Rolf Seeger

Die Not ruft nach einer Kampagne

 

31 Jahre leitete Rolf Seeger die Diözesanstelle Berufe der Kirche Rottenburg-Stuttgart. Nach seiner Pensionierung Ende des Jahres 2003 sprach P. Werder SDS mit ihm und seiner Frau Helene.

PW: Den größten Teil Ihres Berufslebens haben Sie mit der Berufung junger Menschen zu tun gehabt. War für Sie selbst der Dienst in der Berufungspastoral eine Berufung und wie haben Sie dazu gefunden?

Rolf Seeger: Schon als kleiner Junge war ich schon gern mit anderen zusammen, bei den Ministranten habe ich zum ersten Mal Verantwortung für eine Gruppe übernommen. Meine Eltern hatten für mich die Übernahme der eigenen Bäckerei - und Konditorei in Kisslegg im Allgäu vorgesehen. Ich machte in beiden Berufen die Ausbildung und erwarb jeweils den Meistertitel. Aber in diesem Geschäft sah ich für mich keine echte berufliche Perspektive. Schon früh engagierte ich mich in der Jugendarbeit und später bei der Kolpingfamilie. Von da aus betrieb ich den Aufbau der Abendrealschule in Kisslegg. Viele junge Leute konnten ihre Mittlere Reife nachholen. Dieser Erfolg gab mir den Mut schließlich das elterliche Geschäft aufzugeben und das Angebot anzunehmen, in Stuttgart-Bad Cannstatt die Leitung des Kolpinghauses zu übernehmen. Nach gut 2 Jahren kam eine interessante Anfrage der Diözesanleitung: Ich sollte eine Diözesanstelle Berufe der Kirche aufbauen. Ich habe diese Herausforderung angenommen. Mit dieser Aufgabe habe ich tatsächlich meine Berufung finden können.

PW: 31 Jahre haben Sie diese Stelle geleitet, das ist eine lange Zeit. Welche Entwicklungen in der Berufungspastoral würden Sie da vor allem nennen?

Rolf Seeger: Zunächst denke ich an die kirchlichen Entwicklungen der 70er und 80er Jahre. Es herrschte Aufbruchstimmung. Junge Menschen zeigten Interesse an kirchlichen Berufen, besonders an den neuen Berufen des/der Gemeinde- und Pastoralreferenten/-in. In den 90er Jahren lässt das Interesse an den Berufen der Kirche nach. Das hat auch damit zu tun, dass innovative Leute in den Zulassungsbedingungen und Unsicherheiten immer mehr Einschränkungen sahen. Die kirchlichen Dienste sind inzwischen höheren Belastungen ausgesetzt. Seit dem Jahr 2000 kommt es zu einem neuen Einbruch bei den Zahlen der Neupriester und bei Eintritten in Ordensgemeinschaften, aber auch erstmals bei den Laienberufen. Kirche ist jetzt bei jungen Menschen kaum mehr ein Thema. Die kirchlichen Mitarbeiter/-innen sind oft verunsichert, überlastet, haben weniger Elan, trotz neuer Konzepte und Seelsorgeeinheiten. Für junge Menschen gibt es heute neue interessante Berufe. Ihre Bereitschaft sich langfristig zu binden, etwa an die Kirche oder eine bestimmte Lebensform schwindet. Die kirchliche Praxis nimmt ab und sie leben ihren Glauben individueller.

PW: Und in den Konzepten der Berufungspastoral?

Rolf Seeger: Als ich 1972 meinen Dienst in Rottenburg antrat, gab es das Päpstliche Werk für Geistliche Berufe (PWB) als Gebetsgemeinschaft. Hier ging es seit der Gründung 1926 mehr um die Qualität der Berufe, betont wurde das Gebet um gute Priester und Ordensleute. Von der Anzahl her waren es ja in früheren Jahren viele Berufe. Bischof Leiprecht vertrat das Konzept: Das PWB als eine Bewegung, der sich die Gläubigen frei anschließen können, ist wichtig, das Gebet vieler ist notwendig. Es ist jedoch eine eigene Aufgabe des Bischofs, in der Diözese Instrumente zu entwickeln, mit denen junge Menschen auf die Berufe der Kirche aufmerksam zu machen sind und um Berufe „werben". In diesem Sinne wurden in den 70er Jahren in allen Diözesen die „Diözesanstellen Berufe der Kirche" aufgebaut.

Im Laufe der Jahre entwickelte ich verschiedene Elemente der „Werbung". Vorrangig wurden das persönliche Beratungsangebot, Besinnungstage, Exerzitien und die Kooperation mit Klöstern. Die zweite Säule war die Gewinnung und die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren aus den Gemeinden und Schulen. Hierher gehört die Entwicklung von Unterrichtseinheiten für den Religionsunterricht. In den 90er Jahren richteten wir unser Augenmerk auch auf die Medien. So entstand ein Tonbild und ein Videofilm „Von Mensch zu Mensch" und schließlich der Einsatz des Internets gemäß den Anregungen des Papstes.

PW: Ich habe den Eindruck dass etwa seit Mitte der 90er Jahre das PWB und das Gebet um Berufungen wieder mehr betont wird. Das ist vielleicht auch eine Reaktion auf Ohnmacht und Ratlosigkeit, die sich m.E. da und dort in der Berufungspastoral zeigt.

Rolf Seeger: Als 1984 Pfarrer Josef Deppler die Leitung des PWB in der Diözese übernahm, war es der Impuls von Bischof Georg Moser, dass das Gebet um Berufe der Kirche nicht allein die Aufgabe einer Bewegung sein soll, sondern der ganzen Gemeinde. In den Klöstern und von vielen Pfarrern wurde das Gebet um und für Berufe der Kirche auch tatsächlich neu belebt, aber zum großen Durchbruch in den Gemeinden kam es nicht.

Das betrifft nicht nur das Anliegen des PWB, auch die Arbeit der Diözesanstelle Berufe der Kirche wird nicht so bedeutungsvoll gesehen, wie es die Situation der Priesterberufe verlangen würde. Was wird gegen den Priestermangel unternommen? Es werden die Seelsorgeeinheiten eingeführt ohne gleichzeitig die Berufungspastoral

zu stärken. Eine neue Seelsorgeplanung kann nur scheinbar den Priestermangel beheben. So entsteht oft der Eindruck, dass eine besondere Anstrengung in der Berufungspastoral nicht nötig ist. Dabei müsste es angesichts des Mangels an Priestern zu einer Kampagne der Berufungspastoral kommen. Ich bin überzeugt, dass die Personalsituation heute günstiger wäre, wenn schon in den 90er Jahren die Berufungspastoral fester Bestandteil jeglicher Pastoralplanung geworden wäre.

Ein wichtiges Wort in der Berufungspastoral lautet: Wenn keiner ruft, kann keiner antworten. Wenn niemand auf kirchliche Berufe aufmerksam macht und dazu ermutigt, können junge Menschen ihre Berufung kaum entfalten oder sie wird sogar verhindert. Ich bin überzeugt, und das ist mein Credo: Gott schenkt genug Berufungen, wir müssen sie nur entdecken und fördern und für günstige Wachstumsbedingungen sorgen

PW: Aber liegt es, zumindest was den Priester anbelangt, nicht auch daran, dass das Berufsbild in mancher Hinsicht nicht gerade anziehend ist?

Rolf Seeger: Gewiss, da ist z.B. die Ausweitung der Seelsorgeräume. Je größer die Seelsorgeeinheiten werden, je mehr wird der Priester Leiter und Chef und umso weniger kann er Seelsorger sein. Die Pfarrer haben auch keine Zeit mehr für Berufungspastoral, um persönliche Kontakte zu jungen Menschen zu pflegen. Junge Männer wollen in der Regel zuerst Seelsorger werden. Diese Entwicklung wird aber auch zum Problem in den Gemeinden. Die Menschen warten auf „Geistliche" und nicht auf „geweihte Landräte". In den Herzen vieler Menschen ist das Priesterbild das des guten Hirten, der ihnen nahe ist und nicht ein „zeitloser, ferner Manager".

PW: Ist nicht auch der Zölibat als verpflichtende Lebensform ein Hindernis?

Rolf Seeger: Sicher , aber zum einen können wir daran nichts ändern, zum andern habe ich gerade in den letzten Jahren bei jungen Leuten immer wieder herausgehört, dass eigentlich die Angst vor Überforderung größer ist als die Vorbehalte gegen den Zölibat.

PW: Sie waren der einzige Laie in der Leitung einer Diözesanstelle Berufe der Kirche in der BRD. Welche Vorteile hatte das, welche Nachteile?

Rolf Seeger: Ich hatte sicher mehr Nähe zu den Realitäten von Familie, Jugendlichen und zum Berufsleben allgemein. Das hat vielen den Zugang zur Diözesanstelle und zum Team erleichtert: „Der muss ja nicht so reden". Der Priester hat natürlich mit dem Gottesdienst noch mal eine andere Möglichkeit, Menschen anzusprechen, und vielleicht hat sein Wort bei manchen Personen und Gremien doch mehr Gewicht.

PW: Gab es nie einen inneren Konflikt zwischen Ihrer Erfahrung und Wertschätzung von Ehe und Familie und der Werbung für den Priesterberuf mit seiner verpflichtenden zölibatären Lebensform?

Rolf Seeger: Nein. Ich durfte bald verstehen lernen (Roger Schutz) dass das Evangelium zwei Wege der Nachfolge ermöglicht, die beide glücklich machen, aber auch scheitern lassen können, dass beide Lebensformen Lasten und Wagnis, Glück und Segen beinhalten. Gott führte mich eben meinen Weg. Die gegenseitige Wertschätzung der Lebensformen ist mir wichtig, weil beide für die Verwirklichung der Idee vom Reich Gottes unverzichtbar und zeichenhaft sind.

PW: Frau Seeger, wie haben Sie den Beruf Ihres Mannes erlebt?

Helene Seeger: Mein Mann hat seinen Beruf mit Begeisterung ausgeübt, da war es auch meine Aufgabe, hinter ihm zu stehen und ihn zu unterstützen. Es war für mich auch schön zu erfahren, wie er junge Menschen auf einer wichtigen Wegstrecke begleiten konnte, wenn er nach Hause kam und erzählte, dass es gut gelaufen sei, wenn er von einem jungen Mann oder einer jungen Frau sagen konnte: So wünsche ich mir mal unsere Kirche. Aber er hat auch von belastenden Erfahrungen zu Hause erzählt. Dennoch war es auch nicht so, dass sein Beruf ständig unser Thema war.

Natürlich gab es auch weniger schöne Seiten seines Berufes. Er hatte viele Wochenendtermine oder war am Sonntag im Dienst, da hatte ich dann schon manchmal den Eindruck, gerade wenn ich dann mit den Kindern alleine war, dass ein kirchlicher Beruf nicht besonders familienfreundlich ist.

PW: Das heißt, das ging nur, weil der Beruf Ihres Mannes auch Ihnen selbst ein Anliegen war.

Helene Seeger: Ja. Es war auch für die beiden Kinder oft nicht leicht, wenn der Vater weg war. Dennoch, insgesamt haben wir als Familie gut gelebt, es war ausgeglichen, friedlich, der Glaube hat in die Familie hineingespielt. Junge Menschen zu begleiten, war für Rolf Beruf und „Hobby" zugleich. Das habe ich voll unterstützt. Gerade am Freitagnachmittag war es nicht schön, wenn er zu einem Seminar wegfahren musste. Trotzdem habe ich ihn dann oft ermutigt: „Du weißt doch, die Leute warten auf dich".