Internetseelsorge Freiburg

Seelsorge im Internet

von Dr. Norbert Kebekus, Freiburg

Seit Oktober 1998 bietet das Erzbistum Freiburg unter der Adresse www.isfr.de die Möglichkeit, per E-Mail mit einem Team von acht Seelsorgerinnen und Seelsorgern Kontakt aufzunehmen. Dieses Angebot wird rege genutzt: Pro Monat erreichen uns rund 50 neue E-Mails (Erstkontakte), aus denen sich die einzelnen Mailkontakte zwischen Seelsorger/-in und Mailer/-in entwickeln. Die Rat Suchenden sind zwischen 14 und 60 Jahre alt.

„Meine Freundin klammert in unserer Beziehung so stark. Ich liebe sie, brauche aber mehr Freiheit. Könnt Ihr mir was raten?" (männlich, 18-24 Jahre)

Wie kann es mir gelingen, dass mein Glaube mehr mit meinem Leben zu tun hat?" (weiblich, 31-40 Jahre)

„Vor vier Jahren habe ich meinen Mann verlassen und bin mit meinen Kindern zu meinem Freund gezogen. Nach meiner Scheidung haben wir geheiratet. Nun hat mir mein zweiter Mann eröffnet, dass er eine Freundin hat. Er will bei mir bleiben, seine Freundin aber trotzdem behalten. Ich fühle mich verletzt. Ich bin verzweifelt. Was soll ich tun?" (weiblich, 41-50 Jahre)

„Ich bin vor 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Inzwischen bereue ich diesen Schritt. Wie kann ich wieder eintreten?" (männlich, über 50 Jahre).

„Mein Mann versteht mich nicht. Ich bin verheiratet, aber im Grunde allein. Jetzt habe ich einen Mann übers Internet kennengelernt. Er will sich mit mir treffen. Soll ich zusagen?" (weiblich 31-40 Jahre)

„Alles, was ich anfange, geht schief. Mein Leben ist ein einziges Desaster" (männlich 25-30 Jahre)

Das Spektrum der in den E-Mails angesprochenen Themen ist sehr vielfältig:

Die Thematik „Ehe / Partnerschaft / Sexualität" wird am häufigsten angesprochen (30%), gefolgt von ausdrücklich religiösen bzw. theologischen Fragen („Glaube / Gott / Kirche": 20%).

Der seelsorgliche Kontakt via E-Mail unterscheidet sich in mehreren zentralen Punkten von sog. „face-to-face-Kontakten" (also von Kontakten im persönlichen Gegenüber): durch die Form der (schriftlichen) Kommunikation (1), durch die Ano-nymität (2), durch die völlige Aufgabe jeglichen Territorialprinzipes (3) und - als Folge dieser Aspekte - durch seine Niederschwelligkeit (4). Hinzu kommt sein Angebots-charakter (5).

Kommunikation

Das Prinzip, einen seelsorglichen Kontakt ausschließlich schriftlich zu gestalten, hat erhebliche Konsequenzen: Ich kann mein Gegenüber nicht sehen, muss auf jeglichen visuellen Eindruck verzichten, kann nicht auf Körperhaltungen und Gesten reagieren. Im Unterschied zu einem Telefongespräch fehlt mir sogar die Möglichkeit, auf Tonfall und andere stimmliche Modulationen zu achten. Ich habe nur schriftlich fixierten Text vor mir. Diese Form der Kommunikation fordert zunächst einmal von der Rat suchenden Person das Bemühen, das jeweilige Anliegen möglichst präzise in Worte zu fassen. In einem face-to-face-Kontakt oder am Telefon kann ich als Rat Suchender ggfs. einfach nur weinen, mein Gegenüber kann darauf reagieren. In einer E-Mail muss ich meine Stimmung, meine Gefühle verbalisieren. Auf der anderen Seite zwingt mich dieses In-Worte-Fassen bereits zu einer ersten Auseinandersetzung mit meinem Problem. Manchmal geschieht im Prozess des Schreibens bereits eine erste (anfanghafte, aber hilfreiche) Verarbeitung.

Auch die Seelsorgerin oder der Seelsorger muss sich um Präzision bei der Formulierung bemühen. Ich sehe nicht unmittelbar, wie eine Äußerung von meinem Gegenüber aufgenommen wird, sondern muss evtl. ein Feedback eigens erbitten. Allerdings habe ich viel mehr Zeit, mir meine Sätze zu überlegen. Ich bin nicht gezwungen, unmittelbar zu antworten, sondern kann erst einmal einige Stunden oder einen Tag lang meine Antwort überlegen. In dieser Zeit habe ich die Möglichkeit, mich mit den Fragen, den Gefühlen, den Ideen und Phantasien, dir mir beim Lesen der Mails gekommen sind, auseinander zu setzen, um sie ggfs. der Rat suchenden Person zurückspiegeln oder in eine andere Intervention umsetzen zu können. Ein Paradox: Während die Nutzung von E-Mails an sich zu Recht im Ruf steht, Kommunikation zu beschleunigen, wird die seelsorgliche Kommunikation dagegen verlangsamt.

Anonymität

Das Internet ermöglicht relativ leicht eine anonyme Kontaktaufnahme. Wer aufgrund seiner E-Mail-Adresse eindeutig identifizierbar ist, aber den Schutzraum der Anonymität sucht, kann sich problemlos eine kostenlose Mailadresse bei einem Freemail-Anbieter unter einem Pseudonym besorgen. Eine Reihe von Online-Beratungen nutzt inzwischen nicht mehr das Medium E-Mail, sondern verlagert den gesamten „Mail"-Kontakt in den geschützten Rahmen eines Webservers, bei dem ich mich als Rat Suchender mit einem Pseudonym anmelden muss. Die Verschleierung der Identität erleichtert vielen die Entscheidung, überhaupt Kontakt mit einer Seelsorge-Stelle aufzunehmen.

Aufgabe des Territorialprinzips

Das Internet macht mit Schlagworten wie „weltweiter Vernetzung" und „Globalisierung" Ernst. Das Medium kennt keine Gebietsgrenzen (allenfalls Sprachgrenzen). Die Internetseelsorge Freiburg z.B. bekommt E-Mails aus Schleswig-Holstein, Bayern, Sachsen, Hessen, aus Österreich und der Schweiz, aus Kolumbien und den USA. Dieser Aspekt hebt das pastorale Engagement im Internet von allen anderen Medien ab. Und diesen Aspekt muss akzeptieren, wer Internet-Seelsorge anbieten will: Pfarr- und Bistumsgrenzen spielen im Internet keine Rolle.

Niederschwelligkeit

Die drei genannten Punkte führen zu einem vierten: der Niederschwelligkeit. Die Internetseelsorge ermöglicht eine erste, zunächst einmal unverbindliche Kontaktaufnahme, und überlässt der Rat suchenden Person, wieviel sie von sich und ihrer Identität preisgeben will. Wer sich an eine Internetseelsorge wendet, kann jederzeit den Kontakt beenden und in der Anonymität des World Wide Web wieder untertauchen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich die Personen, von denen die eingangs zitierten E-Mails stammen, zunächst einmal nicht an eine Beratungsstelle oder oder an eine Seelsorgerin bzw. einen Seelsorger vor Ort gewandt haben. Die Niederschwelligkeit des Angebotes kommt übrigens nicht nur den sog. Kirchenfernen oder -distanzierten entgegen, die in den herkömmlichen Strukturen der Pastoral keine Heimat mehr finden. Gerade im ländlichen Raum, in der (realen oder befürchteten) sozialen Kontrolle einer Dorfgemeinschaft schrecken manche davor zurück, sich mit ihrem Problem zu outen.

Nicht selten ist aber das Ergebnis eines E-Mail-Kontaktes, dass sich die Person an eine psychologische bzw. psycho-soziale Beratungsstelle wendet, um eine weitergehende Beratung zu erhalten oder ggfs. eine Therapie zu beginnen. Internetseelsorge hat dann die Funktion, eine erste Anlaufstelle zu bieten, um weitere Hilfen vorzubereiten. Und vor allem die Aufgabe, Menschen zu ermutigen, den Schritt zu einer persönlichen Beratung vor Ort zu wagen.

Angebotscharakter

Um die Eigenart der Internetseelsorge zu beleuchten, habe ich im Vorangehenden einige Punkte angesprochen, die die Seelsorge via E-Mail von anderen Seelsorge- und Beratungskonzepten unterscheidet. Ein zentrales Charakteristikum der Internetseelsorge, das sie durchaus mit anderen Seelsorge-Konzepten teilt, kam dabei noch nicht explizit zur Sprache: ihr Angebotscharakter. Damit ist nicht nur gemeint, dass Kirche mit der Internetseelsorge in einem gewaltigen Supermarkt der Sinnangebote auftritt und zunächst einmal schauen muss, überhaupt wahrgenommen zu werden, sondern auch und vor allem, dass in der Internetseelsorge - ähnlich wie etwa in der Telefonseelsorge - Kirche ein gänzlich unaufdringliches diakonisches Angebot macht, ohne zu vereinnahmen und den Ratsuchenden zu nahe kommen zu können. Die Internetseelsorge kann durchaus „als ein Symbol des ‚Heilsangebots‘ Gottes gelten, das sich den Menschen nicht aufdrängt, seine Freiheit respektiert, ohnmächtig ist wie Gott selbst, dessen einzigartiges Heilsangebot, Jesus von Nazareth, den die Menschen schließlich umgebracht haben" (Hermann Steinkamp, Solidarität und Parteilichkeit, Mainz 1994, 148-150).

Überarbeitete Fassung von: Seelsorge im Internet, in: R. Jacobi (Hg.), Medien - Markt - Moral, Freiburg - Basel - Wien 2001, 151-159