Vinzenz Pallotti

Das Apostolat sind alle

Als erster hatte Vinzenz Pallotti im 19. Jahrhundert eine Vision von der Berufung aller zum Apostolat

 

Ehrenamtliche Dienste hat es in der Kirche schon immer gegeben, vor allem im sozialen Bereich, aber in der Seelsorge? Seelsorge war bisher Aufgabe des Pfarrers bzw. der Frauen und Männer im pastoralen Dienst, früher auch der Ordensschwestern in der Gemeinde. Aber seit die Seelsorgeeinheiten infolge des Priestermangels immer größer werden, rücken die Hauptamtlichen aus dem Nahbereich der Menschen weg. Vieles lässt sich organisieren und manchmal „funktioniert" es so gut, dass man gar nicht merkt, dass etwas Wesentliches fehlt, nämlich die Seelsorge. Wer hat Zeit und das nötige Einfühlungsvermögen für Menschen in Grenzsituationen, wer kann als gläubiger Mensch Trost und Halt schenken? Wer hat den Mut zu diesem so wichtigen Dienst unserer Kirche?

Im Dekanatsverband Biberach, Diözese Rottenburg-Stuttgart, wird es als eine Hauptaufgabe betrachtet, das Ehrenamt zu fördern. Der Geschäftsführer des Dekanatsverbandes und Dekanatsreferent Berthold Seeger nennt stolze Zahlen: Von den über 160 Tausend Katholiken in den fünf Dekanaten sind
9 000 ehrenamtlich engagiert, das sind fast ein Viertel aller Gottesdienstbesucher. Darunter sind Frauen und Männer, die ausgesprochen seelsorgliche Aufgaben wahrnehmen. Mit dreien von ihnen sprach der WEGBEREITER:

Christa Traub: Notfallseelsorgerin. Die Notfallseelsorge, die seit einigen Jahren mehr und mehr von den Kirchen in gemeinsamer Verantwortung aufgebaut und getragen wird, arbeitet eng mit den Rettungsdiensten und der Polizei zusammen. Ihre Aufgabe ist es, Angehörigen eine Todesnachricht zu überbringen oder auch unmittelbar am Unfallort oder auch wenn jemand zu Hause verstorben ist, den Hinterbliebenen seelischen Beistand zu leisten. Christa Traub (47) ist verwitwet, hat zwei Kinder und ist neben ihrem Haushalt viel ehrenamtlich tätig.

Inge Humm ist in der Hospizarbeit tätig, die von der Caritas getragen wird. Im Dekanatsverband Biberach gibt es kein eigenes Hospiz, Sterbende werden vielmehr im Krankenhaus, im Pflegeheim oder auch zu Hause begleitet. Zu dieser Aufgabe gehört es immer auch, Angehörigen beizustehen und sie zu entlasten. Inge Humm (55) ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern, sie arbeitet als Sekretärin im eigenen Handwerksbetrieb.

Hans Martin gehört zu einer Gruppe von 29 Frauen und 7 Männern der Krankenhausseelsorge am Klinikum in Biberach, die in einer kleineren Gruppe jeden Samstag nach der Sonntag-Vorabendmesse vom Krankenhausseelsorger ausgesandt werden, um den Patienten/-innen auf den Stationen, die das wünschen, die hl. Kommunion zu bringen. Das sind immer 90 – 100 Personen, 40 % der katholischen Patient/inn/en. Hans Martin (56) ist verheiratet, Vater einer Tochter und arbeitet als Softwareentwickler bei der Telekom.

 

Christa Traub

Notfallseelsorge

Ihren ersten Einsatz hat sie noch gut in Erinnerung. Da sei sie in eine Familie gerufen worden, in der der Vater unerwartet verstorben war. Der Rettungswagen sei noch dagestanden, der aber den Verstorbenen nicht mehr mitnehmen durfte. Die Frau des Verstorbenen, eine behinderte Tochter und die Nachbarin seien völlig aufgelöst gewesen und hätten sich nicht mehr zu helfen gewusst. „Es waren sehr religiöse Leute und so habe ich angefangen, mit ihnen den Rosenkranz zu beten, ich habe dafür gesorgt, dass der Arzt kam und den Totenschein ausstellte und dass das Beerdigungsinstitut den Toten abholte. Das war nachts um zwei Uhr. Dann kamen auch bald die beiden anderen Töchter. Das war dann der Zeitpunkt, zu dem man mich nicht mehr brauchte und so bin ich gegangen". Und Frau Traub ergänzt: „Ich bin raus aus dem Haus und war selber mit mir zufrieden und glücklich und dachte: So, diesen Leuten hast du jetzt helfen können. Sie waren äußerst dankbar und ich habe gemerkt: Da war ich jetzt richtig am Platz."

Aufmerksam wurde sie für diesen Dienst, als der Pfarrer eines Tages im Kirchengemeinderat für die Notfallseelsorge geworben hatte. „Da habe ich spontan zugesagt. Denn ich bin ja selbst betroffen. Vor sieben Jahren verlor ich meinen Mann. Da habe ich Gott sei Dank meine Schwester und meine Eltern hinter mir gehabt, aber von daher kann ich mir vorstellen und mich einfühlen, was das heißt, wenn jemand in einer solchen Situation allein ist", so schildert Christa Traub ihre erste Motivation für diesen Dienst, aber da gibt es noch eine andere Seite: „Seit ich unser Transportunternehmen aufgegeben habe, bin ich frei. Und ich kann heute sagen, ich habe wieder Freude am Leben und es geht mir gut, und das ist schließlich nicht selbstverständlich. Davon möchte ich anderen Betroffenen etwas weitergeben. Ich möchte den Leuten auch sagen, viele kennen mich ja: Ich habe selber mein Schicksal hinter mir - es geht auch wieder weiter."

Frau Traub ist überzeugt, dass für diesen Dienst die Ausbildung und der gute Wille allein nicht ausreichen, sie sagt ganz einfach: „Von oben kommt die Kraft und das Licht." Und weiter: „Ich kann den Menschen sagen: Es ist recht, was das Leben alles bietet, aber im Letzten haben wir das Leben nicht in der Hand. Es gibt noch etwas Wichtigeres, es gibt Gott". Ein Pfarrer habe ihr einmal gesagt: Gott ist der Anwalt der Witwen und der Vater der Kinder. Das habe sie selber erfahren, das wolle sie auch weitergeben. Wichtig sei für sie ein monatliches Treffen mit drei weiteren Frauen von der `Aktion 365´. „Sie sind Lektorinnen und Kommunionhelferinnen wie ich, wir tauschen uns miteinander über die Bibel und das Leben aus", so schildert sie eine wichtige Stütze für ihren Glauben.

Herzlich freut sie sich über folgende Geschichte. Im Gemeindeblatt der bürgerlichen Gemeinde sei einmal ihr Dienst der Notfallseelsorge vorgestellt und dann auch im Jahresrückblick erwähnt worden. „Da haben meine schon erwachsenen Kinder gelacht: Jetzt hat es Mama geschafft, dass sie ins Gemeindeblatt kommt und sogar im Jahresrückblick erwähnt wird". Und sie fügt hinzu: „Es ist doch gut, wenn man sieht: es gibt uns noch, es gibt noch Leute, die einen solchen Dienst ehrenamtlich tun."

 

Hans Martin

Kommuniondienst

Als Kommunionhelfer hat Martin schon viele Jahre Erfahrung, in regelmäßigem Turnus versieht er am Sonntag in seiner Gemeinde diesen Dienst. Da wurde er eines Tages von einer Kommunionhelferin, die diesen Dienst im Krankenhaus versieht, angesprochen. Er sei nicht einer, der überall gleich zusage, aber da habe er sich überlegt: „Ich bin selbst gesund, aber ich weiß nicht, wie lange noch. Meine Gesundheit sehe ich als ein Geschenk an. So möchte ich in meinem Dienst ein Stück dieses Geschenkes für die Kranken einsetzen." Mit dem nächsten Gedanken ist er schon bei den Kranken: „Sie glauben nicht, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir kommen. Dass ich nicht Priester bin, das ist für die Menschen kein Thema, im Gegenteil, sie bringen uns Respekt entgegen, dass auch Laien diesen Dienst ausüben. In ihrer oft verzweifelten Situation warten die Patienten; wenn ich da die Eucharistie überbringe, spüre ich: da ist Gott im Spiel, da verrichte ich einen Dienst Gottes, wenn ich mich so ausdrücken darf".

Manchmal sei ein Patient schon so geschwächt, dass er fast nicht mehr schlucken könne, dann reiche er ihm nur einen ganz kleinen Partikel der Hostie. Aber auch dann sei es spürbar, wie es ihr doch gut tue, wie er es doch als Halt empfinde. Eine große Wirkung habe auch das Versprechen des Gebetes, etwa wenn jemandem dann am Anfang der Woche eine Operation bevorstehe. „Am Montagmorgen, bevor ich dann aus dem Haus gehe, denke ich an den Menschen, dem ich das Gebet versprochen habe, und bete: Gott sei diesem Menschen nahe, der jetzt schon wach ist und Angst hat", so erzählt Hans Martin von seinem seelsorglichen Dienst. Gerne erinnere er sich an ein Ereignis, das schon einige Jahre zurück liege. Er habe einem Patienten die hl. Kommunion gereicht und dazu auch dessen Frau und Tochter eingeladen. Am Montag sei der Mann verstorben. Bis heute bringe ihm die Frau ihren Dank zum Ausdruck, wenn sie ihm begegne: „Wir werden diesen Augenblick nie vergessen."

Manchmal erfahre er freilich auch Ohnmacht, aber im Gespräch gelinge es doch oft, einen Menschen aufzufangen. Als belastend empfinde er, dass er oft nicht viel Zeit für die Patienten habe, aber er setze alles daran, den Patienten nicht das Gefühl zu geben, er habe keine Zeit für sie. In der Regel gelinge es dann doch, das Gespräch sinnvoll abzurunden.

Insgesamt aber sei der Dienst für ihn vor allem eine Entlastung: „Wenn ich den Kranken begegne, werden meine eigenen Probleme der vergangenen Woche relativiert, ganz klein", so konkret erfährt er seine Aufgabe.

Um von seinem Glauben zu erzählen, zitiert er die Aufschrift auf einem Bildchen, das er einmal als Schüler bei einem Besinnungstag bekommen habe: „Gott ist die Liebe. Alles ist Gnade, fürcht dich nicht!" „Damals habe ich das nicht besonders wahrgenommen, heute ist es für mich ein wichtiges Wort geworden", so gibt Herr Martin einen Einblick in das, was ihm im Glauben wichtig geworden ist. Am Ehrenamt schätzt er, dass hier keine Leistungen verglichen werden: „Jeder gibt sein Bestes, da ist kein Leistungsdruck, es kommt von innen, wir sind überzeugt von dem, was wir tun".

 

Inge Humm

Sterbebegleitung

Der Weg zu diesem Dienst begann auch für Inge Humm mit einer wichtigen persönlichen Erfahrung. Als ihr Vater verstorben sei, da sei niemand da gewesen. „Da war ich ziemlich frustriert und wusste für mich: so wird es nicht mehr sein. Das war einer von den Sätzen, die einen begleiten, bis man den Punkt gelöst hat", so schildert sie ihre Erfahrung. Später seien innerhalb von zwei Jahren drei Frauen aus der Verwandtschaft in hohem Alter pflegebedürftig geworden und sie habe sie mit anderen zusammen bis zum Sterben begleitet. Da sei auch viel zurückgekommen: „Es ist schön, dass du da bist, du tust mir gut." Da habe sie ihre Spur gefunden: „Damals wusste ich noch nichts weiter von Sterbebegleitung, es war einfach meine Liebe zu diesen Frauen, aber ich spürte: wenn ich mich einbringe mit dem, was mir zur Verfügung steht, so dass es stimmig ist, dann gibt es einen guten Abschluss. Dieses Gefühl hat dann der Trauer eine ganz andere Farbe gegeben, ich konnte leichter loslassen." Da habe sie gemerkt: „Das ist es für mich."

Sie wisse ja sehr viel durch die Schulungen, aber wenn sie dann gerufen werde, mache sie sich zuerst einmal von all dem frei, um einfach die Situation auf sich wirken zu lassen: „Dann versuche ich, mich einzuspüren und zu erkennen, was jetzt zu sagen ist, oder ob jemand zuerst mal in den Arm genommen werden muss oder wo ich zunächst auch mir selber eingestehe: ich bin jetzt einfach total nervös und bin im Moment auch ein Stück weit hilflos." Da erzählt sie von ihrer Erfahrung mit einem 33jährigen Mann, der an Krebs erkrankt war: „In mir war eine große Anspannung. Wir waren vier Erwachsene, die da saßen. Ich habe den jungen Mann dann ermutigt, zu erzählen, wie alles kam und wie sein Leben bisher war. Am Ende waren es drei Stunden, die wir miteinander geredet hatten. Da hatte ich das Gefühl, dass das doch manches löste, so dass ich für dieses Mal gehen konnte." Einmal habe sich eine Frau beklagt über das Pflegepersonal, über ihre Kinder, über Gott, habe mit Selbstmord gedroht, sei verbittert und enttäuscht gewesen. „Da brauchte es dann mehrere Stunden, bis ich sie ein bisschen beruhigen konnte, bis sie ein Zutrauen bekam, bis sie ihre Situation wieder ein bisschen milder sehen konnte", berichtet Frau Humm.

Auf die Frage, was ihr selber als religiöse Frau wichtig sei, antwortet sie: „Ich will achtsam umgehen mit Menschen, Natur und Tieren. Auch im Umgang mit Kunden möchte ich fair bleiben. Wichtig sind mir die heilige Messe, der Rosenkranz und die Meditation. Den Rosenkranz bete ich, wenn ich in der Regel am Abend meine Runde mache."

Gerne berichtet Frau Humm vom Treffen der Hospizgruppe im Advent und zum Sommerfest. „Die erste Belohnung aber ist die eigene Zufriedenheit", und sie ergänzt eine wiederholte Erfahrung: „Die Angehörigen können es oft gar nicht fassen, dass dieser Dienst kostenlos ist. Für mich aber ist das gerade das Schöne, dass ich da bin, dass ich einfach meine Zeit, mein Wissen, mein Einfühlen zur Verfügung stelle und das nicht irgendwie aufrechne. Beruflich geht es ja immer ums Geld, hier aber spielt Geld keine Rolle, hier bin ich nur als Person gefragt. Das ist noch mal ein ganz anderes Leben, da kommt noch mal eine ganz andere Kraft in einem hoch."