Religionsunterricht

Wider die schleichende Marginalisierung 

Von Maria Friese, Essen

Maria Friese ist Vorsitzende der Bundeskonferenz der kath. Religionslehrerverbände (BKR). 

Laut einer Umfrage meinen viele jüngere Deutsche, dass Ostern an die Geburt Christi oder an die Hochzeit Jesu erinnere. Nach einer anderen Umfrage glauben nur 21 % an die Auferstehung Jesu. Diese Daten machen deutlich, womit es Religionslehrer und -lehrerinnen heute täglich zu tun haben: Sie sollen Kinder und Jugendliche zu einer Auseinandersetzung mit Sachverhalten führen, die im praktischen Leben weitgehend ihre Bedeutung verloren haben. Was sind nun die Knackpunkte des Religionsunterrichts (RU), die zur Zeit diskutiert werden?

Konfessionsprinzip
Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland hat im November 1974 einen Beschlusstext „Der Religionsunterricht in der Schule“ verabschiedet, der bis heute für die Diskussion bedeutsam ist. Dort wurde der konfessionelle RU festgeschrieben, heute werden viele Argumente für einen gemeinsamen evangelisch-katholischen RU ins Feld geführt: das Klassenprinzip, der Religionslehrermangel, die Bedeutung der Auseinandersetzung mit anderen Religionen, in erste Linie mit dem Islam, statt mit anderen Konfessionen. 

Das sind wichtige Argumente, aber es gibt auch einen andern Aspekt. Die Verwaltung einer Schule ist schnell für einen überkonfessionellen Unterricht, löst dieser doch zwei Probleme, das der Organisation und das des Lehrermangels. Hüten wir uns vor zu schneller Zustimmung! Wenn keine Religionslehrer und -lehrerinnen mehr gebraucht werden, brauchen wir auch weniger Nachwuchs und Planstellen. Das kann nicht in unserem Sinne sein.

Lehrermangel 
Der in vielen Bundesländern zu Tage tretende Nachwuchsmangel für fast alle Schulfächer ist für das Fach Religion bundesweit zu konstatieren. Dabei ist der faktische Mangel größer als der statistische. In den Kultusbehörden wird die Statistik so angelegt, dass alle Lehrer in ihren Fächern gleichmäßig eingesetzt sind. Die Realität sieht aber anders aus. Zwei Kolleginnen mit dem Fach katholische und evangelische Religionslehre haben als zweites Fach Englisch und Musik. Da diese Fächer an ihrer Schule unterbesetzt sind, werden beide hauptsächlich in Englisch bzw. Musik eingesetzt. Dass der RU ausfällt, wird nicht weiter bemerkt, der Ausfall des Englischunterrichtes dagegen ruft sofort die Eltern auf den Plan. Musik ist zwar nicht so hoch geschätzt wie Englisch, hat aber gegenüber dem RU den Vorteil, dass es im Klassenverband unterrichtet wird und somit die organisatorischen Probleme des RU entfallen.


Aber es gibt auch tatsächlichen Mangel. Dieser ist vor allem an den berufsbildenden Schulen auszumachen. Dort fällt seit Jahren der RU zu einem großen Teil aus, an manchen Schulen findet er faktisch nicht statt. Auch die Sonderschulen sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Zahl der Theologiestudierenden, die sich auf ein Lehramt vorbereiten, ist in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen, deshalb müssen große Anstrengungen unternommen werden, damit die Zahl der Studierenden wieder zunimmt.

PISA 
Der RU gehörte nicht zu den Fächern, die bei der Untersuchung eine Rolle gespielt haben. Wie sollte er auch, da es einen RU dieser Art nur in Deutschland gibt. Aber die Ergebnisse der Untersuchung haben Konsequenzen auch für den RU. Zum einen werden seit der Veröffentlichung der Studie hauptsächlich die sogenannten „hard skills“ also die Fächer Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften als notwendig diskutiert. Die „soft skills“, zu denen neben dem RU auch die Fächer Kunst, Musik und Sport zählen, drohen in dieser Diskussion an den Rand gedrängt zu werden, sind ihre Ergebnisse doch nicht in dem Maße nachprüfbar wie die der „hard skills“. Es kann aber nicht sein, dass Bildung auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes reduziert wird. Die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit der Realität, soziale Kompetenzen werden nicht in erster Linie in den „wichtigen“ Fächern erworben. Jeder Religionslehrer muss immer wieder überlegen, was die Aufgabe seines Faches an der Schule der Zukunft ist. Wir wehren uns nicht gegen Überprüfung und Standards, wir haben keinen Sonderstatus in der Schule. Da müssen wir sicher von manchen liebgewordenen Gewohnheiten Abschied nehmen. Aber wir müssen uns auch davor hüten, in den Chor derer einzufallen, die meinen, ein guter (RU)Unterricht sei in Gänze abprüfbar.

Fazit
Die Situation der Religionslehrer und -lehrerinnen fordert ständig heraus, neue Wege zu gehen und Gewohntes auf den Prüfstand zu stellen. Allen aber, die sich über die angebliche Ineffektivität des Faches beklagen, sei gesagt: für den größten Teil der am RU teilnehmenden Kinder und Jugendlichen ist dieser Unterricht das einzige und letzte Band, das sie mit der Kirche verbindet. Es ist zudem ein Unterricht, der von der Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler als interessanter denn mancher andere beurteilt wird.