Der Sinn des Religionsunterrichts
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In Deutschland garantieren fast alle Bundesländer bzw. Stadtstaaten den konfessionellen Religionsunterricht an allen allgemein- und berufsbildenden Schulen. Dieser wird zum einen von Religionslehrern und -innen im Kirchendienst (i.K.), die von den einzelnen Diözesen angestellt sind, erteilt. Sie unterrichten an Grund-, Haupt- und Sonderschulen ausschließlich katholischen Religionsunterricht. Zum anderen unterrichten Religionsphilologen und |
mache sie die Erfahrung, dass
sich das Grundlegende des Glaubens sehr einfach erschließe:
Jesu Handeln, Jesu Ethik, Leben jetzt, Leben nach dem Tod,
nur die Theologie habe es schwierig gemacht; wenn man den
Glauben so auf die „Basics“ reduziere, dann sei er
auch wieder leicht zu vermitteln. Aber wie geht es dann mit weitergehenden Aussagen der Kirche, etwa mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes? Sie mache dann etwas Kirchengeschichte und Dogmatik und stelle das im Sinne der Kirche vor, aber man ende dann letztlich doch immer bei einer Frage und nicht bei einer Antwort; ohne Umschweife erklärt sie: „Meistens, wenn wir etwas besprechen, komme ich auch selbst bei einer Frage an und nicht bei einer Antwort“. Sie kenne schon die Dogmatik, da gebe es sehr schöne Konzepte z.B. von Walter Kasper zur Dreifaltigkeit, das sei wunderbar, das sei für einen Theologen sehr schön, aber wenn man mit Schülern und -innen rede, dann werde das oft wieder sehr fraglich, da werde man ganz einfach wieder auf den Boden der Wirklichkeit heruntergeholt. Und wie reagieren die Schüler auf diese Offenheit? Sie fragten dann schon: „Und was glauben jetzt Sie?“. Sie gebe dann ihre Antwort, was sie glaube, auch mit ihren offenen Fragen. Ihre Erfahrung: „Die Schüler sind auf jeden Fall froh, wenn man ehrlich ist mit ihnen“. Und der Bischof? Er hat Ihnen ja mit der Missio canonica die Sendung der Kirche erteilt und Sie damit auch verpflichtet, die Lehre der Kirche zu vertreten. Passt das zusammen oder kommen Sie da in Konflikt? „Manchmal passt es nicht wirklich zusammen“, ist die direkte Antwort von Helga Eham. Und sie erklärt gerne wie es dennoch geht. Sie sei auch zweite Vorsitzende im Religionslehrerverband der Diözese und so kenne der Bischof und der Leiter des diözesanen Schulamts sie schon und sie wüss-ten, dass sie nicht so „superkonform“ sei, auch weil sie vom Verband aus schon mehrere Protestschreiben verfasst hätten und dann stehe schließlich immer auch ihr Name darunter; zum Beispiel zum Thema Priestertum der Frau. „Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, dass die Frau nicht zum Priesterberuf zugelassen wird“, formuliert sie entschieden, „aber die Verantwortlichen wissen, dass wir hier gute Arbeit machen, und so haben wir, glaube ich, relativ viel Freiheit“. Mehr noch: „Ich bin jetzt 14 Jahre dabei und habe immer meine Meinung gesagt und es hat mir nie jemand etwas zu leide getan, im Gegenteil, ich habe eher erfahren: wenn man engagiert ist und seine Position hat, wird das auch geschätzt“. Könnte man sagen, dass die Kirche nicht nur Erwartungen an Sie hat, sondern dass sie auch hinter ihnen steht? „Die Ortskirche auf jeden Fall“, lautet ihre Antwort, aber sie gerät dennoch nicht ins Schwärmen, sondern ergänzt: „Die Kirche will den konfessionellen Religionsunterricht auf jeden Fall aufrecht erhalten und da braucht sie die Religionslehrer/-innen, und da es sowieso zu wenige sind, sagt sie sich: wenn wir die jetzt noch knebeln, dann macht uns das gar niemand mehr.“ Etwas anderes sei es, wenn sie sich scheiden lassen und wieder heiraten würde, dann würde sie Probleme bekommen. Aber wenn es um die Lehre gehe, da könne sie sich ganz auf ihr Gewissen stellen. Insgesamt seien die Religionslehrer/-innen eher liberal denkende Menschen, das komme auch daher, dass sie noch ein anders Fach unterrichteten. Sind ihnen als eher liberal denkende Menschen Kirche und Glaube doch wichtig? Kirche insofern, gibt Frau Eham zur Antwort, als viele Religionslehrer/-innen auch in einer Pfarrei engagiert seien, allen aber sei das Evangelium wichtig. Wörtlich: „Man ist schließlich nicht Religionslehrer/-in geworden, um gegen die Kirche zu arbeiten, sondern um das Evangelium weiterzugeben“. Der Einsatz lohnt sich Wie viel haben die Schüler/-innen vor der Reifeprüfung wohl vom Evangelium verstanden? Auf jeden Fall zeigt sich am Ende der Religionsstunde zum Thema „therapeutisches Klonen“ viel Nachdenklichkeit. Eham spitzt das Thema auf eine persönliche Stellungnahme zu: „Was würdet ihr als Politiker tun?“ Das Textblatt formuliert verschiedene Alternativen. Man spürt das Ringen, das Dilemma, die Betroffenheit, die in jeder Überlegung der Schüler/-innen steckt: Zulassung, wenn überzählige Zellen vorhanden sind, die sowieso nicht weiterleben, aber sie nicht eigens produzieren; Verbot hier, aber Forschung im Ausland, das wäre eine Doppelmoral; adulte Stammzellen bevorzugen, da hier eine Tötung nicht nötig ist. Julia würde es grundsätzlich verbieten, aber dann stockt sie und meint: ich kann mich nicht entscheiden. Andrea bringt das Dilemma auf den Punkt: Das Verfahren kann zwar Leben retten, aber anderes wird getötet. Eham beendet die Stunde, aber nicht, indem sie das Dilemma auflöst, im Gegenteil: „Es sind zwei Pole, nämlich Heilungschancen gegen ethisches Problem. Es wird sich an der Frage entscheiden, wann menschliches Leben beginnt. Darum geht es in der nächsten Stunde“. Ich bin beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit die Schüler/-innen mit dem Thema umgehen. Darauf Eham: „Das ist es, warum ich den Religionsunterricht so wertvoll finde, hier werden Fragen gestellt, die in anderen Fächern, in diesem Fall im Biologieunterricht, keinen Platz haben, allein schon deswegen, weil dafür die Zeit fehlt, aber diese Fragen werden auch sonst im Leben der jungen Menschen nicht gestellt. Für einen Religionslehrer, eine Religionslehrerin stellt sich nie die Frage nach dem Sinn des Religionsunterrichts, er liegt auf der Hand“. |
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