Christliche Spiritualität
Von Prof. Dr. Hans-Joachim Sander, Salzburg
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Wir erkennen schmerzlich unsere Grenzen Wie werden Menschen spirituelle Menschen? Sind wir es von Natur aus oder werden wir von einer göttlichen Macht dazu berufen? Beides ist der Fall, aber in einer jeweils befremdlichen Form. Menschen werden zu spirituellen Menschen, ja wir müssen es um unserer selbst willen geradezu sein, weil wir von Natur aus mit einem Lebensproblem konfrontiert sind: der Differenz, die es zwischen den anderen Menschen sowie den unendlichen Weiten des Alls und dem eigenen Leben gibt. Wie kann ich überhaupt etwas werden, wenn die anderen schon da sind, und wie kann ich überhaupt jemand sein, wenn das Universum so riesenhaft ist? Von Gott her werden Menschen spirituell, weil wir sprachlos vor ihm stehen. Wie und was er ist, können wir nicht sagen, weil unsere Sprache vor der Macht versagt, die mit Gott auf uns zukommt; schließlich hat er das Universum geschaffen, dessen Unbegrenztheit wir nur in Ansätzen theoretisch begreifen können. Menschen werden spirituell, wenn sie weder jener Differenz noch dieser Sprachlosigkeit ausweichen, wenn sie also nicht verschweigen, vor Gott sprachlos zu stehen, mit den anderen nicht gleich ziehen zu können und ein Windhauch in den Weiten des Alls zu verkörpern. In die Gottesgewalt fliehen? ‚Spirituell werden’ ist jedoch leichter gesagt als getan; darin warten sogar Gefahren. In der Sprachlosigkeit, der Nicht-Identität und der Nichtigkeit steckt ja eine Not. Man würde am liebsten verschweigen, vor Gott ohnmächtig zu sein, und gegenüber den anderen wie der Welt klein und unbedeutend da zu stehen. Ein nahe liegender Ausweg besteht darin, mit Gott lauthals gegenüber den anderen und der Welt insgesamt aufzutreten. Man greift einfach auf die Macht zu, die in Gottes Namen steckt; wer von einem solchen Geist beseelt wird, macht sich gegen die anderen groß und zum Mittelpunkt des Alls. Auf diesem spirituellen Weg lauert die Gewalt; mit ihr lässt sich Not ausgezeichnet auf andere übertragen. Man glaubt sich souverän genug für ihren Gebrauch und beglaubigt damit nur sich selbst, über allem erhaben zu sein. Wer jedoch der eigenen Not mit einem souveränen Triumph über die Not der anderen ausweicht, wird mitten in der Rede von Gott Gott los. Seine Macht entzieht sich, weil diese Macht schöpferisch und nicht zerstörerisch ist.
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Nicht verschweigen: Sprachlosigkeit und Ohnmacht! Aber es gibt eine Alternative zu einer Spiritualität, die vor gewaltsamer Macht trieft und dröhnend triumphiert. Statt der Not auszuweichen, indem man sie den anderen auflädt, kann man in ihr den Segen Gottes suchen. Das ist der Weg der christlichen Spiritualität. Er ist steiniger, weil er dem Kreuz mit dem eigenen Leben und seinen Differenzen nicht ausweicht. Er setzt in der Sprachlosigkeit vor Gott, den anderen und der Welt an. Wer dem nicht mehr ausweicht, wird leise, weil sie oder er erfährt, dass auch das lauteste Geschrei das Versagen der Worte vor Gott, der Welt und den anderen nicht nachhaltig übertönen kann. Leise zu sein bedeutet aber nicht, stumm zu werden. Es bedeutet vielmehr, verschwiegen nach den richtigen Worten zu suchen, mit denen die eigene Ohnmacht sich vor Gott bemerkbar machen will. „In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort" – so hat Ingeborg Bachmann diesen Vorgang beschrieben. Die Sprache der christlichen Gebete lebt in solchen Mulden auf. Die christliche Spiritualität baut auf den leisen Mut, also die Demut, sich zur eigenen Ohnmacht vor den anderen zu bekennen. In diesem Bekenntnis geschieht etwas Bedeutsames – die Not wird kleiner, weil sie mit anderen geteilt wird. Sie werden nicht mit dieser Not beladen, sondern vielmehr eingeladen, selbst auch ihrer eigenen Not nicht auszuweichen. Bei dieser Mit-Teilung kommt Gott leise ins Wort. Wer nicht mehr verschweigt, selbst ohnmächtig zu sein, wird fähig, mit dieser Ohnmacht zu leben. Das ist eine schöpferische Erfahrung und sie zeigt sich schon in den Worten, die man ja finden muss, um das Verschweigen der Not zu brechen. Diese Worte sind ein Ausdruck einer ohnmächtigen und gewaltfreien Spiritualität. Mit ihnen rückt man sich nicht ins Zentrum der Welt, sondern kann die unendliche Größe des Weltalls preisend bestaunen und sich an dem freuen, was die Stärke der anderen Menschen ist. Lebensworte brechen auf Die Menschen, mit denen die Mulden der eigenen Sprachlosigkeit geteilt werden, sind keine Gefahr gegen mich selbst. Sie werden vielmehr zu Adressaten der Worte, die hier zu finden sind. Aus Konkurrenten werden interessante Zeitgenossen. Eine christliche Spiritualität erschöpft sich deshalb nicht mit der eigenen Not, sondern wird aufmerksam auf die Nöte, die Menschen hier und heute haben, damit ihre Würde anerkannt wird. Das sind die Zeichen der Zeit und jede Zeit ist leider voll davon. Eine christliche Spiritualität findet zu den Worten, die das Verschweigen ihrer eigenen Not aufbricht, nicht zuletzt durch die Aufmerksamkeit auf diese Zeichen. In der Ohnmacht dieser Zeichen lernt sie selbst, das Evangelium neu zu buchstabieren. Solche Buchstaben sind der Rohstoff für die spirituellen Worte des christlichen Glaubens. Sie sind Lebensworte und gerade deshalb Glaubensworte. Sie legen Zeugnis ab, woran die Macht Gottes mitten im Leben und mitten in den Weiten des Alls zu erfahren ist: dass die sprachlose Ohnmacht die knechtende Wucht verliert. Spirituelle Menschen leben solche Worte. Sie tragen Worte der Lebensmacht in die Not mit dem Leben. Das Buch zum Thema: Hans-Joachim Sander nicht verschweigen Die zerbrechliche Präsenz Gottes 140 Seiten, Echter Verlag, Würzburg 2003, ISBN 3-429-02308-4, € 12,80 |
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