Seelsorge - was ist das?
Die Seele
berühren
Von Dr. Wunibald Müller,
Münsterschwarzach
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Heilende Seelsorge Worum es bei Seelsorge geht, verdeutlicht Rabbi Hirsch treffend, wenn er sagt: „Wenn ein Mensch zu mir kommt und mich angeht, um ein Bedürfnis in dieser Welt für ihn zu beten, der wegen einer Pachtung und der wegen eines Ladens, kommt in jenem Augenblick die Seele dieses Menschen zu mir wegen der Erlösung in der oberen Welt. Mir aber obliegt es, beiden zu antworten mit einer einzigen Antwort". Der Seelsorger will auf die Not, das, was im Moment anliegt, eingehen und zugleich wach sein für die Dimension, bei der es um unsere Beziehung zu Gott geht. Seine Sorge gilt dem ganzen Menschen, seiner äußeren Situation, seiner inneren Verfassung und dem Bereich, der sein Innerstes ausmacht, seiner Seele. Für diesen tiefsten Bereich im Menschen, seine Seele, ist er in besonderer Weise zuständig. Menschen helfen, mit ihrer Seele in Berührung zu kommen Dem Seelsorger und der Seelsorgerin wird es daher auch immer wieder darum gehen, Menschen in ihrem Innersten, in ihrer Seele anzusprechen. Obwohl sie wissen, dass, so Meister Eckhard, „alle menschliche Wissenschaft nicht ergründen kann, was Seele im Grunde ist", ist es für sie wichtig, in ihrer Seelsorge davon auszugehen, dass es in jedem Menschen eine Seele gibt, die um die einzelne Person mehr weiß als der jeweiligen Person über sich selbst bewusst ist und es sich bei ihr um eine Kraft handelt, die dem Einzelnen gut will und davon beseelt ist, dass er ganz, heil wird. So kann eine wichtige Aufgabe von Seelsorge zunächst darin bestehen, Menschen zu helfen, offen zu sein für ihre Seele, an ihre Existenz zu glauben, mit ihr in Berührung zu kommen und ihr zu vertrauen. Seelsorger, die Menschen helfen, mit ihrer Seele in Berührung zu kommen, helfen ihnen, mit ihrem Wurzelgrund in Berührung zu kommen, der für das Geheimnisvolle, die Erfahrung des Heiligen, des ganz Anderen steht. Seel-Sorge versteht sich hier als Seelen-Arbeit. Sie kümmert sich um die Tiefenschicht des Menschen, trägt dazu bei, dass die Menschen einen Zugang zu ihrer Tiefe, zu ihrer Seele finden. Diese Seelen-Arbeit schafft oft erst die Voraussetzungen, dass Menschen empfänglich werden für den Glauben. Viele Menschen haben keinen Zugang zum Glauben, weil sie kein Gespür mehr für die ewigen Sinnbilder haben, in denen das Geheimnis des Glaubens zum Ausdruck kommt. Seel-Sorge als Seelen-Arbeit kann hier heißen, den Acker der Seele aufzupflügen, damit das Wort Gottes dort eindringen kann. Wenn die Fühler meiner Seele deine Seele berühren Mit der Seele in Berührung kommen kann auch heißen, Erfahrungen zu machen, bei denen wir spüren, dass uns etwas tief berührt. Es sind Erfahrungen, die wir als dicht erleben, von denen etwas Heilendes ausgeht. Der Gesprächspsychotherapeut Carl Rogers schreibt: „Ich stelle fest, dass von allem, was ich tue, eine heilende Wirkung auszugehen scheint, wenn ich meinem inneren, intuitiven Selbst am nächsten bin... Ich kann nichts tun, um dieses Erlebnis zu forcieren, aber wenn ich mich entspanne und dem Transzendentalen in mir selbst nahe komme, dann... verhalte ich mich auf eine Weise, die ich rational nicht begründen kann... Es ist, als habe meine Seele Fühler ausgestreckt und die Seele des anderen berührt. Unsere Beziehung transzendiert sich selbst und wird ein Teil von etwas Größerem. Starke Wachstums- und Heilungskräfte und große Energien sind vorhanden." Gibt es eine schönere Beschreibung von Seelsorge? „Es ist, als habe meine Seele Fühler ausgestreckt und die Seele des anderen berührt." |
Gottes Menschenfreundlichkeit erfahrbar machen Wenn der Seelsorger und die Seelsorgerin ihre heilenden Möglichkeiten für ihre seelsorgliche Arbeit fruchtbar machen wollen, wird ihnen das vor allem gelingen, wenn sie sich auf eine echte Begegnung einlassen, sie fähig sind, person-bezogen kommunizieren zu können. Das meint, in der Lage zu sein, in eine unmittelbare Beziehung zu Menschen treten zu können, wach zu sein für das, was Gott und die Menschen sagen, was sie von ihm wollen. Seelsorger sollten sich immer wieder bewusst sein, dass sie das, was sie sagen, zu konkreten Menschen sagen. Auch sollten sie nicht nur amtlich und im Auftrag sprechen und handeln, sondern von ihrer Person, ihrer Überzeugung, ihrem Herzen her. In ihrem Wohlwollen, durch ihre Sorge und Liebe, die sie im Wahrnehmen ihres Dienstes zum Ausdruck bringen, geschieht bereits, worum es im Tiefsten der Seelsorge geht: Gottes Menschenfreundlichkeit erfahrbar zu machen. Als Seelsorger mit der eigenen Seele in Berührung sein Will der Seelsorger, will die Seelsorgerin sich um die Seele der Menschen kümmern, ist es wichtig, dass er und sie mit ihrer eigenen Seele in Berührung sind, sie spüren, wissen, was sie braucht, auf sie hören und sich von ihr führen lassen. Ein Seelsorger, der nicht mit seiner eigenen Seele in Berührung ist, wirkt wie ein Verwalter einer „spirituellen Tankstelle", nicht aber wie ein echter Seelenführer. Will er, dass Menschen zu einer Spiritualität finden, die sie wirklich zu tragen vermag, muss er selbst eine Spiritualität leben, die ihn zu tragen vermag. Dazu ist aber nötig, von ganzem Herzen, von der Mitte seines Seins her in eine innige Beziehung zu Gott treten zu können, um vom Herzen her als Seelsorger für die Menschen da sein zu können. Da Buch zum Thema Wunibald Müller Heilende Seelsorge 140 Seiten, Grünewald-Verlag, Mainz 2000, ISBN3-7867-2265-X. € 15,30 |
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