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Prof. Dr. Konrad Hilpert ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er engagiert sich auch für Reformen des Theologiestudiums fürs Lehramt. Prof. Hilpert stellt das Studium mit seinen Anforderungen und Chancen vor und macht auch kritischen jungen Leuten Mut zu dieser Studienwahl.
Gefragt: Eigenständiges Denken
Was sind das für seltsame Gestalten, die heute Theologie studieren, um später in der Schule Religionsunterricht zu geben? Müssen die nicht zu allem Ja und Amen sagen, was der Papst und die Bischöfe verkünden?
Weit gefehlt, auch Theologiestudierende wollen selber entdecken, wollen verstehen und ihren eigenen Standort finden; und das wird ihnen auch abverlangt im Studium, allerdings unter Anleitung und mit Unterstützung. Denn sie sollen einmal Auskunft geben können über den Glauben, der ihr eigener ist, man könnte auch sagen: Auskunft geben über ihre eigene Standortfindung, entsprechend der uralten, aber für das Selbstverständnis der Theologie bis heute gültigen biblischen Maxime „Seid stets bereit, einem jeden Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die euch beseelt“ (1Petr 3,15).
Was bedeutet das? Eines jedenfalls nicht, nämlich für jede Frage eine Antwort parat zu haben. Sicher, es hat derartige Versuche gegeben, richtige Antworten auf selbst gestellte Fragen zusammenzustellen, etwa in den alten Katechismen. Aber Theologie im eigentlichen Sinne ist das nicht und die Menschen bewegt es auch nicht. Standorte müssen vielmehr erst gefunden oder besser erarbeitet werden. Und deshalb besteht Theologie Studieren nie bloß darin, sich mit einer Sache zu befassen, die einen nicht wirklich berührt, sondern auch immer darin, sich mit sich selber auseinander zu setzen. Für diejenigen, die schon jahrelang in einem Jugendverband engagiert sind oder bei den Messdienern mitgemacht haben, kann das heißen, dass sie ihre mitgebrachte und über die Jahre verteidigte Religiosität plötzlich ins Schwimmen geraten sehen, weil sie vor die Alternative geraten, liebgewordene Vorstellungen zu verabschieden oder aber sie weiter zu entwickeln. Das kann streckenweise sehr schmerzlich sein, aber es kann längerfristig auch beglücken.
Nun gibt es unter den Studierenden heute aber auch solche, die auf ganz anderen Wegen zur Theologie gekommen sind, z.B. solche, die einfach noch auf der Suche sind und sich sagen: Das interessiert mich, damit habe ich mich eigentlich noch nie intensiv befassen können. Vereinzelt auch solche, die bis dahin mit anderen Wegen, z.B. exotische Religionen oder esoterische Kulte, sympathisierten, aber diesen Weg abgebrochen haben und nach neuen, tragfähigeren Orientierungen suchen. Auch diese stehen vor der Aufgabe, sich über ihre Lebens- und Glaubenswege Klarheit zu verschaffen und sich um eine neue innere Landkarte zu bemühen.
Wissen - aber existentiell
Wer Theologie studiert, um später selbst in der Lage zu sein, damit einen Beruf auszuüben, muss selbstverständlich eine solide Wissensbasis haben. Er muss ja mit den Texten insbesondere der Bibel sachgerecht umgehen können, und die sind immerhin rund zwei bis zweieinhalb Jahrtausende alt. Und er muss auch über ein paar Kenntnisse der Philosophie verfügen, um die Begriffe, Vorstellungen, Denkwege der Theologiegeschichte und die großen Streitfragen zwischen den Konfessionen überhaupt verstehen zu können. Und wie soll er eigentlich in den umstrittenen Fragen der Bioethik Stellung beziehen können, wenn er sich nie mit den Argumenten der Fachleute befasst hat? Die meisten Theologiestudierenden heute bringen die Voraussetzungen für all das nicht automatisch von der Schule mit. Darauf sind die Studiengänge längst eingestellt. Und so bieten die Hochschulen für die interessierten Neuankömmlinge Kurse an, in denen solche Voraussetzungen rasch und konzentriert auf das Wesentliche nachgeholt werden können. Für die, die sich darauf einlassen, keine Hexerei!
Wer Theologie zu seinem Beruf machen möchte, sollte schließlich auch etwas über die Menschen wissen, über ihre Lebensbedingungen, ihr Denken und Fühlen, ihre Sorgen und ihre Erwartungen. Theologisches Wissen unterscheidet sich nämlich von naturwissenschaftlichem, juristischem und ökonomischem Wissen dadurch, dass es weniger um das Begreifen funktionaler Zusammenhänge und um die Beherrschung von Abläufen und Herstellungsvorgängen geht, sondern letztlich um Deutung und Orientierung für die Menschen. Deshalb genügt es für die, die Religionslehrer werden wollen, nicht, möglichst viel Tradition zu kennen, sondern sie müssen auch die ausgesprochenen und die versteck-ten religiösen Fragen der Menschen, die heute leben, kennen, müssen herausfinden und entdecken lernen, was in Literatur, Kunst und Kultur der Gegenwart an religiösen Gehalten steckt und auch, welche Schwierigkeiten die Verwendung religiöser Sprache und Formen in einer säkularen Gesellschaft mit sich bringt. Es macht die Schwierigkeit, aber auch den Reiz ihres „Geschäfts“ aus, ständig nach Verbindungen und Übersetzungsmöglichkeiten zwischen Gegenwart und Tradition, zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, zwischen dem, was zu einem fixierten kulturellen Zeugnis geworden ist und dem, was junge Menschen heute denken können, zu suchen und zu errichten. Das Studium ist wie ein kompaktes und angeleitetes Training hierfür.
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Herausforderung „Kirche“
Als eine Wissenschaft unter dem Dach der Universität ist die Theologie eine eigenständige Disziplin, doch bestehen vielfache Verbindungen zwischen ihr und der Kirche. Wer Theologie studiert, tut dies wahrscheinlich häufig zunächst aus Interesse an der Sache. Aber er bekommt es immer wieder auch mit diesen Verbindungen zu tun - als begleitendes Angebot, als Gegenstand der Lehre und des eigenen Forschens und natürlich auch als Überlegungen und kritische Anregungen für eine bessere Praxis. Weil der staatliche Religionslehrer auch im Auftrag der Kirche wirkt, ist Kirche auch ein institutioneller Kontext der späteren Berufstätigkeit.
Was diesbezüglich für manch einen und manch eine vertraut und ganz selbstverständlich scheint, kann von anderen als eher sperrig und schwierig empfunden werden. Gerade für solche kann es eine Zumutung sein, wenn sie erleben, dass das Outing vor anderen, dass sie dieses Fach studieren, ihnen Unverständnis oder gar abschätzige Kommentare einbringen kann oder dass sie in eine Art Kollektivverantwortung genommen werden für alles, was „die“ Kirche an Schlimmem in ihrer Geschichte getan hat. Dieses auszuhalten und damit in intellektueller Redlichkeit umzugehen, ist vielleicht eine der größten Herausforderungen für junge Erwachsene, die sich dazu entschlossen haben, Theologie zu studieren. Stellen sie sich ihr und können sie anschließend zwischen berechtigter Kritik, wohlfeilem Klischee und achtbaren Beiträgen von Kirche und Christentum zur Humanisierung der Kultur differenzieren, dann wird oft nicht nur die eigene Positionsfindung ermöglicht, sondern auch der Schlüssel für das glaubwürdige und argumentative Reden mit den Skeptikern gefunden. Möglicherweise ahnen nur wenige von denen, die in der Kirche amtlich für die Religionslehrer zuständig sind, dass dieses Sich-behaften-Lassen mit dem, was mit dem Begriff „Kirche“ in der Öffentlichkeit verbunden wird, manchmal mehr verlangt als die nach außen sichtbare Erfüllung von Erwartungen an Gläubigkeit und Lebenswandel.
Weiterentwicklung des Studiums
Wenn eine neue Generation von Studierenden in die Hörsäle strömt, zieht das zumindest mittelfristig auch eine Weiterentwicklung des Studienangebots nach sich. Am stärksten sichtbar ist das an den Themen und an dem Bemühen vieler Theologen, mit anderen, nichttheologischen Fachdisziplinen der Universität zusammenzuarbeiten. Gerade neue Themen, die die Öffentlichkeit so stark bewegen wie etwa Mediendarstellung und Mediennutzung, die ethischen Fragen des Umgangs mit Leben, Neurologie, Hochleistungsmedizin, die Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche und anderes mehr lassen sich ja gar nicht anders in Angriff nehmen.
Aber auch der Stil des Arbeitens hat sich gründlich verändert. Selbständiges Denken und Urteilen sowie die Fähigkeit, theologische Sachverhalte in eine sachgerechte und argumentative Sprache zu bringen, sind Lernziele, die nicht nur beschworen, sondern von den Lehrenden auch eingeübt und eingefordert werden. In dieselbe Richtung geht das Bemühen aller jüngeren Studienreformen, die Lehre stärker nach Überblicks-, Spezial- und Vertiefungsthemen zu unterscheiden. Längst gibt es an allen Ausbildungsorten spezielle Einführungsveranstaltungen für die Anfänger, die einen ersten Geschmack, aber auch einen ersten Überblick über die Gesamtheit der Theologie vermitteln.
Wichtig ist schließlich wie in vielen anderen Studiengängen auch die ernsthafte Begegnung mit der Praxis. Sie kann als Praktikum während der Semesterferien stattfinden, aber auch in Gestalt von Sonderveranstaltungen oder als Besuch in der Schule, im Krankenhaus oder in einer sozialen Einrichtung. Wer sich dieser Begegnung mit der Praxis aussetzt, gewinnt nicht nur Sicherheit für seine eigene Berufswahl, sondern unter Umständen eben auch Motivation für sein weiteres Studium, einen schärferen Blick für die Probleme der Menschen und schließlich auch dafür, dass es gut ist, dass junge Menschen in der Schule einen qualitätsvollen Religionsunterricht bekommen.
Theologie studieren
Informationen und Adressen
für das Lehramt:
A Deutsche Bischofskonferenz (DBK)
www.religionstudieren.de
A Zentrum für Berufungspastoral,
Freiburg (ZfB)
www.berufe-der-kirche.de/rph
für den Diplom-Studiengang:
Arbeitsgemeintschaft Studierende der Kath. Theologie (AGT)
www.studienfuehrer-theologie.de
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