Jenseits kirchlicher Sehgewohnheiten
Emil Nolde:
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Überwindung |
Entscheidung zur Umkehr Über Komposition und Farben zwingt Nolde die Betrachtenden, sich für die Seite der Jünger (mit Position, Macht, Lehrgewalt) oder für die Seite der Frauen und Kinder (mit Ranglosigkeit, Spontaneität, Lebenslust) zu entscheiden. Wer die Seite der Männer und der Macht wählt, bleibt unbewegt und unerlöst im dunklen Raum. Wer sich für die weibliche Seite mit den Frauen und Kindern entscheidet, verliert Dominanz und gewinnt Spontaneität und Leben. Für die Jünger in der dunklen Bildhälfte gibt es nur den Ausweg, ihre Einstellung zu ändern und ihren Standpunkt zu wechseln. Mit bildnerischen Mitteln zeigt Nolde, dass er das für möglich hält. Wie schon gesehen: Seine Christusgestalt dreht sich aus dem dunklen Feld heraus nach rechts und trifft damit aus tiefenpsychologischer Sicht die symbolische Entscheidung für Zukunft, Leben und Neubeginn. Zur Bestätigung kommt mit dieser Drehung die lichte und lebhafte Seite mit den Kindern und den Müttern in den Blick, die gleichfalls Zukunft und Lebensbejahung verkörpern. Bewegung und Begegnung Bewusst setzt Nolde die Dynamik der Farben ein. Das Blau-Grün im Gewand Jesu führt das Auge in die Tiefe des Bildes. Rot und Orange drängen aus dem Bild nach vorn und stürzen den Betrachtenden entgegen. So entsteht eine starke Bewegung, die fast körperlich miterleben lässt, mit welcher Intensität sich Jesus den Kindern und Frauen zuwendet und mit welcher Lebhaftigkeit und Freude die Kinder seine Nähe suchen. Was die Farben leisten, unterstreicht die Komposition. Über den Rücken Jesu geht ein Bogen nach rechts oben auf die „Frauenseite“ zu, über die Köpfe der Jünger und der Kinder weist ein zweiter Bogen nach rechts unten: zweimal die Wendung zum Positiven! Im Schnittpunkt beider Bögen befindet sich der Kopf Jesu. Den thematischen Brennpunkt aber bildet sehr effektvoll in kaum merklichem Abstand daneben die intime Szene zwischen Jesus und dem Kind auf seinem Arm. Ihre gegenseitige Zuwendung spiegelt sich in den Augen des Kindes. Die, welche in die Szene eintreten möchten, müssen zunächst erkennen, dass sie sich außerhalb befinden und dass die Rückenpartie Jesu ihnen den Zugang verwehrt. Aber Nolde bietet ihnen einen Weg an: Über die „Treppe“ der Kinderköpfe können sie zur Jesus-Begegnung aufsteigen. Dr. Jan Heiner Schneider ist Schüler- und Lehrerseelsorger in Emmerich am Rhein |
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