Ehrenamtlich: Geistliche Leiter/-innen in Jugendverbänden
Für Jugendliche greifbar werden
 
Junge Erwachsene setzen ihre geistliche Begabung ein

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Rottenburg-Stuttgart bildet seit vier Jahren Interessierte fast aller Alterstufen zu ehrenamtlichen Geistlichen Leiter/inne/n aus. Ihren Dienst können sie ausüben, wenn sie nach ihrer Ausbildung in den örtlichen Vorstand eines BDKJ-Verbandes gewählt und von der Kirche offiziell beauftragt werden. Eine theologische Vorbildung ist nicht nötig. Bianca Fischer und Volker Gaal berichten von ihren Erfahrungen.

Bianca Fischer (30), 71067 Sindelfingen

Leiterin einer städtischen zweigruppigen Kindertagesstätte. Ehrenamtliche Geistliche Leiterin der Ministrant/inn/en ihrer Heimatgemeinde St. Paulus, Sindelfingen

Mein Weg

Zusammen mit anderen Leitern und Leiterinnen der KJG erlebte ich in dieser Gruppierung das Gemeinschaftsgefühl bei Ausflügen, das Planen und Durchführen von Freizeiten usw. und merkte irgendwann, dass mir dies nicht „genug" war. Nicht genug Möglichkeiten, meinen Wissensdurst im religiösen Bereich zu stillen und anderen weitergeben zu können. Als sich dann ein großer Wechsel in der Leiterrunde anbahnte, stand für mich fest: Du musst für Dich einen neuen Platz suchen. Einen Platz, wo die „Frage nach Gott" stärker dazugehört.

Nach und nach brachte ich meine Ideen und Fähigkeiten bei den MinistrantInnen ein, zu denen ich schon seit meinen KJG-Zeiten gehörte. Der respektvolle, menschliche Umgang miteinander, das Akzeptieren jedes Einzelnen als Gottes Ebenbild, das Hinterfragen von religiösen Ritualen, Nachdenken und Diskutieren über Gott und die Welt wurde ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Ich glaubte meinen Platz gefunden zu haben. Dann fiel mir im „Querschnitt", dem Info-Heft des BDKJ-Rottenburg-Stuttgart, eine Kursausschreibung ins Auge: „Ausbildungskurs Geistliche Leitung". Nach kurzem Überfliegen des Textes war mir klar: Das ist das, was Du schon längst tust. Nach Beendigung des Kurses wurde ich als ehrenamtliche Geistliche Leiterin der Ministrant/inn/en St. Paulus beauftragt.

Jugendliche sind Suchende

Alle Kinder und Jugendliche, die ich ein Stück auf ihrem Glaubens- und Lebensweg bei den Minis oder als Firmleiterin begleiten durfte, sind mir als Suchende begegnet. Die Jugendlichen sehen sich parallel zu den verändernden Familienverhältnissen aufgrund von Globalisierung und Zeitmangel der Eltern auch mit Terroranschlägen, mangelnden Lehrstellen und Umweltverschmutzung konfrontiert. Die Suche nach ihrer eigenen Spiritualität und die Suche nach Gott rückt angesichts dieser Dinge immer mehr in den Mittelpunkt. Mir begegneten diese Jugendlichen meistens offen für Neues, sensibel für die Ängste und Konflikte anderer, nachdenklich - aber auch kritisch gegenüber Meinungsäußerungen und herausfordernd den Erwachsenen gegenüber.

Jugendliche von heute brauchen Erwachsene, die sie akzeptieren, wie sie sind. Mit all ihren Eigenheiten, Fehlern, Schwächen aber auch Stärken, Begabungen, Sehnsüchten und Wünschen möchten sich Jugendliche wertgeschätzt und ernst genommen fühlen. Kurz gesagt brauchen sie Erwachsene an ihrer Seite, die nach dem christlichen Menschenbild agieren. Für mich bedeutet dies, dass ich menschlich und „echt" sein muss. Jugendliche merken sehr schnell, wenn man etwas an sie „verkaufen" möchte, selbst aber nicht dahinter steht. Aus diesem Grund ist es für mich wichtig, dass ich immer ich selbst und bereit bin, ehrlich über mein Leben als Christin in der heutigen Zeit zu sprechen. Jugendliche möchten nicht nur etwas über meinen Glauben, über positive Begebenheiten hören. Vielmehr interessieren sie Momente meines Zweifels, meine Suche nach Gott, Schwierigkeiten im Umgang mit meinem Glauben. Dadurch bin ich für die Jugendlichen greifbar und erlebbar.

Gott im Alltag präsent halten

Besondere Aktionen wie Vigilfeiern oder Gottesdienste in der Natur bleiben den Jugendlichen oft bis ins Erwachsenenalter im Gedächtnis. Solche Höhepunkte sind wichtig und wertvoll, lassen Kirche lebendig und erlebbar werden. Meine Arbeit als ehrenamtliche Geistliche Leiterin geht jedoch darüber hinaus. Gott im Alltag präsent halten, christliches Leben und Handeln nicht nur am Sonntag, sondern unter der Woche sowie Wertschätzung jedes Menschen sind die Dinge, die ich weitergeben, anregen und erörtern möchte.

Bei meiner Tätigkeit als Geistliche Leiterin gibt es aber nicht nur Rosen, sondern auch Steine. Oftmals müssen viele organisatorische Dinge besprochen werden und für die religiösen Elemente bleibt dann wenig Zeit oder es entstehen auch Reibereien und Konflikte zwischen Menschen. Die Sensibilität bei der Lösung dieser Angelegenheiten, das Zurücknehmen der eigenen Person sind dabei große Punkte, die immer wieder neu überdacht und angegangen werden müssen. Ein weiteres Element ist für mich auch immer die Frage von Selbstmotivation und Durchhaltevermögen. Jugendliche brauchen, vor allem in der heutigen, schnelllebigen Welt, Beständigkeit und Verlässlichkeit. Es ist für mich nicht immer einfach, mich selbst für neue Ideen und Themen zu motivieren und Durchhaltevermögen zu zeigen, ohne dabei die eigenen Ressourcen zu überschreiten. Diese Balance zu halten ist für mich eine ständige Herausforderung.

Warum ich das mache

Zum einen tue ich dies für mich: Ich darf dort Mensch sein, werde angenommen und akzeptiert, so wie ich bin. Außerdem kann ich dort meine Fähigkeiten und Ideen einbringen. Gleichzeitig bekomme ich viel von Jugendlichen: Sie hinterfragen mich, bringen mich zum Nachdenken, wollen alles genau wissen. Ich werde so gezwungen mich mit meinem eigenen Glauben und meinem Gottesbild immer wieder neu auseinander zu setzen. Das „Wir-haben-es-geschafft-Gefühl" nach einer erfolgreichen Aktion und die damit verbundene Gemeinschaft kann mit nichts auf der Welt bezahlt werden.

Und die eindrücklichste Antwort auf die Frage nach dem „Warum" kann ich nur in Form einer kleinen Geschichte beantworten: Vor ungefähr drei Wochen traf ich beim Einkauf einen jungen Mann, der mir irgendwie sehr bekannt vorkam. Dieser junge Mann, in Begleitung seiner Freundin, kam sehr gezielt auf mich zu und sprach mich mit meinem Namen an. Im Gespräch stellte sich heraus, dass dieser junge Mann vor 13 Jahren bei mir in den Firmunterricht gegangen ist. Auch heute noch, so erzählt er mir ganz offen und ohne eine Spur von Verlegenheit, denke er oft an diese Zeit zurück. Vor allem meine Art, über meine eigenen Glaubenszweifel zu sprechen und die Offenheit, die ich ihm als Firmbewerber entgegenbrachte, habe er bis heute im Gedächtnis behalten. Er gehe zwar nur unregelmäßig in die Kirche, aber Gott habe einen festen Platz in seinem Leben.

Ich muss ehrlich sagen, dies zu hören und erleben zu dürfen, dass ich es war, die ein Samenkorn des Glaubens in einen jungen Menschen legen durfte, ist alle Mühe und Kopfzerbrechen wert.

Volker Gaal (35), 75417 Mühlacker

Von Beruf Chemisch-technischer Assistent (CTA), seit 2003 als Mesner und Hausmeister an der Kirche Herz-Jesu in Mühlacker tätig. Seit 1980 Pfadfinder im Stamm der Gemeinde Herz-Jesu, seit 2002 hier Kurat (Geistlicher Leiter).

Persönliche Entscheidung

Nach einem Schlüsselerlebnis in meiner Jugend habe ich mich bewusst zum christlichen Glauben entschieden. Daraufhin vermehrte ich mein Engagement in der Kirchengemeinde, wurde Lektor, Kommunionhelfer und Wortgottesdienstleiter, ließ mich in den Kirchengemeinderat wählen. Dadurch und durch meinen Hauskreis erfuhr ich eine Vertiefung im Glauben und es erwuchs für mich persönlich die Verpflichtung, nicht nur zu glauben, sondern aus diesem Glauben heraus etwas zu tun, z.B. im Ehrenamt.

Schon früh habe ich Erfahrungen gemacht mit dem zwanglosen Vermitteln christlicher Inhalte an kleine Kinder. Aber auch als Pfadfinderleiter war ich überrascht, nachdem ich es einmal „gewagt" hatte, etwas Geistliches in der Gruppenstunde zu machen, wie viel Interesse und wie viele Rückfragen an das Christentum und an die Kirche seitens der Jugendlichen da waren.

Nach einigen Jahren Pause in der Pfadfinderarbeit wurde ich vom Stammesvorstand angefragt, ob ich nicht das Amt des Stammeskuraten übernehmen möchte. Ich nutzte diese Gelegenheit, um wieder in den Stamm zurückzukommen und besuchte den Vorbereitungskurs für Geistliche Leitung im Jugendverband. Die Inhalte, die Teilnehmer und die Leiter dieses Kurses haben meinen Glauben und meine Frömmigkeit verändert und weiterentwickelt, gar erwachsener gemacht. Ich wurde aber auch darin bestärkt, dass ich am besten als „ehrenamtlicher Seelsorger" tätig sein kann. Denn in der Vergangenheit habe ich mir ernsthaft die Frage gestellt, ob ich nicht Diakon werden möchte.

Als frischgebackener Kurat war ich auf einem Pfingstlager mit unserem ganzen Stamm. Dort kam es mir zu, morgens und abends kleine Impulse zu geben. Am Pfingstmontag feierten wir einen Lagergottesdienst. Dabei fiel mir auf, wie unsicher Kinder im Umgang mit Glauben und Gottesdienst sind. Ich bekam jedoch von Jungleitern die Rückmeldung, dass sie in diesem Gottesdienst seit langer Zeit wieder gebetet hätten.

Chancen für den Glauben

Daraus ergibt sich für mich die Aufgabe, die einzelnen Gruppen zu besuchen und langsam immer mehr Geistliches mit ihnen in den Gruppenstunden anzusprechen und zu machen. Ich möchte die längst vergessene Tradition von einem Jugendgottesdienst der Pfadfinder wieder aufleben lassen. Ich versuche die Pfadfinder in das Gemeindeleben hineinzuziehen, z.B. durch Teilnahme an Fronleichnam und an der Friedenslichtaktion zu Weihnachten, mit den entsprechenden inhaltlichen Vorbereitungen für diese Aktionen.

Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen halte ich es für wichtig, dass man ihnen wahrhaftig und glaubwürdig gegenübertritt, sie aber nicht mit für Kirchenferne befremdlichen Formen und Traditionen belastet und sie damit abschreckt. Bei all meinem Tun als Kurat, aber auch als Mit-Pfadfinder, möchte ich erkennen lassen, dass ich eine persönliche und intensive Beziehung zu unserem Dreifaltigen Gott habe, und will es den Kindern schmackhaft machen, dass sie sich selber auf diesen Gott einlassen.