MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

„Wir sind zum Lobpreis seiner Herrlichkeit bestimmt“ (Epheser 1,12)

von Rudolf Fischer, Dozent für Gregorianischen Choral und Deutschen Liturgiegesang an der Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik, Regensburg

Die Kirchenmusik als Berufung der Christen, insbesondere der Kirchenmusiker/-innen
Was der Hl. Paulus im einleitenden Hymnus seines Briefes an die Gemeinde in Ephesus schreibt, kann als Berufung für jeden Christen gelten: als Kinder Gottes „Lobpreis der Herrlichkeit Gottes“ zu sein. Schon einige Verse voraus lenkt er den Blick auf das Ziel der durch Christus erwählten Söhne und Töchter Gottes, nämlich zu Gott zu gelangen, „zum Lob seiner herrlichen Gnade.“ (Eph 1, 5.6.)
Auch wenn diese Berufung und Bestimmung der Christen im menschlichen Leben sehr unterschiedliche Ausdrucksweisen haben kann, ist doch die Kirchenmusik eine vorzügliche Form, zu der jeder Mensch eingeladen ist: das Singen und Spielen vor dem Herrn in allen Lebenslagen, als Ausdruck der Freude, Dankbarkeit, aber auch der Bitte und der Klage.
In vielen Versen der Hl. Schrift wird immer wieder dazu ermuntert:
„Singt in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt.“ (Kol 3,16), „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (Ps. 98) usw.
Im besonderen Maße ist der/die Kirchenmusiker/in berufen, im Dienst der Kirche liturgische und geistliche Musik zu pflegen, wie es die Liturgiekonstitution des II. Vatikanums ausdrückt: „Die Kirchenmusiker mögen, von christlichem Geist erfüllt, sich bewusst sein, dass es ihre Berufung ist, die Kirchenmusik zu pflegen und deren Schatz zu mehren.“ (Art. 121)

Vom Sendungsauftrag der Kirchenmusik
Paul-Werner Scheele weist darauf hin, dass die Kirchenmusik im Sendungsauftrag der Kirche steht und „mit allen Gaben, die Gott der Musik mitgegeben hat, zur martyria (Glaubenszeugnis), leitourgia (zum liturgischen Dienst) und zur diakonia (zum helfenden und heilenden Dienst) berufen ist.“ Weiter formuliert er: Die Kirchenmusik „ist berufen, auf ihre spezifische Weise zu vertiefter Glaubenserkenntnis zu führen und zur ganzheitlichen Glaubensantwort beizutragen.“ (P.W. Scheele, Vom Auftrag der Kirchenmusik, in: Lob der Musik und der Musiker, echter Verlag, 2005, S. 44 ff.).

In der Tat ist es kaum einer anderen Kunstform möglich, Tiefenschichten des menschlichen Daseins anzusprechen und Berührungserfahrungen mit dem Göttlichen zu eröffnen als der Musik. Sie ist in vorzüglicher Weise dazu geeignet, dem suchenden Menschen einen Raum der Begegnung mit sich selbst, von Menschen untereinander und mit Gott zu bereiten und so zum christlichen Lebenszeugnis zu bewegen.

Kirchenmusik als geistliche und liturgische Musik
Kirchenmusik kann in „liturgische“ und „geistliche“ Musik eingeteilt werden. Liturgische Musik meint alle Musik, die für die verschiedenen liturgischen Feiern der Kirche geschaffen worden ist und in diesen erklingt. Der Begriff „Geistliche Musik“ kann nur schwer definiert und eingegrenzt werden. In seinem Buch über die „Geistliche Musik“ schreibt Andrew Wilson-Dickson (Brunnenverlag Gießen 1994): „In der Musik wie in den anderen Künsten antwortet der Mensch auf die göttliche Ordnung, die sich in der Schöpfung offenbart“, und nachfolgend zitiert er den Komponist Ralph Vaughan Williams: die Musik sei „ein Sich-Ausstrecken nach den letzten Wirklichkeiten mittels des geordneten Klangs.“

Alle Musik, die den Menschen für die größere Wirklichkeit Gottes in der Schöpfung und in allem, was ihn umgibt und in sich selbst sensibilisiert und öffnet, kann als „Geistliche Musik“ bezeichnet werden.

Kriterien liturgischer Musik:
Die Kirchenmusik wird in der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils unter allen künstlerischen Ausdrucksformen der Kirche besonders herausgestellt, „vor allem deshalb, weil sie als der mit dem Wort verbundene gottesdienstliche Gesang einen notwendigen und integrierenden Bestandteil der feierlichen Liturgie ausmacht“ (6. Kap., Art. 112).
Diese oft genannten Worte weisen in Abgrenzung vorkonziliarer Vorstellungen darauf hin, dass die Kirchenmusik kein nur ausschmückendes Beiwerk der Liturgie ist, sondern unerlässlicher Bestandteil, weil sie den Worten der liturgischen Feier erst ihren Feierausdruck verleiht, ja selbst Liturgie ist.
Als weitere Voraussetzungen echter Kirchenmusik nennt das Konzil folgende Eigenschaften:
sie wird „um so heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist,
sei es, dass sie das Gebet inniger zum Ausdruck bringt oder die Einmütigkeit fördert,

sei es, dass sie die heiligen Riten mit größerer Feierlichkeit umgibt.“ (Art. 112)
Kirchenmusik wird also wesentlich zur liturgischen Musik durch ihre enge Anbindung an die liturgische Handlung und ihre Ausrichtung an der feiernden Gemeinde. Die äußere und innere Teilnahme („actuosa participatio“) der Gemeinde am Gottesdienst soll durch die Kirchenmusik motiviert und gefördert werden. Hier ist vor allem die Pflege und die kreative Belebung des Gemeindegesangs und das wechselweise Zusammenwirken der Gemeinde mit den weiteren kirchenmusikalischen Rollenträgern (Kantoren, Schola- und Chorgruppen) von größter Bedeutung.

Kirchenmusikalische Ausbildung
Die Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg, die 1874 gegründet wurde, ist das weltweit älteste Ausbildungsinstitut seiner Art. Im Laufe ihrer Geschichte bis heute hat sich die Schule immer wieder entsprechend den kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen erneuert, um ihren Studierenden erweiterte Ausbildungs- und Berufschancen zu ermöglichen. Derzeit wird an der Umstrukturierung des Studienangebots gearbeitet, um das kirchenmusikalische und musikpädagogische Profil des Hauses zu schärfen. Ab dem Wintersemester 2008 soll mit den erneuerten Bachelor- und Masterstudiengängen begonnen werden.
Auch wenn die Studienreform das wöchentliche Studienpensum reduzieren wird, gehört das Kirchenmusikstudium zu den umfassendsten im Bereich der Musik. Neben den Hauptfächern Künstlerisches und Liturgisches Orgelspiel sowie der Chorleitung muss der/die Kirchenmusiker/in eine große Zahl an weiteren praktischen, pädagogischen und theoretisch/wissenschaftlichen Fächern belegen.
Einen besonderen Akzent der kirchenmusikalischen Ausbildung in Regensburg bilden die regelmäßig gefeierten Gottesdienste. Hier kommen die Studierenden immer wieder mit dem Zentrum ihrer Berufung und Tätigkeit in Berührung. Etwa alle 2-3 Wochen werden vielfältige liturgische Formen von der Eucharistiefeier bis zum Stundengebet, Bußgottesdienste und Andachten gefeiert und sinnvoll musikalisch gestaltet. Selbstverständlich ist es die Aufgabe der Studierenden, als Chor- und Scholasänger, Lektoren, Kantoren, Chorleiter, Organisten und Instrumentalisten zu agieren und die Gottesdienste selbst musikalisch zu konzipieren.

Berufliche Praxis und Ausblick
Die Arbeitssituation der Kirchenmusiker/innen hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Aufgrund der zurückgehenden finanziellen Möglichkeiten der Diözesen und Landeskirchen und des Rückgangs der kirchlichen Bindungen in der Gesellschaft, kam es zur Reduzierung von hauptamtlichen Kirchenmusikerstellen, so dass die ausgebildeten Kirchenmusiker/innen neben einer kirchlichen Tätigkeit vermehrt als Musiklehrer an Schulen, als Privatlehrer oder auch in anderen beruflichen Bereichen tätig wurden und in Zukunft werden müssen. Wie bereits erwähnt, versuchen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge auf diese Situation zu reagieren, um den Studierenden vielfältigere Qualifikationen und Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.
Die Gemeindetätigkeit eines Kirchenmusikers ist neben dem Orgelspiel in den liturgischen Feiern vor allem durch die Leitung der verschiedenen Chor- (Kinder-, Jugend- Erwachsenenchöre, Schola), Kantoren- und Instrumentalgruppen geprägt. Hier sind besonders kommunikative, pädagogische und künstlerische Fähigkeiten gefordert. Gerade die Nachwuchsförderung hat seit Jahren an Dringlichkeit und Bedeutung zugenommen, da die etablierten Erwachsenenchöre meist an Überalterung und Nachwuchsmangel leiden.

Ausblick:
Die sich erschwerenden Bedingungen, in der Kirche eine Vollbeschäftigung zu finden, erfordern von den Kirchenmusikern/innen, sich verstärkt musikpädagogisch auszurichten. Bereits in früheren Zeiten hat die Verbindung und kirchenmusikalischer und pädagogischer Arbeit viele gute Früchte getragen. Die neuen Studienstrukturen der Bachelor- und Masterstudiengänge an der Hochschule in Regensburg bieten dafür gute Möglichkeiten.

Als Abschluss sei der Wunsch geäußert, dass auch weiterhin junge Menschen die Berufung zur Kirchenmusik erkennen und ergreifen mögen und zugleich Freude daran finden, als Musikpädagogen das kostbare Gut der Musik in die Gesellschaft zu tragen. ⊗