Charismatische Erneuerung in theologischer Sicht

von Prof. Norbert Baumert SJ

 

Damit wir wissen, wovon wir reden, ist es gut, erst einige Berichte und Zeugnisse zu lesen, wie sie in diesem Heft vorgestellt sind. Sehr bald kommt dann die Frage: Was ist davon zu halten? Ist das echt? Ist das (noch) katholisch? Haben diese Leute den Heiligen Geist gepachtet? Er ist doch für alle da! Und wenn er kommt, muss das dann so aussehen, wie hier beschrieben wird? Führt eine „Umkehr” oder eine Bitte um den Heiligen Geist immer in diese Richtung? Könnte er nicht in meinem Leben ganz anders wirken?

Fragen wir also: Wie ist dieser charismatische Aufbruch in der heutigen Christenheit theologisch einzuordnen? Ist es ein Anfang, der nach Gottes Plan allmählich die ganze Christenheit, ja die ganze Menschheit erfassen sollte, ähnlich wie die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten (Apg 2,38)? Der Unterschied wäre, dass dort die Gründung der Kirche, hier eine umfassende Erneuerung der ganzen Christenheit und Menschheit das Ziel wäre, so dass alle davon erfasst werden müssten.

Aber darin liegt ein Denkfehler. Dieser lässt sich am besten aufdecken, wenn wir den Unterschied zwischen Sakrament und Charisma beachten. Die Grundsakramente (Taufe, Firmung, Versöhnung, Eucharistie und Krankensalbung) sind für alle Menschen gedacht, sind gleichsam „normativ” für alle. „Charismen” hingegen werden vom Heiligen Geist je individuell zugeteilt, „wie er es für nützlich hält” (1 Kor 12,7.11). Wenn also etwas allen Menschen in gleicher Weise angeboten wäre, dann wäre das kein „Charisma”. Und das gilt auch für die „Charismatische Erneuerung” als ganze.

Man wird vielleicht antworten: Doch die „Taufe im Heiligen Geist”, von der hier so viel gesprochen wird, ist doch jedem Menschen zugedacht. Hier kommt es sehr darauf an, welchen Inhalt man mit diesem Begriff verbindet. Dass im Sakrament der Taufe und Firmung jeder Mensch den Heiligen Geist empfängt, ist für uns Katholiken unbestritten. Aber was man heute -katholisch und ökumenisch - „Taufe im Heiligen Geist” nennt, ist eine bestimmte, spürbare Geist-Erfahrung, wobei es schwer zu sagen ist, wie spürbar das sein müsse. Wer meint, wenn ein Getaufter nach angemessener Vorbereitung sein Taufversprechen erneuert, müsse er nach einem Gebet um den Heiligen Geist auf jeden Fall eine solche Geist-Erfahrung bekommen, der würde eine solche „Tauf-erneuerung” wie ein achtes Sakrament behandeln, bei dem mit einem äußeren Zeichen eine innere Gnade durch Gottes Fügung notwendig verbunden wäre. Aber eben dies ist hier nicht der Fall!

Wenn jemand getauft wird, ob als Kind oder Erwachsener, empfängt er sicher die Taufgnade; und wenn jemand sein Taufversprechen erneuert, darf er von Gott erbitten und erhoffen, dass er ihm die Taufgnade erneuert.

Aber ob er dabei auch eine „Taufe im Heiligen Geist” (wie man geschichtlich diesen Begriff versteht), nämlich eine spürbare Erfüllung mit dem Heiligen Geist erhält, oft begleitet von Sprachengebet und anderen auffallenden Charismen, das ist Gottes freies Geschenk (vgl. 1 Kor 12-14), das er zwar heute reichlich austeilt, aber keineswegs zu allen Zeiten so breit gegeben hat. Wäre es dann heute plötzlich „normativ”, nämlich für alle Menschen gedacht? Viele Heilige haben nie in Sprachen gebetet - und hatten doch auf ihre Weise die Fülle des Heiligen Geistes! Insofern ist die „Taufe im Heiligen Geist” kein Sakrament, sondern ein „charismatisches” Geschehen.

Man darf also nicht meinen und auch nicht den Eindruck erwecken, dass demjenigen, der nach dem Gebet um den Heiligen Geist trotz guter Bereitschaft und Offenheit so etwas nicht erfährt, etwas Wesentliches fehlen würde und er gleichsam noch kein voller Christ sei. Jeder Christ sollte um die Fülle des Heiligen Geistes beten, muss offen sein für alles, was Gott ihm geben will, und darf nicht von sich aus etwas ausschließen; aber dann soll er sich „überraschen” lassen, auch wenn der Heilige Geist bei ihm anders wirkt als bei anderen. Keiner soll den anderen zum Maßstab nehmen! Es ist eine - menschlich verständliche - Versuchung, zu meinen: ,wenn der eine das bekommen hat, dann bekommt es der andere auch’.

Da viele Anregungen aus evangelischen und freikirchlichen Kreisen stammen, müssen wir Katholiken lernen, jene für uns neuen Erfahrungen in das katholische Erbe, das der Heilige Geist unserer Kirche in 2000 Jahren anvertraut hat, zu integrieren. Dann staunt man oft, wie sehr die Lehre und das Amt in der katholischen Kirche plötzlich lebendig und wichtig werden und eine Hilfe und Stütze sind, um dem Heiligen Geist zu folgen und Echtes von Unechtem unterscheiden zu lernen. Die Sakramente werden dann neu in ihrem großen Reichtum erfahren, und die Verbindung zur Gemeinschaft der Heiligen im Himmel, zu allererst zur Mutter Gottes, erhält eine neue Lebendigkeit.

Die Botschaft also, welche die Charismatische Erneuerung in die ganze Christenheit hinein zu bringen hat, ist nicht, dass alle so werden müssten wie sie, wohl aber, dass jeder, der sich angesprochen weiß, im Vertrauen auf Gott den Schritt wagen, jeder aber sich dem Heiligen Geist öffnen möge. Es ist wie immer in der Kirchengeschichte: Wenn Gott der Menschheit etwas aufzeigen will, dann gibt er nicht eine theoretische Unterweisung, was zu tun sei, sondern er handelt an einigen Menschen zeichenhaft, damit alle daran etwas lernen. So schenkte er Franziskus die Gnade einer besonderen Armut, nicht damit alle nun Franziskaner werden, wohl aber, dass alle sich darauf besinnen, wie sie unter ihren Umständen dem armen Christus nachfolgen sollten. So ist die Charismatische Erneuerung in unseren Tagen ein Zeichen Gottes und eine Ermutigung für alle Menschen, sich je auf ihre Weise ganz dem Heiligen Geist zu öffnen (was ja im Grunde genommen nichts Neues ist), um sich dann überraschen zu lassen, wie der Heilige Geist sich ihnen schenkt.

So darf und soll jeder um die Fülle des Heiligen Geistes beten und es dabei zugleich Gott völlig überlassen, in welcher Weise er dann seinen Heiligen Geist gibt. Eine lange Erfahrung im zwanzigsten Jahrhundert zeigt, dass der Heilige Geist dann nicht jeden in die Charismatische Erneuerung, wohl aber jeden auf seine Weise zu einem lebendigeren Christsein führt.