist zu fragen, welcher Berufungsbegriff dahinter steht. Was ist das Eigene Taufe zu leben? Was ist das Eigene der Berufung in das geweihte Leben? Ich bin überzeugt, dass sich Berufung an erfüllter Berufung entzündet: an Priestern und Diakonen, die mit Dankbarkeit auf ihre Indienstnahme für die Sache Christi in der Weihe blicken – an Ordensleuten, die auf ihre Weise in den evangelischen Räten Zeugen sind, die Gott allein zu schenken vermag – an jenen, die sich und ihr Leben Gott versprochen haben und ihren Mann und ihre Frau stehen, wo immer sie auch leben und arbeiten – an Männern und Frauen im hauptamtlichen pastoralen Dienst und in den vielfältigen Berufen der Kirche, die auf ihre Weise Freude am Glauben und am Mittun in der Kirche wecken.
WB: Wer prägte Sie am meisten?
Oliver Schmidt: Zweifellos am eindrücklichsten war für mich die einfache und selbstverständliche Frömmigkeit meiner Urgroßmutter: ihr Kreuzzeichen vor dem Essen, der Messbesuch, sooft es ging, ihre Hochachtung der christlichen Feste, die Sehnsucht nach der Krankenkommunion und ihre Ergebenheit in Gottes Willen – nicht nur am Ende des Lebens. Aus meiner Kindheit sind mir auch die Besuche einer Ordensfrau bei ihren Eltern im Nachbarhaus in prägnanter Erinnerung; wie sie uns Nachbarskindern biblische Geschichten und Heiligenlegenden erzählte. Wäre ich Priester geworden ohne meinen Heimatpfarrer und dessen Haushälterin?
Die Selbstverständlichkeit seines Dienstes und die Gastfreundschaft der Haushälterin waren in meiner Heimatpfarrei nicht nur für mich ein wichtiger Baustein zur Nachfolge Christi im Dienst in der Kirche. Bei der Weckung von Berufungen ist zudem das echte Interesse der Gläubigen an den jungen Leuten ihrer Gemeinde nicht zu unterschätzen; die Art und Weise, wie sie über Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter sprechen. Vor allem aber müssen junge Menschen ermutigend spüren, welche Freude es einer Gemeinde bereitet, wenn ein junger Mensch seinen Weg in der Kirche geht.
Das zusammen zeigt mir: Berufung entzündet sich an allen, die aus ihrem Glauben an Gott Diener der Freude und Zeugen der Hoffnung sind.
WB: Was ist die größte Herausforderungen für die Berufungspstoral heute?
Oliver Schmidt: Die Zahl der aktiven Gemeindemitglieder sinkt offensichtlich. In den unterschiedlichen kirchlichen Ebenen in Deutschland wird intensiv über dringend notwendige Strukturveränderungen nachgedacht. Mancher im kirchlichen Dienst steht am Rande der Belastbarkeit. Diese Rahmenbedingungen scheinen wenig attraktiv, sich aktiv in die Kirche einzubringen, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen oder die Berufung als Priester oder Ordenschrist zu leben. Pauschale Kirchenkritik und vor allem Kritik am Leben in den evangelischen Räten, besonders an der Ehelosigkeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden der sexuellen Gewalt an Kindern geübt wird, verstärkt die Herausforderung geistlicher Berufung. Berufungspastoral kann über diese Herausforderungen nicht schönfärberisch hinweggehen. Aber sie kann, ja sie muss Perspektiven aufzeigen, warum es sich dennoch lohnt die Grundberufung zum Christ-sein mit Leben in der Gemeinschaft der Glaubenden zu füllen. Dabei muss es uns gelingen, deutlich zu machen: Christus ist Grund genug, sich der eigenen Berufung zu stellen.
Berufungspastoral und die Förderung von Berufungen kann kein Appendix des pastoralen und seelsorglichen Tuns der Kirche sein. Eine Aufteilung in hier Kinder-, Jugend- oder Familien- und dort Berufungspastoral verkennt, dass Berufung den ganzen Menschen erfasst und die Großen wie die Kleinen, die Jungen wie die Alten betrifft. Berufungspastoral ist als Querschnittsaufgabe zu verstehen. Mancher Widerstand gegen die Ausdrücklichkeit von Berufungspastoral nach dem Motto „Uns geht es doch immer um die Stärkung der Berufung, deshalb müssen wir das Thema nicht eigens ansprechen“, zeigt die Notwendigkeit einer Berufungspastoral nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Im pastoralen und seelsorgerlichen Dienst gilt es, nicht nur glaubwürdiger Zeuge Christi zu sein, sondern zu gegebener Zeit und am gegebenen Ort Berufung zur Sprache zu bringen.
Martin Buber überliefert in seinen Erzählungen der Chassidim die „Frage der Fragen“ von Rabbi Sussja. Mit ihr haben wir die Angebote im „Haus Subiaco – Haus der Berufung“ bei den Schwestern von der Hl. Lioba beworben. Obwohl Sussja die Frage am Ende seines Lebens ausspricht, beschäftigt sie auch suchende junge Menschen wirklich. Er sprach, so heißt es bei Buber: „In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“ Damit komme ich zurück auf das Paulus-Wort vom Erkennen-Wollen. Es ist nicht entscheidend, was andere waren, geworden sind und können. Entscheidend ist, dass wir der Mensch werden, als den uns Gott geschaffen hat. Wenn wir in der Berufungspastoral Menschen dahin begleiten, heißt das, im besten Sinn daran mitwirken, dass sich Gottes Plan und Ratschluss im Menschen verwirklichen kann. ⊗