Ein Unruhestifter, der lebendig macht

von Maria-Anna Leenen

 

Den einen bestürmt er mit mächtigem Drängen; einen anderen lässt er im Innersten erschauern durch kaum wahrnehmbaren, zarten Anhauch. Unwiderstehlich lockt und zieht und wirbt er mit sanfter Stimme und kann dann den Menschen mit Macht auf die Spur ins Licht reißen. Sein Trost schenkt tiefen Frieden, denn er selbst ist der Trost und der Friede, den er spendet. Sein Wirken reinigt selbst alte, vereiterte Wunden und das Herz kann heilen, denn er selbst ist die Lauge und der Balsam des Heils. Berührt er uns und öffnen wir uns diesem werbenden Windhauch, beginnt ein neues Leben der schon und noch nicht gestillten Sehnsucht: „Komm, wahres Licht. Komm, ewiges Leben. Komm, verborgenes Mysterium. Komm, namenlose Köstlichkeit. Komm, Unaussprechlichkeit. Komm, Wesen, fliehend Menscheneinsicht. Komm, immerwährende Erhebung. Komm, abendloses Leuchten. Komm, ersehnt von allen, die nach Erlösung dürsten. Komm, der Toten Auferstehung. Komm, Mächtiger. Mit bloßem Wink erschaffst du immerwährend alles, verwandelst es und wechselst es. Komm, gänzlich unschaubar, unberührbar, unantastbar.“

Die alten und hochpoetischen Jubelworte Simeons des Neuen Theologen (949-1022) vermitteln eine leise Ahnung von der Geisterfahrung, die ihr Verfasser erleben durfte. Ein herrlicher, von Erkenntnis gesättigter Lobpreis, doch: Alte Worte, alte Zeit ... also auch eine alte, nicht mehr aktuelle Erfahrung?

Tiefer als alle Tiefe in uns ruach, pneuma, spiritus - Namen, mit denen der Heilige Geist in den unterschiedlichsten Zeiten und Kulturen benannt wurde. Im Ursprung bezeichnet wurde mit dem hebräischen (weiblichen) Wort ruach das Element Luft in seinen Erscheinungsformen Wind und Atem. Der Sturm und der sanfte, Leben gebende Hauch; die wilde, ungebändigte, Meere aufwühlende Kraft und zugleich das zarte, unsichtbare Lebensprinzip, ohne das kein Mensch ins Dasein treten und in ihm bleiben kann. Der Heilige Geist ist der Lebendigmacher, wie wir es im großen Credo beten. Lebendig machen aber kann nichts, was außerhalb des Menschen ist und bleibt. Paulus, selbst ein vom Geist getroffener und gepackter Gottsucher, weist im Römerbrief immer wieder darauf hin: Die Hoffnung lasse nicht zugrunde gehen, denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“(Röm 5,5)

Und gegeben, uns geschenkt, tiefer als alles Tiefe in uns ist sie in uns hineingesenkt, diese namenlose Köstlichkeit, dieses abendlose Leuchten, ist der Mächtige, der durch seinen bloßen Wink alles immerwährend neu erschafft, verwandelt und heiligt. Er ist es, der uns lenkt und leitet, der unsere schwache, ja oft jämmerliche Glaubenskraft anfeuert, stärkt, und neu be-geist-ert. „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ (Röm 8,26)

Beten im Geist heißt beten in Offenheit

Elija erfährt die Macht des Geistes im Säuseln des Windes, nach Sturm und Krieg und Kampf, nach Verfolgung und Todesfurcht (1Kön19). Ein sanftes Wehen, das ihn seinen Kopf ehrfürchtig verhüllen und Gott entgegentreten lässt. Die Apostel machen eine völlig andere Erfahrung. Sie sitzen ängstlich versteckt im Verborgenen, verzagt und ohne Mut. Zu ihnen kommt der Geist im entflammenden Feuer, stürmt ihre Zaghaftigkeit hinweg und befähigt sie, das Wort des auferstandenen Herrn zu verkünden (Apg 2,1-12). Dieser heilige Unruhestifter, den wir im Lied als mächtigen Hauch und als unerschaff‘ne Glut besingen (GL 248,4) geht auf jeden Menschen ein und passt sich ihm an. Er schenkt Antwort in jeder notvollen, unentschlossenen, ratlosen, schwierigen Situation. Doch ich muss ihn fragen, muss mich ihm aussetzen; muss ihm erlauben, in mir zu wohnen, zu wirken, zu sein. Beten im Heiligen Geist heißt das ganze Leben heiligen lassen zu wollen durch Gott, der durch seinen Geist in mir wohnt. Die Botschaft Jesu, seine Liebe und das unendliche, unbegreifliche Erbarmen des Vaters sollen mein Leben, mich selbst ganz und gar durchdringen; alle meine Gedanken, Worte und Werke sollen durch den Geist bestimmt und durchtränkt sein. Die Bitte um die Offenheit, Gottes Willen und seine mir persönlich zugewandte Liebe zu erkennen und zu beantworten ist zutiefst eine Bitte um den Geist. Immer wieder gehört dazu die Stille und das gesammelte Hören auf die Stimme Gottes in mir. Und der Mut, das bisher für unabänderlich Gehaltene zu hinterfragen. Denn der Geist weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. (vgl. Joh 3,8) Neue, schöpferische Lösungen für drängende Probleme sind eine Spezialität des Heiligen Geistes.

Wind der Veränderung

Herabkommen, das Dunkle erhellen, die Herzen erfreuen, Abkühlung bringen, Licht und Heilung schenken, Erstarrtes lösen, Dürres tränken, Krankes heilen, alle auf den rechten Weg bringen: die Bilder, die das Veni Sancte Spiritus in uns wachruft, sind wie eine frische Brise in der Gluthitze eines Sommermittags. Das alte Heilig-Geist-Lied (GL 243) des Pariser Theologen und späteren Erzbischofs von Canterbury Stephan Langton (1150-1228) entstand ebenfalls in einer Umbruchphase der Kirche. Diese Strophen zu singen, sie zu beten, zu meditieren, sie in das Herz sickern zu lassen, bringt nicht nur Trost. Diese Worte bewirken, was sie aussagen durch die Kraft, die mit ihnen angerufen wird.

Ich sehe den Weg nicht, alles ist dunkel und macht mir Angst – Du, Heiliger Geist, erleuchtest meine Schritte. Klein und erbärmlich bin ich, mein Geist ist eng, mein Herz gefesselt – Du, Heiliger Geist, schenkst Weite und Licht. Ich bin verzweifelt und in Not - Dein Trost, Heiliger Geist, schenkt den tiefen Frieden der Gottesfreundschaft. Um mich herum scheint gläubiges Leben vollständig zu versickern und zu verdunsten – Du, Heiliger Geist, machst wieder lebendig, wo der Glaube zu sterben droht. In allem Umbruch heute, in der zerbrochenen Vergangenheit, in der noch nicht erkennbaren Zukunft, in der schmerzvollen Gegenwart – Dir, Heiliger Geist, vertraue ich in jeder Stunde meines Lebens.

Das neue, auf das der Geist uns hinweisen will, erklärt sich nicht aus der Vergangenheit, sondern von der Zukunft her, von dem, wofür wir bestimmt sind. (Bischof Ignatius Hazim). Beten im Geist heißt beten in der Offenheit, weil Glaube immer dynamisch ist. Denn das Irdische ist vergänglich und dazu gehören auch die Strukturen der Kirche. Der Heilige Geist „ ... treibt das Evangelium vorwärts in das Noch-nicht-Gekommene der Geschichte hinein. (...) Konkret besagt dies, dass die uns bekannten Formen, so richtig und respektabel sie auch sein mögen, für die Wirklichkeiten, die sie wiedergeben, nicht das letze Wort sind: die Dogmen lassen sich vervollkommnen, die Kirche ist in ihren Strukturen ein offenes System.“ (Yves Congar)

Freiheit zur Sendung

In Zeiten der Verwirrung und in der schmerzlichen Wahrnehmung, dass sich die gewohnten Strukturen fundamental verändern, ist das Beten zu dem Geist, der in uns wohnt, die wichtigste „Maßnahme“ für das persönliche und kirchliche Leben. Das Vertrauen in seine Führung mit der unberirrten Zuversicht, dass dieser die undurchsichtigen Situationen klären wird, schafft Raum für eine große Freiheit. Eine Freiheit, die durch die immer wieder neu und vertieft getroffene Entscheidung heranwächst, sich immer und überall und so konkret und radikal wie möglich dieser Führung zu überlassen. Im Gebet über den Tag verteilt, intensiv zu bestimmten Zeiten, im „Hinterkopf haltend“ in den Stunden und Tagen dazwischen: das zwar geheimnisvolle, aber mit der Zeit deutlich spürbare Wirken des Lebendigmachers ist verlässliches Halteseil über alle Abgründe hinweg. Das Buch Exodus beschreibt diese innere Haltung in einer Begebenheit, die wir heute als Vorausbild für die Führung durch den Heiligen Geist deuten dürfen. Nachdem Mose den Israeliten die Anordnungen für das Offenbarungszelt mitgeteilt hat und alle Arbeiten erledigt sind, setzt er das Heiligtum zusammen. Als er fertig ist, verbirgt die Wolke alles und die Herrlichkeit des Herrn erfüllt das Offenbarungszelt. Und ab da richtet sich der Weg des Volkes durch die Wüste nach der Wolke. „Immer, wenn die Wolke sich von der Wohnstätte erhob, brachen die Israeliten auf, solange ihre Wanderung dauerte. Wenn sich aber die Wolke nicht erhob, brachen sie nicht auf, bis zu dem Tag, an dem sie sich wieder erhob. Bei Tage schwebte über der Wohnstätte die Wolke des Herrn, bei Nacht aber war an ihr Feuer vor den Augen des ganzen Volkes Israel, solange ihre Wanderung dauerte.“(Ex 40, 36-38)

Die Freiheit, die der Geist schenkt, ist Gabe nicht nur für den Beter selbst.

Gegeben wird, damit weiter geschenkt werden kann. In Kurzform könnte man darum die Spiritualität des Geistes auch Spiritualität des Empfangens, Gebens und wieder Empfangens heißen. Schlicht und sehr tief bringt es ein modernes Gedicht zur Sprache, dass zu den schönsten neuen Hymnen im Stundenbuch für die Fasten- und Osterzeit gehört:

Geist des Vaters und des Sohnes Jesu Christ,

der das All erhält.

Gieß dich aus

und als ein Zeichen, dass du bist,

überkomm‘ die Welt.

Deine Ankunft wird die Wirren wieder klär‘n,

wenn sie uns befällt

Geist der Wahrheit,

wandle uns in unsres Herrn

Offenbarungszelt.

(Stundenbuch Fasten / Osterzeit S.599)