Pastoralreferent Anton Helminger, Erzdiözese München

Mit Familie im sozial-pastoralen Einsatz in Ecuador 

 

Von 1998 bis 2001 war Anton Helminger (42), seit 1992 Pastoralreferent der Erzdiözese München und Freising, im sozial-pastoralen Einsatz in der Diözese Santo Domingo de los Colorados in Ecuador. Seine Frau Maria (39) und drei Kinder, ein viertes wurde in Ecuador geboren, ließen sich auf das Abenteuer ein und gingen mit ihm in die Neue Welt. P. Werder SDS besuchte die Familie in Ebersberg bei München. 

Berufung
Fernweh hatten sie beide, nur in ganz verschiedene Richtungen: Anton Helminger hatte schon auf dem Gymnasium seine Liebe zu Südamerika entdeckt, Maria Helminger aber hätte gerne einmal eine Reise nach China gemacht. 1990 entschieden sie sich dann für Südamerika. Dort lernten sie auch Schwester Claudia kennen, die in Santo Domingo de los Colorados ein Kinderdorf leitete. Nach sechs Jahren Dienst in einer Pfarrei bewarb sich Anton Helminger um die Stelle eines Dekanatsjugendseelsorgers. Da trudelte zwei Stunden nach der Zusage ein Brief von Schwester Claudia ein. Sie fragte an, ob sie als Ehepaar bereit wären, in ihrem Kinderdorf ein Wohnheim für Mädchen von 15 bis 18 Jahren zu leiten. Sie ließen sich nicht lange bitten und sagten zu.
P. Werder: War das für Sie dann der Ruf Gottes?
Anton Helminger: Ich habe damals gerade in unserer Pfarrei die Exerzitien im Alltag begleitet und natürlich auch selber mitgemacht. Da dachte ich am Morgen bei der Betrachtung: Vielleicht ist das jetzt das, worauf ich immer gewartet habe. Insofern habe ich schon versucht, das auch von einer spirituellen Seite her zu bedenken und habe in unserer Entscheidung eine Antwort gesehen. Natürlich weiß man nie mit letzter Sicherheit, wem man antwortet, sich selber oder dem Ruf Gottes.
PW: Und wie haben Sie, Frau Helminger, die Anfrage von Schwester Claudia aufgenommen?
Maria Helminger: Ich wäre nicht mehr nach Südamerika gegangen. Denn wir hatten jetzt zwei Kinder, das dritte war unterwegs, ich hatte keine Abenteuerlust mehr. Aber mir war klar, dass es Toni sehr wichtig war, dass er immer Fernweh hatte. Deswegen sagte ich: Weil es für dich sehr wichtig ist, ist es auch für mich wichtig, so entscheide ich mich bewusst dafür. 

Die Aufgabe
In Santo Domingo de los Colorados war nun zuerst für das neu entstandene Wohnheim für junge Frauen eine pädagogische Konzeption zu erarbeiten. Die Mädchen besuchten z.T. noch das „Collegio“, was unserem Gymnasium entspricht, oder machten nach der Hauptschule eine Ausbildung etwa zur Schneiderin oder Friseurin. Die Mädchen waren vorher im Kinderdorf, d.h. sie waren oft Sozialwaisen oder man hatte ihnen Gewalt angetan und sie fanden dann hier ein Zuhause. Finanziell wird die ganze Einrichtung hauptsächlich von Spenden aus Deutschland und der Schweiz getragen. Formell ist die Diözese Santo Domingo die Trägerin, die auch den Grund zur Verfügung stellte. 
PW: Worin lag die pastorale Dimension Ihrer Aufgabe? 
Anton Helminger: Ich durfte in einer gesunden Familie und in einem wohlhabenden Land aufwachsen. Das ist nicht selbstverständlich. Mit Südamerika verbindet uns Europäer und uns Christen noch besonders die Geschichte. Wir haben vor 500 Jahren dieses Land erobert und den christlichen Glauben auf eine Weise gebracht, die sehr fragwürdig ist. Ich hatte nun die Möglichkeit, unterstützt vor allem auch durch die Erzdiözese München, die mit Ecuador eine Partnerschaft hat, mich dort einzubringen. Für mich war es eine starke Motivation, mich als Christ für Gerechtigkeit einzusetzen. Letztlich konnte ich in den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, durchaus auch Jesus sehen. Grundsätzlich ist es aber wichtig, dass wir nicht unsere Lebensweise exportieren, sondern den Menschen dort helfen, auf sich und ihr Land stolz zu sein. Dieses Selbstbewusstsein wird oft massiv zerstört. In all dem sehe ich Mission. 
PW: Ich stelle mir vor, dass Pastoral gefragt ist, gerade auch wegen des chronischen Priestermangels in Südamerika.
Anton Helminger: Die Menschen sind viel religiöser als wir, bei ihnen ist Religion kein Tabu, das heißt aber nicht, dass sie unbedingt mehr nach dem Evangelium leben. So ist eine große Bereitschaft, aber auch ein großer Bedarf nach religiösen Angeboten da. Mit den Mädchen haben wir jedes Jahr Einkehrtage außerhalb unseres Hauses gestaltet, aber auch das Tischgebet, gelegentlich Zeiten der Besinnung und die Gestaltung der Advents- und Fastenzeit gehörten dazu. Es war uns auch wichtig, dass die Mädchen in der Pfarrei, zu der wir gehörten, zu Jugendgruppen Kontakt bekamen und dort auch an religiösen Festen teilnahmen. Darüber hinaus übernahm ich noch die religiöse Begleitung in einem Jungenwohnheim und einen religiösen Bildungsauftrag bei Religionslehrern und Katecheten.

Mit Familie
Es gab im Haus nur eine Küche, die Wohnung der Familie war auf dem gleichen Gang wie die Zimmer der Mädchen. So hat man gemeinsam gekocht und die hauswirtschaftlichen Arbeiten erledigt. Aber diese Situation war für die Familie und für die Mädchen, die ja selbstständig werden sollten, nicht ideal. Schließlich übernahm Maria Helminger mehr die Anleitung und Begleitung der Mädchen als dass sie direkt mit ihnen zusammenarbeitete und konnte sich so wieder mehr ihrer Familie widmen. Diese Regelung bewährte sich für beide Seiten. Dennoch, für wirkliches Privatleben der Familie blieb nicht viel Zeit.

PW: Das heißt, auf die Dauer wäre ein solches Leben als Familie nicht möglich. 
Maria Helminger: Gewiss, aber für diese Zeit und für unseren Auftrag war es gut so. Wir hatten auch Modellfunktion, d.h. wir konnten den Mädchen zeigen, dass Familie funktionieren kann. Wir haben wirklich auch gestritten und die Mädchen haben sofort gemerkt, was bei uns los ist. Aber deswegen ist bei uns niemand weggelaufen, und auch ich als Frau habe nicht alles über mich ergehen lassen, sondern mich zur Wehr gesetzt, aber deswegen wurde ich nicht geschlagen. Das alles haben die Mädchen mitbekommen und sie haben gesehen, so geht es auch. 
PW: Wo haben Sie die Familie als eine Bereicherung erfahren, was war für sie belastend? 
Anton Helminger: In schwierigen Situationen habe ich mich nicht allein gefühlt. Die Familie war für mich immer noch ein Bereich, wo ich mich geborgen fühlen konnte, wo ich nicht ausgeliefert war. Durch die Kinder haben sich viele Zugänge gerade auch zu einfachen Menschen ergeben. Übrigens - wenn auch wenig bekannt - gibt es relativ viele Familien, die im kirchlichen Entwick-lungsdienst tätig sind. 
Maria Helminger: Ich war nicht nur Hausfrau, sondern ich habe in der Jugendarbeit mitgearbeitet und dadurch auch Bestätigung gefunden. Es war auch schön, dass wir miteinander im gleichen Haus gearbeitet haben. Auch Toni hat hier Familie ganz anders erlebt.
Zum anderen: In Ecuador sind Kinder nie eine Last, an ihnen haben die Menschen immer Freude, unsere Kinder haben sich da geborgen gefühlt. Was für mich auch ganz wichtig war: Die Kinder haben gelernt, mit wenig zu leben, sie haben nicht viele Spielsachen gehabt, aber da ist nie ein Kind auf die Idee gekommen, das sei zu wenig, sie waren total zufrieden. Natürlich konnte man das ganze Jahr hinausgehen in den tropischen Hausgarten, das war für die Kinder wunderschön. 
Eine Belastung war sicher, dass wir wenig Möglichkeiten hatten, uns auch zurückzuziehen. Der halbe freie Tag in der Woche war schon zu wenig. Allerdings haben wir immer darauf geschaut, dass wir einmal im Jahr einen richtigen Urlaub von drei oder vier Wochen machen konnten. 

Geistliche Quellen
PW: Wie sieht das religiöse Leben einer Familie im kirchlichen Dienst aus? 
Anton Helminger: Zunächst geht es da bei uns sicher nicht anders zu als in jeder christlich geprägten Familie: Tischgebet, das Gebet am Abend mit den Kindern, dass wir mit den Kindern in die Kirche gehen. Da kommt schon auch mal die Bemerkung: langweilig. Dann sind wir herausgefordert, wie wir das den Kindern vermitteln können, dass das für mich etwas Wichtiges ist, dass es auch etwas ist, was mich freut. 
In Ecuador haben wir beide das Joggen angefangen, und wir praktizieren das auch hier. Beim Laufen ist für mich Beten ein Bedürfnis; wenn ich meinen Körper spüre, bin ich Gott dankbar, dass ich lebe; dann die Natur und die Landschaft, da denke ich oft beim Laufen: ich kann nicht anders als Dich loben.
Maria Helminger: Auch für mich ist die Natur eine wichtige Quelle meiner Spiritualität. Wenn man sich dann auch noch körperlich verausgabt, ist der Geist wacher und ansprechbarer. Wenn ich am Morgen laufe, dann ist das für mich schon eine Kraftquelle, dass ich den Tag bestehen kann. Untertags ist immer Lärm, irgendwo muss ich dann doch auch meinen Ruhepol finden. Ein besonderes Erlebnis war für mich erst vor kurzem bei einer Reise mit Freunden, als wir den höchsten Berg Argentiniens bestiegen haben. Die Inschrift auf dem Gipfelkreuz trifft sehr genau meine Erfahrung: „Kein Gipfel der Welt ist unmöglich zu besteigen, wenn du Gott als deinen Führer wählst“. 
Anton Helminger: Natürlich gehört für mich der Sonntagsgottesdienst dazu, ohne den Sonntagsgottesdienst findet die Woche keinen Höhepunkt, keine Mitte. Mich mit dem Wort Gottes auseinandersetzen, es hören und feiern, das brauche ich, ohne dies würde ich spirituell ganz sicher verkümmern. Sehr wertvoll sind mir auch die regelmäßigen Gespräche mit meiner geistlichen Mentorin.
Maria Helminger: Auch für mich ist der Sonntag ohne Messfeier kein Sonntag, ohne Sonntagsmesse ist die Woche irgendwie leer. Aber mit den Kindern ist es natürlich manchmal nicht einfach. Gelegentlich muss ich dann einfach mit einem der Kleinen rausgehen, an anderen Sonntagen geht es ganz gut. Aber es ist uns wichtig, dass die Kinder dabei sind und so in die Gottesdienstfeier hineinwachsen. 

Adresse für Interessenten:
Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V.
Personaldienst der deutschen Katholiken für internationale Zusammenarbeit
Ripuarenstr. 8, 50679 Köln

Tel.: 0221-8896-0, Fax: 0221-8896-100
E-Mail: infoline@ageh.org 
Internet: www.ageh.de