Jenseits kirchlicher Sehgewohnheiten

Emil Nolde:
Christus und die Kinder 

Von Dr. Jan Heiner Schneider, Emmerich am Rhein

Überwindung 
der Männerperspektive
In der bildenden Kunst und in der katechetischen Literatur finden sich bemerkenswert selten Darstellungen dieser Szene. Die raren Beispiele jedoch halten sich an ein Schema, das Jesus mit segnend oder lehrend erhobener Hand frontal zu den dargestellten Personen zeigt. Die Absicht ist eindeutig. Mit Jesus soll die lehrende Priesterschaft, mit den Kindern und umstehenden Erwachsenen sollen die Gläubigen verglichen werden. Ein Blick in Bibelkommentare bestätigt das. Als Sinnspitze der zugrunde liegenden Bibelstellen (Mk 10,13-16; Mt 19,13-15; Lk 18,15-17) stellen sie das Beispiel der Kinder für den Glauben der Erwachsenen heraus, mitunter durch die Forderung aus Mt 18,1-5 ergänzt, „zu werden und sich klein zu machen wie die Kinder“. So sehr bestimmen kirchlich-dogmatische Anliegen und Sehgewohnheiten die Auslegung, dass andere Aspekte gar nicht wahrgenommen werden. Dabei spielt durchaus eine Rolle, dass auch heute noch die Bibel zumeist von Männern ausgelegt wird. Sie entwickeln wenig Gespür dafür, dass Jesus hier dem Herrschaftsanspruch der Jünger, die als Männer gegen die „unmündigen“ Frauen und Kinder agieren, Schranken setzt und mit seiner Zuwendung zu den Kindern den Frauen entschieden Recht gibt. Denn es sind Frauen und nicht einfach nur „Eltern“, die ihre Kinder zu Jesus bringen und sich von den Jüngern „anherrschen“ lassen müssen. Lukas nennt die Kinder mit dem griechischen Wort „ta bréfä“, was wörtlich „Leibesfrucht“ heißt und sich sinnvoll nur auf die Mütter beziehen lässt. 

Intuition des Künstlers
1910 malt Emil Nolde „Christus und die Kinder“. Das Bild gehört zu seinen ersten Bearbeitungen biblischer Themen. Er äußert damals, dass sein Anliegen nicht die Illustration der Bibel und ihre dogmatisch-lehrhafte Interpretation sei, sondern dass ihn allein das Bestreben leite, Stimmungen auszudrücken, die er bei der Beschäftigung mit der Bibel empfinde. Über Farben und Bildaufbau entwickelt er eine eigene charismatisch-kreative Exegese, die zutreffender, lebendiger und hilfreicher erscheint als viele Auslegungen in Kommentar- und Predigtwerken. Intuitiv erfasst er den Konflikt. Kompromisslos teilt er sein Bild in eine Männer- und in eine Kinder- und Frauenseite und malt einen Christus, der sich aus der Männerhälfte heraus- und den Frauen und Kindern zuwendet, fast möchte man sagen: sich zu diesen bekehrt. Tatsächlich kann man in den zitierten Bibelstellen „zwischen den Zeilen“ einen von den Frauen lernenden Jesus entdecken, der erst, weil sie diese herbeibringen, Gelegenheit findet, sein Verhältnis zu den Kindern zu definieren. 

Entscheidung zur Umkehr
Über Komposition und Farben zwingt Nolde die Betrachtenden, sich für die Seite der Jünger (mit Position, Macht, Lehrgewalt) oder für die Seite der Frauen und Kinder (mit Ranglosigkeit, Spontaneität, Lebenslust) zu entscheiden. Wer die Seite der Männer und der Macht wählt, bleibt unbewegt und unerlöst im dunklen Raum. Wer sich für die weibliche Seite mit den Frauen und Kindern entscheidet, verliert Dominanz und gewinnt Spontaneität und Leben. Für die Jünger in der dunklen Bildhälfte gibt es nur den Ausweg, ihre Einstellung zu ändern und ihren Standpunkt zu wechseln. Mit bildnerischen Mitteln zeigt Nolde, dass er das für möglich hält. Wie schon gesehen: Seine Christusgestalt dreht sich aus dem dunklen Feld heraus nach rechts und trifft damit aus tiefenpsychologischer Sicht die symbolische Entscheidung für Zukunft, Leben und Neubeginn. Zur Bestätigung kommt mit dieser Drehung die lichte und lebhafte Seite mit den Kindern und den Müttern in den Blick, die gleichfalls Zukunft und Lebensbejahung verkörpern. 

Bewegung und Begegnung
Bewusst setzt Nolde die Dynamik der Farben ein. Das Blau-Grün im Gewand Jesu führt das Auge in die Tiefe des Bildes. Rot und Orange drängen aus dem Bild nach vorn und stürzen den Betrachtenden entgegen. So entsteht eine starke Bewegung, die fast körperlich miterleben lässt, mit welcher Intensität sich Jesus den Kindern und Frauen zuwendet und mit welcher Lebhaftigkeit und Freude die Kinder seine Nähe suchen. Was die Farben leisten, unterstreicht die Komposition. Über den Rücken Jesu geht ein Bogen nach rechts oben auf die „Frauenseite“ zu, über die Köpfe der Jünger und der Kinder weist ein zweiter Bogen nach rechts unten: zweimal die Wendung zum Positiven! Im Schnittpunkt beider Bögen befindet sich der Kopf Jesu. Den thematischen Brennpunkt aber bildet sehr effektvoll in kaum merklichem Abstand daneben die intime Szene zwischen Jesus und dem Kind auf seinem Arm. Ihre gegenseitige Zuwendung spiegelt sich in den Augen des Kindes. 

Die, welche in die Szene eintreten möchten, müssen zunächst erkennen, dass sie sich außerhalb befinden und dass die Rückenpartie Jesu ihnen den Zugang verwehrt. Aber Nolde bietet ihnen einen Weg an: Über die „Treppe“ der Kinderköpfe können sie zur Jesus-Begegnung aufsteigen. 

Dr. Jan Heiner Schneider ist Schüler- und Lehrerseelsorger in Emmerich am Rhein