Internetkirche St. Bonifatius in www.funama.de

Liturgie im Internet

von Norbert Lübke

Seit April 1998 gibt es diese virtuell-reale Internetkirche, nach dem ein Jahr zuvor die Internetstadt Funcity eingerichtet wurde. Platziert in einem auf Fun und Abwechslung ausgerichteten Umfeld tritt dort die katholische Kirche in ökumenischer Ausrichtung mit einem ernst gemeinten Angebot auf.

Jeder Internet-Nutzer kann diese virtuelle Stadt unter www.funcity.de im Internet als Gast besuchen, sich als Einwohner anmelden, danach eine „Wohnung" suchen und erhält damit u.a. einen E-Mail-Kasten, über den E-Mails verschickt und empfangen werden können.

Die Entwicklung der Angebote

Schon von Anfang an gehört ein regelmäßig zweimal in der Woche für je zwei Stunden stattfindender Chat zum Angebot, welches zur Zeit ca. 20 Seelsorgerinnen und Seelsorger bereitstellen. Hier werden Themen diskutiert, Gespräche mit den Seelsorgerinnen geführt und auch einfach mal so über Gott und die Welt gechattet.

Im Pfarrhaus stellen sich die Seelsorger mit Bild und in Stichworten vor, im Fürbittbrett können Bitten benannt werden, ein Gästebuch lädt zu einer Nachricht ein und im Forum Worte-zum-Nach-Denken finden sich nachdenkliche Texte, die von Besuchern eingestellt werden. In sogenannten Aktionswohnungen werden weitere Angebote präsentiert: Adventskalender, Oster-Wege, Gemeindebrief, Exerzitien im Alltag, Schwangerenberatung, E-Mail-Seelsorge.

Der Chat als zentraler Treffpunkt der Kirchenbesucher hat sich von seiner Struktur her entwickelt: Nach Begrüßungsritualen und der Diskussion eines Themas hat insbesondere das Ende des Chats inzwischen eine feste Form gefunden: Die Anwesenden werden zu einem Moment der Stille eingeladen, daran schließen sich Bitten und Fürbitten an. Die anwesenden zwei Seelsorger leiten dann zum Vater unser über, welches Zeile für Zeile von allen nach und nach eingetippt wird, und endet dann mit einem Segen.

Diese auch von Chattern begrüßte Schlussform eines Chat hat das Kirchenteam zu Gedanken angeregt, einen Online-Gottesdienst zu gestalten, der die Möglichkeiten eines Chats mit einer liturgischen Form verbindet

Online-Gottesdienst

Jeweils am letzten Sonntag-Abend eines Monats um 21.30 Uhr in der Internetkirche St. Bonifatius unter www.funama.de findet dieser Online-Gottesdienst in der Leitung von Diözesanjugendseelsorger Pfarrer Martin Tenge zusammen mit anderen aus dem Seelsorgeteam statt und hat folgenden festen liturgischen Ablauf:

Begrüßung - Hymnus - Rückblick - Gebet - Evangelium - Predigtgespräch - Dank und Fürbitten - Vater unser - Segen

Der Chat besteht zum einen aus dem Chatfenster, in das alle Anwesenden ihre Gedanken und Bemerkungen eintippen können, sowie einem weiteren Fenster, auf das ausschließlich die Seelsorger Zugriff haben. Dies wird während eines Online-Gottesdienstes insbesondere dafür genutzt, Texte und insbesondere das Evangelium einzustellen.

„Herzlich willkommen zum Online-Gottesdienst heute Abend in der Kirche von funcity :-)", so begrüßt Martin Tenge und eröffnet den Gottesdienst liturgisch mit "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes", worauf die Teilnehmenden mit „Amen" antworten.

Eine kurze Einführung in den Gottesdienst wird gegeben. Ein Willkommenswort wird auch in das Seelsorgefenster gestellt.

Bereits hier am Anfang wird die dialogische Form des Gottesdienstes eingebracht: Es ist nicht zu erwarten, dass Chatter taten- und wortlos vorm Bildschirm sitzen bleiben, sondern sie wollen in das Geschehen einbezogen werden und gestaltend mitwirken.

Gleichzeitig ist nicht davon auszugehen, dass die Teilnehmenden über die Liturgie eines Gottesdienstes insoweit Bescheid wissen, als dass sie auf die verschiedenen Elemente angemessen reagieren können. Die Form des Online-Gottesdienstes hat sich dahin weiter entwickelt, dass an bestimmten Stellen Erläuterungen über das Was und Warum eingestreut werden. Außerdem kann auf diesem Weg erreicht werden, dass die Teilnehmenden orientiert sind über das, was im Chat stattfindet, auch wenn sie später dazu kommen sollten.

Der Hymnus wird dann Zeile für Zeile in das Chatfenster geschrieben und danach komplett in das Seelsorgerfenster gestellt.

 

Im Rückblick wird mit geeigneter Frage zum Tages- und Wochenrückblick eingeladen („Was ist mir misslungen an mir selbst und gegenüber anderen?"). Hier können die Teilnehmenden sich äußern, man kann aber auch in „Stille" den Äußerungen anderer folgen. Mit Dank für die Woche und mit der Bitte um Gottes Erbarmen (Herr, erbarme dich - Christus, erbarme dich - Herr, erbarme dich) wird die Überleitung zum Gebet gestaltet. Hierauf reagieren die Teilnehmenden mit einem zustimmenden „Amen".

Das Gebet ist in liturgischer Form und Sprache gehalten. Im Februar 2005 lautete es: „Gott, lass uns jetzt in diesem Gottesdienst deine Liebe spüren, um daraus Kraft für unseren Weg zu schöpfen. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen."

Diese von anderen Chat-Schreibweisen deutlich unterscheidbare Form signalisiert den Teilnehmenden, dass es sich nicht um eine muntere Plauderei handelt, sondern um eine liturgisch geformte Zeit des gemeinsamen Betens und Nachdenkens über den Glauben.

Im Evangelium kommt die frohe Botschaft direkt ins Wort. Schon vor der Bekanntgabe der Schriftstelle wird dazu eingeladen, im Anschluss daran Eindrücke zu äußern. Das Evangelium wird vorgetragen, in dem der volle Text in das Chat-Fenster für die Seelsorger eingestellt wird.

Unsere Beobachtung ist, dass der Text selbst nicht zu lang sein sollte, damit eine Konzentration auf einige wenige Hauptaussagen möglich ist und die Teilnehmenden sich mit ihren unterschiedlichen Zugangsweisen gegenseitig bereichern können.
Während des Schriftgespräches haben die Anwesenden die Möglichkeit, ihre Gedanken und Wahrnehmungen mitzuteilen und auszutauschen. Alternativ kann dazu eingeladen werden, den für einen selber wichtigsten Satz zu benennen und zu kommentieren.

Nach angemessener Zeit wird der Austausch gebündelt und abgeschlossen. Mit einem prägnant formulierten Gedanken am Ende wird versucht, ein Motto zu benennen, was über den Abend hinaus mitgenommen werden kann.

Dank und Fürbitten schließen sich an. Auch hier ist es von strukturierender Klarheit, dass der Leiter des Online-Gottesdienstes die aufeinander abfolgenden Teile klar ausdrückt und zum nächsten Schritt überleitet. Die Teilnehmenden machen rege Gebrauch, ihre persönlichen Anliegen mitzuteilen.

Das Vater unser beten alle gemeinsam (wie im Chat gewohnt), in dem Zeile für Zeile das Vater unser von den Teilnehmenden eingetippt wird.

Mit einem Segenswort durch den Leiter schließt der Online-Gottesdienst. Die Teilnehmer reagieren wieder mit „Amen"

Beobachtungen

Gezielt zu diesem Online-Gottesdienst kommen die Teilnehmenden in den Chat. Sie suchen einen abendlichen Abschluss für den Sonntag. Deshalb hat sich 21.30 Uhr als guter Zeitpunkt herausgestellt: Abendliche Vorarbeiten für die kommende Woche sind erledigt.

Beim Online-Gottesdienst sind neben dem Gottesdienstleiter weitere Teammitglieder anwesend. Sie wenden sich insbesondere während des Gottesdienstes hinzukommenden Personen zu und unterstützen durch ihre Beiträge den Gottesdienstverlauf.

Die Ernsthaftigkeit der Teilnehmenden macht sich in der Dauer des Gottesdienstes fest. Wenn sich viele zum Schriftgespräch äußern und an den Fürbitten beteiligen, dauert der Gottesdienst schon mal eine Stunde. Dass die Teilnehmenden von Anfang bis Ende dabei bleiben und wenig Fluktuation vorhanden ist, macht deutlich, dass Aufbau, Gestaltung, Beteiligung und Spannungsbogen in einem guten Verhältnis zueinander stehen.

Die Schnelligkeit des Chat-Geschehens wird durch die eingeübte, wiederkehrende Form und Elemente der Besinnung und gezielt-gewünschten Beteiligungen gebremst. So hat das Beten des „Vater unser" zum Abschluss deutlich meditative Züge der Wiederholung - und es dauert länger als in einem Gemeindegottesdienst.

Der Online-Gottesdienst ist sicher nicht mit einem Gottesdienst in einem „normalen" Gottesdienstraum zu vergleichen und kann ihn nicht ersetzen. Dennoch ist es angesichts der Ernsthaftigkeit und des spirituellen Erlebens ein „echter", erlebbarer Gottesdienst mit einer nicht unerheblichen Faszination sowohl für solche, die auch den Gemeindegottesdienst besuchen als auch für die, die nicht in eine Kirche gehen würden.