Wie entdecke ich meine Berufung? (3)

Dem mir zugedachten Geheimnis 

immer wieder neu auf die Spur kommen

von Dr. Wunibald Müller, Münsterschwarzach

Die Krise als Chance

Henry David Thoreau, der über ein Jahr lang in einer Hütte, umgeben von einem See und Wäldern, gelebt hat, meint: „Das Mausern muss wie bei Vögeln eine Crisis in unserem Leben sein... Auch die Schlange wirft ihre Haut und die Raupe ihren wurmigen Rock infolge einer inneren Arbeit und Ausdehnung ab". Übertragen auf die Menschen heißt das: Zu einem Entfaltungsprozess gehören Zeiten des Mauserns, Zeiten, in denen wir uns innerlich strecken und ausdehnen, um dem uns vorgegebenen organischen Prozess gerecht zu werden. Das geht einher mit Ausdehnen, Wachsen und Abwerfen der alten Haut, dem Abwerfen dessen, was nicht mehr passt. Es geht nicht darum, dass ich jemand anderer werde, jemand ganz Neuer. Es geht darum, dass ich noch mehr ich selbst werde, dass noch mehr das, was mich ausmacht, zum Durchbruch und Ausdruck kommt.

Es gibt, wie ich bereits in den vorausgehenden Beiträgen zu dem Thema Berufung erwähnt habe, besondere Phasen in unserem Leben, in denen eine intensive Auseinandersetzung mit uns selbst, auch hinsichtlich unserer Berufung, angezeigt ist. Ja, gerade bei der persönlichen Berufung hat sich gezeigt, dass Krisenzeiten, in denen es zu Reibungen kommt, sich als besonders hilfreich erweisen, um mit unserer Berufung überhaupt oder wieder neu in Berührung zu kommen. Geht es bei der Identitätskrise unter anderem darum, herauszufinden, wer wir sind und was wir wollen, was unser Lebenstraum ist und unsere Berufung ausmacht, so können uns spätere Krisen in unserem Leben dazu auffordern, hinzuschauen, was von unserer Berufung, von unserem Lebenstraum übrig geblieben ist. So kann die Krise darauf aufmerksam machen, dass wir von unserem Lebenstraum und unserer eigentlichen Berufung weit abgerückt sind. Wir müssen dann zur Kenntnis nehmen, dass wir vieles von dem, was wir erreichen wollten nicht erreichen konnten und etwas unerfüllt bleibt.

Will ich, dass meine Berufung lebendig bleibt, ist es daher wichtig, dass ich mich der Krise stelle und sie als eine Chance sehe, noch mehr als bisher mit dem Wesentlichen von mir in Kontakt zu kommen. Dabei mag ich auch noch mehr über meine Berufung erfahren und diese dann auch noch stärker, ja radikaler umzusetzen. Bei einer solchen Sichtweise wird deutlich, dass Berufung nicht ein einmaliger Akt ist, sondern es sich dabei um einen Prozess, mitunter sogar einen lebenslangen Prozess handelt.

Die Auseinandersetzung mit mir selbst

Vor allem in der Krise in der Mitte des Lebens sehen wir uns damit konfrontiert, uns erneut mit unserem Lebenstraum und damit auch mit unserer Berufung auseinander setzen zu müssen. Manche Traurigkeit und Ernüchterung dieser Zeit mag darauf zurückzuführen sein, dass wir immer mehr von unserer Berufung, unserem Lebenstraum abgerückt sind. Das führt dann dazu, dass eine ganz tief in uns verankerte Seite unzufrieden bleibt. Mit der Krise mag sich unser geheimnisvolles, numinoses Zentrum, unsere Seele, unser Tiefstes melden, um uns wieder auf unsere wahre Berufung aufmerksam zu machen.

Bei meiner Arbeit im Recollectio-Haus mache ich oft die Erfahrung, dass es wichtig ist, die Krise immer wieder auf diesem Hintergrund zu sehen. Sie stellt eine Chance, einen Anruf dar, wieder wesentlicher zu werden, wieder mehr mit dem, was mir eigentlich zugedacht ist, in Berührung zu kommen und das dann auch mehr als bisher in meinem Leben und meinem Tun zum Ausdruck zu bringen.

In der Krise fühlt sich, so Marie Louise von Franz, eine Schülerin von C.G. Jung, das Ich „in seinem Willen oder Begehren behindert". Oft projiziert man das Hindernis nach außen und auf Gott, die Welt, den Chef, den Ehepartner „und macht andere für alles verantwortlich, was einem nicht passt." In der Beratung mit Menschen, die sich in einer Berufungskrise befinden und die das Außen, den Vorgesetzten und wen auch immer sie für ihre Krise verantwortlich machen, kann es ein Ziel sein, zu helfen, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Ohne die auch im Außenbereich gegebenen objektiven Beeinträchtigungen zu übergehen, geht es dann darum, die tieferliegenden Konflikte anzugehen. Diese aber erfordern, bei sich selbst zu bleiben, an sich selbst zu arbeiten, zu schauen, was für mich jetzt dran ist.

Berufung als Sinngebung

Diese Auseinandersetzung mit mir, mit meinem tieferen Selbst lohnt sich unabhängig davon, welchen Beruf ich anstrebe, auch deswegen, weil im Erhellen meiner Berufung mir auch über mich selbst mehr klar wird. Berufung wird hier in einen Zusammenhang mit Sinnfindung des Lebens gestellt. In der Berufung kommt mein Lebensziel zum Ausdruck. Im Bewusstwerden meiner Berufung wird mir Sinngebung geschenkt. Berufung ist dann weiter eine Art Aufleuchten meines bewussten Seins. In der Berufung wird mir Wesentliches über mich mitgeteilt, wird mir Wesentliches über mich bewusst, wird manches, was bisher noch

dunkel in mir war, erhellt. Dabei kann auch das Eingehen auf die Inhalte des Unbewussten, wie sie uns in den Träumen vermittelt werden, wichtig sein: Man muss, so C.G. Jung, erkennen, worauf diese Inhalte hinzielen – „was Gottes Wille ist. Man ist verdammt, wenn man dem nicht folgt. Man ruiniert sein eigenes Leben, seine Gesundheit. Man hat einen Teil seiner Seele verkauft oder verloren", wenn man dem nicht folgt.

Wie das, was ich als Lebenstraum, als Teil meiner Sehnsucht, als Freuden in mir spüre, in einen Beruf umgesetzt werden kann, hängt natürlich ganz stark auch von den Möglichkeiten ab, die gegeben sind, um das, was ich innerlich als meine Berufung spüre, dann auch in eine Tätigkeit umsetzen zu können. Hier ist es immer auch ein Glücksfall, wenn das, was ich innerlich als Ruf spüre, möglichst „ganz" in einen Beruf umgesetzt werden kann. In der Regel wird es oft so sein, dass nur Teile von dem, was ich als Ruf in mir spüre, auch in einen Beruf umgesetzt werden kann. Oft muss ich Kompromisse eingehen, manches in Kauf nehmen, um wenigstens in etwa auch in meinem Beruf das, was ich als innere Stimme als meine Berufung vernehme, umsetzen zu können. Je mehr das gelingt, um so größer wird die Lebenszufriedenheit sein, die damit einhergeht.

Wenn wir von Berufung sprechen, ist es daher wichtig, darunter nicht nur eine bestimmte Berufung zu einem Beruf, sei es dem Priesterberuf oder zum Leben in einem Kloster zu verstehen, sondern immer wieder den größeren Zusammenhang von Berufung zu sehen. Dann aber kann Berufung zunächst auch heißen, den für uns adäquaten Weg und Pfad zu entdecken, der uns zur Heiligkeit führt. Welches ist mein Pfad, der zum Himmel führt? In welcher Art von Leben heilige ich mich selbst? Welche Art von Arbeit gilt es dabei für mich zu verrichten? In der Wahl meines Berufes, in der Wahl meines Lebensstils, in der Wahl dessen, was ich tue, soll mein tiefstes Ich zum Ausdruck gebracht werden. Vor diesem Hintergrund ist auch die Aussage des Mystikers Thomas Merton zu verstehen, der sagt: „Für mich bedeutet heilig sein: ich selbst sein. Dafür ist das Problem der Heiligkeit und des Heils tatsächlich die Aufgabe, sein wahres Ich zu entdecken"

Finde ich Gott, so finde ich mich

Bis zu meiner „Berufung" mag ich ohne Reibungen vom Lebensstrom getragen worden sein. Ich mag nicht intensiver zum Beispiel über den Sinn des Lebens nachgedacht haben. Es ist mir dann ergangen wie in einem geschlossenen Eisenbahnwagen, in dem ich erst dann, wenn er anhält oder plötzlich anfährt, merke, dass er sich überhaupt bewegt. Erst wenn die Reibungen in Form einer Krise in meinem Lebensstrom auftreten, mein Lebensstrom nicht mehr so einfach reibungslos fließt, werde ich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich werde dann noch einmal auf eine bisher nie erfahrene Weise mit mir selbst konfrontiert, um zum Eigentlichen in mir vorzustoßen und dieses Eigentliche in mir noch mehr in meinem Leben umzusetzen.

Das aber setzt voraus, dass ich Krisen in meinem Leben als eine Chance sehe, die mir helfen wollen, mit dem Wesentlichen in mir mehr in Kontakt zu kommen. Das erfordert, dass ich bereit bin, in meine Tiefe zu schauen, zum Grund zu gehen, mein Selbst zu erfahren. Das erfordert, offen zu sein für meine Träume und die Botschaften, die mir über meine Träume aus dem Unbewussten vermittelt werden. Es setzt weiter voraus, dass ich daran glaube, dass über mein bewusstes Ich, ja über mein eigenes Gefühl hinaus, es Kräfte in mir gibt, die mich, wenn ich sie lasse, mich immer mehr zu dem führen, was mein Eigentliches ist, was meine Berufung ausmacht. Das gilt vor allem dann, wenn ich die Erfahrung mache, dass mein eigenes Nachdenken und Respektieren, mein eigenes bewusstes Ich mich nicht weiterbringt. Es ist oft die Situation, in der es wichtig ist, dass ich, wie es C.G. Jung einmal formulierte, „anstelle des untauglichen Ich und seines ohnmächtigen Wollens und Strebens", der Seele die Führung überlasse. Der religiöse Mensch würde sagen, Gott die Führung überlasse.

In einer solchen Situation bedarf es des Innehaltens, der Innenschau und der sorgfältigen, eher zurückhaltenden Begleitung durch andere. Jedes manipulative Vorgehen ist hier unverantwortlich. Es bedarf der Ehrfurcht vor dem jeweiligen Geheimnis des einzelnen, dem es gilt zur Entfaltung zu verhelfen. Dabei darf ich nie vergessen, dass uns immer wieder auch Grenzen gesetzt sind, bei allem Bemühen, diesem Geheimnis zur vollen Blüte zu verhelfen.

Dem Geheimnis des mir zugedachten Weges, dessen, was mich letztlich ausmacht, komme ich auf die Spur, wenn ich mich meinem Selbst überlassend damit zugleich Gott überlasse. Im Vertrauen darauf, dass er in dem mir Zugedachten zugleich sich selbst zum Ausdruck bringt, ich im Entdecken meiner selbst und meines Selbst Gott entdecke. Thomas Merton meint dazu: „Finde ich ihn, so finde ich mich selbst, und finde ich mein wahres Ich, so werde ich ihn finden... Der Eine und Einzige, der mich lehren kann, Gott zu finden, ist Gott selber, er allein."