Verkündigung im Internet

von Dr. Michael Belzer

In Sekundenbruchteilen entscheiden Internetnutzer, die sogenannten „user", über Empfang oder Absage. Schneller noch als mit der Fernbedienung vor dem Fernseher wird per Mausklick entschieden, ob der Anbieter einer Information die kommenden drei Sekunden eine Chance bekommt oder ob bereits die nächste Seite der mehrere hundert Millionen Seiten im weltweiten Netz angesteuert wird. Hat unter solchen Bedingungen das Evangelium überhaupt eine Chance? Wenn`s mal nicht andauernd blinkt, wenn`s nicht kitschig oder geschmacklos abstoßend daherkommen soll? Auch ohne marktschreierische Verballhornung? Kann „Verkündigung im Internet" unter solchen technischen Bedingungen überhaupt gelingen - und wenn ja, wie?

Die Erfahrungen der im deutschsprachigen Raum recht bekannten Internetseelsorge-Einrichtung Katholische Glaubensinformation, kgi, in Frankfurt bezeugen, dass es sehr wohl Wege gibt, die erfolgversprechend sind. Immerhin haben im vergangenen Jahr mehr als eine Million visits - Besucher - die von ihr betreuten Internetseiten aufgesucht. Die exemplarischen Erfahrungen dieses
Instituts und der mit ihm verbundenen Internetseelsorger in den einzelnen Diözesen zeigen, dass immer wieder besonders solche Menschen auf dem medialen Weg erreichbar sind, die ansonsten in der territorial angelegten Gemeindepastoral nur schwer oder gar nicht ansprechbar wären. Gerade die Anonymität des Internets birgt hier zugleich die größte Chance sehr vertraut miteinander in Beziehung zu treten, sozusagen von Mensch zu Mensch das Evangelium zu bezeugen. Hier wird gleichsam das Pauluswort „Der Glaube kommt vom Hören" in modernen Zeiten und mit medialen Mitteln neu belebt.

In dem wichtigen pastoralen Dokument der deutschen Bischöfe „Zeit zur Aussaat" aus dem Jahr 2002 wird ausdrücklich gefordert, „den Glauben auf den Marktplätzen dieser Welt zu verkünden und das Wort auszusäen." Dementsprechend ist es keine Frage mehr, ob Verkündigung im Internet stattfindet – es geht letztlich nur noch um die Frage des Wie.

Konkret geht es bei diesem Wie heute um Andockstationen für Menschen aller Couleur, oder wie es der Erfurter Bischof Joachim Wanke einmal formulierte, sozusagen um „Haltegriffe für Einsteiger und Trittbrettmöglichkeiten für nur zeitweilig Mitfahrende".

In solchen Stationen werden speziell Fragestellungen der „Menschen auf der Suche nach einem Lebenswissen" aufgegriffen, aber nicht abschließend und vollständig beantwortet. Fragestellungen, die aus Grundkonflikten und Prozessen des persönlichen Reifens entstehen, die kreative Möglichkeiten für eine sinnhafte Lebensbewältigung sowie stärkere Vergewisserung der personalen Identität anbieten und die in diesem Anbieten den Dialog suchen. Das alles sind „Verkündigungsaufgaben" und führen schrittweise auf die Frohbotschaft hin.

Es hat keinen Zweck, quasi „mit der Tür ins Haus zu fallen" und etwa seitenlange Auszüge aus dem katholischen Katechismus anzubieten. Die würden nicht gelesen. Stattdessen braucht es einen neuen Schreibstil, der die technisch vorgegebene „Vernetzung" aufgreift und mittels Links assoziativ weiterführt. Dabei werden dialogische Formen – etwa der Hinweis auf ein Forum oder Chat – so eingestreut, dass der mitteilungswillige Leser jederzeit die Möglichkeit wahrnehmen kann, sich in direkten Kontakt mit dem Informationsanbieter zu begeben. Es kommt in der Folge nicht selten vor, dass jemand dann in E-mails mitteilt: „...gerade durch die Möglichkeit, dass ich nicht offen Gesicht zeigen muss, konnte ich mich so schnell öffnen und von den mir wirklich wichtigen Dingen in aller Offenheit mit Ihnen reden..."

Eine zeitgemäße Verkündigung versucht also, den Leser und seine Erfahrungen in die Präsentation mit einzubeziehen. Das geschieht mit der konsequent auf Zeugenschaft hin konzipierten Verkündigung der „Macher": Sie vermitteln: Hier steht ein Christ, der mitten im Leben steht und einladen will, in Sachen des Glaubens miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Machart ist zwar journalistisch – gleichwohl ebenso personal. Hinzu kommen weitere, von den technischen Vorgaben geprägte Weisen: Häufige Wechsel, kurze Einheiten, vielfältige Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten, assoziative Verschlagwortung – um nur einige zu nennen.

Verkündigung im Internet braucht also kurz gesagt eine Inkulturation des Glaubens in die Umgebung des Mediums und seiner Nutzer. Eine spannende, eine lohnende, eine nach wie vor in den Kinderschuhen steckende, eine zu den „normalen" Aufgaben der kirchlichen Pastoral wichtige ergänzende Aufgabe gewiss, die auch in Zeiten knapper werdenden Geldes inzwischen unaufgebbar geworden ist.