Was Musik ist, das weiß man, aber was Berufung ist, scheint mir nicht ganz klar. Es ist wie bei vielen Begriffen in der Kirche.
Man verwendet sie zwar, es wird aber nie genau gesagt, was man wirklich darunter versteht. Für mich hängt die Frage, was Berufung ist, von der grundsätzlicheren Frage „Was ist Seelsorge?“ ab. Denn das ist die grundlegende Berufung der Kirche, sich um das Heil der Seelen zu sorgen.
Was ist die Seele?
Die eingängigste Definition von Seele habe ich bei Medard Kehl gefunden, der die Seele als „gottoffene“ Seite des Menschseins umschreibt. Die Seele eines Menschen ist nicht ein bestimmter Teil des Menschen, sondern der ganze Mensch unter dem Blickwinkel der Offenheit auf Gott hin. Gott hat jedem Menschen
eine Seele geschenkt, die ihn dazu befähigt, mit ihm eine liebende Beziehung einzugehen. Und selbst wenn ein Mensch diese Seite seines Menschseins nie zu entdecken glaubt oder wenn er sie entdeckt und nicht lebt, so könnte er sie doch nicht vernichten.
Denn kein Mensch kann sich selbst als Geschöpf zurücknehmen. Deshalb ist die Seele unsterblich, weil Gott seine Gabe nie zurücknimmt.
Was ist Berufung?
Berufung besteht meiner Meinung nach darin, diese gottoffene Seite im eigenen Leben zu entdecken, zu pflegen und, so weit es hier auf Erden möglich ist, zu vollenden. Oder mit anderen Worten gesagt: Bei der Berufung eines Christenmenschen geht es darum, die Gottesbeziehung sehen zu lernen, in der ich schon immer stehe. Denn Gott hat sich ja jedem Menschen vor jeder Leistung und trotz aller Schuld zugewendet.
Diese Zuwendung Gottes gilt es ganz persönlich zu sehen, anzunehmen und zu fördern und damit mein Leben auf Gott zu beziehen. Dafür trägt zunächst einmal jeder Mensch selber Verantwortung und kann sich dabei auch von niemandem vertreten lassen.
Wie lebe ich meine Gottesbeziehung?
Religionspsychologen lehren uns hier, dass die Gottesbeziehung in uns Menschen nicht durch unzählige Formen, das eigene Leben auf Gott zu beziehen, aufgebaut wird, sondern durch genau fünf:
Es sind dies:
1. Gebet,
2. Gottesdienst (als real-symbolische Ausdruckshandlung der Gottesbeziehung),
3. die Begegnung mit der Heiligen Schrift
und 4. die Fähigkeit, das, was einem im Leben zufällt an Gutem und Schlechtem, auf Gott zu beziehen. Der 5. Lernort der Gottesbeziehung ist religiöses Wissen. Das ist aber nicht geeignet, die gottoffene Seite des Menschseins zu fördern, sondern hilft dabei, die eigene Beziehung zu Gott zu reflektieren.
Berufung und Musik
Wenn ich diese Lernorte der Gott-offenheit als Kirchenmusikerin anschaue, dann fällt mir auf, dass in allen (auch im 5.) Musik eine große Rolle spielen kann.
Gesungenes Gebet geht tiefer – noch dazu, wenn es in Gemeinschaft vollzogen wird und man nicht an den Noten hängt und die Töne wirklich etwas in mir zum Schwingen bringen. Auch der Gottesdienst ist ein Ort, wo – wenn überhaupt noch – gemeinsam gesungen wird. Ich lasse mir manchmal gerne den Glauben anderer vorsingen und bin tief berührt, wenn etwa Kinder allein ihren Glauben im Gottesdienst vor versammelter Gemeinde hinaussingen.
Dass die Heilige Schrift auch unzählige Gesänge enthält, brauche ich eigentlich gar nicht zu erwähnen. Die Frage ist nur: Wie werden diese zu einem Ausdruck meiner persönlichen Gottesbeziehung?
Da ist wohl ein lebenslanges Lernen angesagt. Dass auch die schönen Momente zum Singen bringen, ist wohl verständlich. Augustinus hat gesagt: Cantare amantis est (wer liebt, muss singen). Aber Musik ist auch geeignet, andere menschliche Grenzerfahrungen zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel hilft Musik in Stunden der Trauer. Bei allen Sakramenten legen die Menschen viel Wert auf die „richtige“ Musik für diesen besonderen Augenblick.
Und dass der Schatz alter und neuer Kirchenmusik in Noten geschriebene Theologie ist, entdecke ich sofort, wenn ich mich nur etwas auf sie einlasse.
Und was ist mit der speziellen Berufung?
Ich glaube fest daran, dass einige dazu berufen sind, der Berufung aller zu dienen. Diese Berufung ist immer eine Berufung zugunsten anderer: ihnen dabei zu helfen, die Gottesbeziehung zu entdecken, zu pflegen und ein Stück mitzugehen. Das geht freilich nur, wenn ich selbst jemand bin, der etwas erfahren hat. Nur Wegweiser zu sein, ohne den Weg selbst zu gehen, geht nicht.
MMag. Renate Nika ist Theologin und Kirchenmusikerin, Referentin für Liturgie und Musik im Amt Junge Kirche der Diözese Graz-Seckau und gehört dem Team Berufungspastoral in der Steiermark an. ⊗