Beten im Religionsunterricht

Die Gottesbeziehungen erschließen

von Prof. Dr. Albert Biesinger, Tübingen

 

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel formuliert es prägnant und provokativ: "Beten heißt, fähig zu sein, seine Stärken und Schwächen zu erkennen, seine Existenz und seine Zukunft zu ermessen, heißt empfangen und geben. Ohne diese Möglichkeit wäre der Mensch um eine wesentliche Dimension ärmer. Niemand ist mehr zu bedauern als der Mensch, der nicht beten kann, denn nicht beten ist keine Sünde, sondern eine Strafe. Die tragischste Stunde im Leben des Beseht ist jene, als er zur Strafe seine Gebete vergaß" (E. Wiesel, Macht Gebete aus meinen Geschichten, Freiburg-Basel-Wien 1986,33 t).
Was halten Sie von einem Musiklehrer, der mit seinen Schülerinnen und Schülern lediglich Partituren liest und nie mit ihnen singt oder musiziert?
Was halten Sie von einem Sportlehrer, der mit seinen Schülerinnen und Schülern nur die Regeln des Basketballspielens diskutiert und nie mit ihnen Basketball spielt?
Was hallen Sie von einem Biologielehrer, der mit Schülern über Umweltschutz diskutiert, aber mit ihnen keinen Schulteich anlegt, obwohl das leicht möglich wäre?
Und: Was halten Sie von einem Religionslehrer, der mit seinen Schülern über Gott spricht, aber nicht mit Gott spricht, mit ihnen betet?
Wenn man Unterricht handlungsorientiert realisieren möchte, dann ist es unter schulpädagogischen Gesichtspunkten selbstverständlich, dass im Unterricht geübt, praktiziert, realisiert wird.

Im Religionsunterricht kann es unter schulpädagogischen Gesichtspunkten nicht einfach darum gehen, über Gott zu sprechen, wie man über einen Gegenstand spricht. Es geht nicht nur um die ERKENNTNIS Gottes, sondern um die AN-ERKENNTNIS Gottes. Die EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung" fordert zu Rrecht, dass es nicht ausreicht, über Gott zu sprechen, sondern fordert, mit Gott zu sprechen.
Als ich 1981 den Band "Meditation im Religionsunterricht" legte, war dies für viele Religionslehrerinnen und -lehrer eine provokative Herausforderung, die zu kontroverser Diskussion geführt hat. Heute wird sogar von Schulpädagogen gefordert, Stilleübungen in der Schule zu realisieren. Viele Lehrerinnen und Lehrer können gar nicht mehr unterrichten, ohne mit ihren Schülerinnen und Schülern Wege zur Stille zu üben. Religionspädagogisch gibt es aber noch eine andere Motivation, warum es nicht ausreichen kann, nur über Gott zu sprechen. Der Religionsunterricht ist Lehr- und Lernprozess der Gottesbeziehung. Es geht nicht um Gott an sich, sondern um Gott für uns. Der Gott der jüdischchristlichen Offenbarung ist der sich uns zuwendende Gott, der auf ANT-WORT auf sein WORT dialogisch angewiesen ist.

Beten im Religionsunterricht - Neu gefragt und wichtig
Der Religionsunterricht unterscheidet sich vom "Ethikunterricht" und von "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" dadurch, dass er eine klare Option für die Realisierung der christlichen Gottesbeziehung trifft.
Beten und Meditieren im Religionsunterricht ist ein konkreter Weg der Erschließung der Gottesbeziehung und deren Praxis.
Wenn es in anderen Fächern erforderlich ist, das, was Gegenstand des Schulfaches ist, auch in die Praxis umzusetzen, dann gilt dies auch für den Religionsunterricht. Es gilt für ihn insofern ganz spezifisch, weil die Gottesbeziehung nur durch das Sprechen mit Gott gelernt werden kann. Nach den großen Jugenduntersuchungen ist es erstaunlich, wieviele Jugendliche angeben, regelmäßig zu beten. Beten ist für Jugendliche eine Grundkompetenz für die Gestaltung des Lebens. Es gibt schließlich im Alten und Neuen Testament viele Ebenen, die Gottesbeziehung auszudrücken: in der Klage und Anklage gegenüber Gott, im Fluchen und Schimpfen, im Loben und Preisen, im Danken und Verehren, im einfach da sein, in Körpergesten und in Farben, in Weihrauchgerüchen und Blumengaben.
Beten im Religionsunterricht muss sich aller sinnlichen Möglichkeiten, die Gottesbeziehung auszudrücken, bedienen. Kinder und Jugendliche sind leicht dazu zu motivieren, selbst Gebete zu malen, selbst Gebete zu schreiben, manche können sie musikalisch ausdrücken, manche in Körpergesten.
Dabei geht es den Religionslehrern auch nicht anders als den anderen Lehrern. Dass Kinder aufgrund der familiären Fernsehgewohnheiten immer mehr unter Bewegungsmangel leiden, können die Sportlehrer auch nicht einfach nur beklagen, sondern sie ziehen ihre Konsequenzen daraus und steuern dadurch entgegen, dass sie wenigstens während des Sportunterrichtes mit den Schülerinnen und Schülern Bewegung realisieren. Nicht nur das: Gute Sportlehrerinnen und -lehrer probieren es wenigstens, ihre Schüler auch zur Bewegung außerhalb des Unterrichtes anzuleiten, sie motivieren sie, in Sportvereine zu gehen, d.h. das, was sie im Sportunterricht mit ihnen anstiften, auch außerhalb des Unterrichtes zu praktizieren.

Den von Religionslehrerinnen und -lehrern bisweilen bei Tagungen geäußerten Vorbehalt, dass Beten schließlich etwas Intimes sei und sich nicht für den Unterricht eigne, halte ich nicht für stichhaltig. Meine Erfahrungen in Lateinamerika zeigen mir das Gegenteil: Beten ist nicht begrenzt auf den privaten Bezirk. Beten ist eine öffentliche Tat, sie kann sich auch in Protest äußern und in gesellschaftlichen Aktionen, auch Demonstrationen können Gebet sein und Gebet kann Demonstration sein.
So drastisch muss es nicht (immer) sein: Aber immerhin haben wir getaufte und bisweilen auch gefirmte Christinnen und Christen im Religionsunterricht, und ich sehe auf dieser Basis kein Problem von Manipulation. Wer hineingenommen ist in die Jesus-Christus-Beziehung, hat damit auch die Gabe und nicht zuletzt auch die Aufgabe, diese Beziehung zu realisieren, auch auf der Dimension des Betens und Meditierens für Getaufte auch in der öffentlichen Schule.

Religion ist das, was Du täglich tust
Wenn Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, ihre Wahrnehmung der Gottesbeziehung zu verfeinern und zu intensivieren, ist ihnen ein wesentliches Potential für ein sinnvolles Leben mitgegeben.
Meine Erfahrungen im Religionsunterricht sowohl in der Grundschule, Hauptschule, im Gymnasium und in der Berufsschule zeigen mir, dass es in den meisten Klassen - nach anfänglichem Kichern vielleicht - möglich ist, Meditationsübungen zu realisieren. Dies kann sein: Meditatives Malen, Atemübungen, Taizé-Gesänge wiederholend singen. Es ist eine entsprechend transparente Einführung solcher Übungen nötig. Wenn Schülerinnen und Schüler am Anfang kichern, ist dies ganz normal. Immerhin haben sie es aufgrund der gesellschaftlichen Unruhe und Ablenkungsstrategien auch gar nicht so leicht, sich auf diese sensiblen Wahrnehmungsmöglichkeiten einzulassen.

Er gibt ja gar keine Antwort
Für viele Kinder und Jugendliche ist Gebet als Dialog mit Gott nur schwer vorstellbar. Sie erwarten, dass sie von einer Person, mit der sie sprechen, auch eine Antwort bekommen. Es ist dies vor allem bei Bittgebeten eine besondere Schwierigkeit, wenn man es versäumt, Bittgebete als Vertrauensgebete zu verstehen. Wenn manche Bitten von Gott nicht erhört werden, kann es schließlich auch an den unrealistischen Bitten hängen: "Lieber Gott hilf mir, dass ich bei der nächsten Mathematikarbeit eine gute Note schreibe..." Schon manches Kind hat ein solches Gebet umsonst gebetet. Zu einer Gebetserziehung gehört also auch eine realistische Einschätzung dessen, was unsere eigenen Anteile und unsere eigene Verantwortung ist, und das, was uns Gott gibt. Ebenso werden Kinder hellhörig, wenn wir dauernd darum beten, dass keine Kinder auf der Welt mehr verhungern sollen und wir weiterhin so wenig dagegen tun. Gebete können auch kaputte Gottesbilder vermitteln. Ein konkretes Beispiel: Die Großmutter liegt in einem Zimmer im Haus im Sterben und die Mutter betet mit ihrem Kind im Kinderzimmer: "Lieber Gott, mach die Oma wieder gesund." Ein solches Gebet verschleiert, dass wir sterben müssen, dass Gott uns durch den Tod hindurchführt, der Tod also nötig ist, um auferweckt zu werden.

Es ist nicht unwichtig, welche Gebete wir mit Kindern beten
Kindern eine Vorstellung von Gebet zu lehren, nach der Gott auf alle unsere Gebete antwortet, führt ebenfalls ins Nichts. Die Antwort Gottes kommt schließlich nicht im Donnerschall, sondern in der inneren Dialogfähigkeit, der inneren Verwandlungsfähigkeit, dem Deuten von alltäglichen Begegnungen und Erfahrungen und nicht zuletzt in der Schulung und Stärkung der eigenen Gestaltungskräfte, so manches selbst in die Hand zu nehmen, was man sich gern von Gott in den Schoß legen ließe.
Und dennoch: Eine eigene theologische Engführung wäre es, wenn wir deswegen das Gebet als Dialog nicht ernst nehmen würden. Kinder können sehr wohl ihr Leid Gott zusprechen, ihre Sorgen ihm anvertrauen, das, was belastet, ihm "auflasten", um damit freier und geheilter zu werden.

Beten als Sich-Ausrichten und Ausrichten lassen auf Gott
Diesem Problem der mangelnden Antwort von Gott her entkommt eine andere, theologisch allerdings genauso richtige Vorstellung von Gebet: Ich nehme Kontakt mit Gott auf, richte mich innerlich auf ihn aus und lasse mich von ihm ausrichten. Dies ist eine Betonung der ANTWORT von uns Menschen auf die Zusagen Gottes. In den großen Meditationstraditionen ist es ganz selbstverständlich, dass Gott uns ja schon längst angesprochen hat und es lediglich darum geht, sich ihm zu öffnen und Nähe mit ihm zu realisieren. Dafür eignen sich Lobpreisgebete wie etwa der Sonnengesang von Franz von Assisi, eignen sich Lobpreispsalmen, aber auch das Vaterunser.

Vorformulierte Gebete und frei formulierte Gebete
In einigen Klassen habe ich über Jahre hinweg mit den Schülerinnen und Schülern am Beginn des Religionsunterrichtes selbstformulierte oder selbst ausgewählte Gebete gebetet. Nach einer anfänglichen Unsicherheit hat sich dies schnell durchgesetzt. Ich habe die Erwartung formuliert, dass es am Beginn der Religionsstunde leise ist und wir uns zunächst einmal auf Gott konzentrieren, bevor wir den Religionsunterricht beginnen. Die selbstformulierten Gebete waren oft sehr einfühlsam und persönlich, manchmal gingen sie auch in das Banale. Auch darüber haben wir oft sehr intensiv gemeinsam gesprochen - was schließlich auch einen Lernprozess ausgelöst hat.

Gebet als Thema im Religionsunterricht
Dies ist ja die für viele Religionslehrerinnen und -lehrer leichtere Form sich mit Gebet im Religionsunterricht auseinanderzusetzen, nämlich es zum Thema zu machen. Manche scheuen sich dann wirklich auch mit der Handlungsorientierung, die pädagogisch zwar hochgelobt wird, aber in der Religionspädagogik bei vielen immer noch nicht rezipiert und realisiert ist. Vor allem wenn man lediglich eine theologische Theorie des Gebetes entwickelt, ohne diese auf die konkrete Handlungsebene hin weiter zu transponieren, kommt man zu einer reduzierten Erschließung des Phänomene Gebets. Es ist zu beklagen oder nicht, für viele Schülerinnen und Schüler sind die Religionslehrerinnen und -lehrer die zentralen Zeugen auch für eine kompetente und sinnvolle Gebetspraxis.

Um es noch einmal mit Elie Wiesel zu formulieren: "Niemand ist mehr zu bedauern als der Mensch, der nicht beten kann..."