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Diakon Weißmann (l.) ist in der Bezirksklinik Regensburg als Seelsorger tätig zusammen mit einer Pastoralreferentin und einem evangelischen Seelsorger. Die Einrichtung zählt 900 psychisch kranke Patienten und 1600 Mitarbeiter. Jahrhunderte lang stand an dieser Stelle ein Kartäuserkloster, das in der Säkularisation 1803 aufgelöst wurde. Die noch erhaltene Kirche mit einem sehr schönen Chorgestühl dient der Klinikgemeinde und Gläubigen aus der Gemeinde St. Wolfgang als Gotteshaus. Eine moderne Kapelle ist in dem neu errichteten Gebäude für die Neuro-Rehabilitation entstanden. Die Hauptaufgabe des Diakons ist das Gespräch mit den Patienten, aber auch die Vorbereitung und die Feier von Gottesdiens-ten mit ihnen. Der WEGBEREITER hat Diakon Weißmann besucht.
Gespräch: P. Werder SDS
Fotos. P. Soczynski SDS
Diakon sein
WEGBEREITER: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Diakon zu werden?
Diakon Michael Weißmann: Als Jugendlicher dachte ich einmal daran, Priester zu werden. Aber diesen Gedanken habe ich dann bald auf die Seite geschoben, denn es war mir auch klar, dass ich einmal Familie haben möchte. Damit hatte ich eigentlich den kirchlichen Beruf abgehakt. Ich habe mich dann für den Beruf des Krankenpflegers entschieden. 1987 kam in unsere Pfarrei St. Wolfgang ein Diakon. So bin ich zum ersten Mal mit diesem Beruf in Berührung gekommen, den ich vorher überhaupt nicht gekannt habe. Ehrlich gesagt, zuerst fand ich es lächerlich: Was ist denn das für ein Helfers- helfer. Dann habe ich aber immer mehr entdeckt, welche Möglichkeiten er hat. Er hat nämlich wirklich die Möglichkeit, mit Menschen am Rande zu arbeiten, was ja das Profil des Diakonats ist, ohne sich viel um administrative Angelegenheiten kümmern zu müssen. Darin habe ich einen sehr großen Vorteil gesehen. Das habe ich einfach mal so für mich registriert und mit den Jahren hat sich das gesetzt. Immer mehr habe ich daran Gefallen gefunden. Und schließlich habe ich Kontakt mit unserem Pfarrer und mit der Diözese aufgenommen. So hat sich das entwick-elt.
WB: Und Sie bedauern nicht, dass Sie jetzt nicht Priester werden konnten bzw. können?
Weißmann: Nein, überhaupt nicht. Für mich ist es im Gegenteil jetzt so, dass ich sagen kann, der Diakonat ist für mich total stimmig. Selbst wenn morgen Rom den Pflichtzölibat für Priester aufheben würde, würde ich gern Diakon bleiben, weil es für mich einfach stimmt, gerade auch der Dienst hier. Ich habe hier wirklich die Möglichkeit, mit den Menschen zu arbeiten, ich kann mir hier jede Zeit der Welt nehmen, ohne dauernd auf die Uhr schauen zu müssen. Ich kann mich hier um den Menschen kümmern, so wie ich mir das vorgestellt habe, das ist ganz toll, das genieße ich in vollen Zügen.
WB: Sie schätzen es aber dennoch, auch das Weiheamt inne zu haben. Wo sehen Sie das Plus etwa im Vergleich zu einem Gemeinde- oder Pastoralreferenten?
Weißmann: Ich sehe es ganz klar im Profil des Diakons, das bedeutet für mich: Diakon sein heißt ganz bei den Menschen zu sein, vor allem bei denen am Rande der Gesellschaft, bei denen, die niemanden haben, und ihnen da mit der ganzen Existenz etwas von Christus vermitteln zu dürfen, der sich zum Diakon, zum Diener aller gemacht hat. Zum Diakon geweiht zu sein heißt darum für mich: nicht nur einen Beruf haben, sondern lebenslang, nicht auf Zeit von Christus in Dienst genommen zu sein, um den Menschen wie er nahe zu sein. Das ist ein großer Unterschied zu den anderen pastoralen Berufsgruppen.
Ein weiterer Grund liegt für mich darin, dass ich den Menschen als Diakon die Nähe Christi nicht nur in der persönlichen Zuwendung, sondern auch in der Verkündigung der Frohen Botschaft und in der Feier der Heilsgeheimnisse in der Liturgie vermitteln darf. Schon als Ministrant habe ich eine große Nähe und Liebe zur Liturgie gehabt und diesen Dienst gerne ausgeübt. Hier in der Klinik ist es so, dass zwei ausländische Priester und der Studentenpfarrer die Gottesdienste halten und ich die Predigt vorbereite. Das ist auch etwas, was mich an diesem Amt freut, dass ich die Möglichkeit habe, selbstverständlich an der Liturgie teilzuhaben und sie mitzugestalten, dass ich da einen ganz natürlichen Platz habe, den ich mir nicht erkämpfen muss.
Der Dienst in der Klinik
WB: Was sind hier ihre konkreten Aufgaben?
Weißmann: Es sind vor allem drei Bereiche: Einmal die Klinikseelsorge im weiten Sinne, d.h. begegnen, begleiten, deuten. Die Menschen können mit mir sprechen, ohne dass das Konsequenzen hat, z.B. dass Medikamente erhöht werden. Das ist etwas ganz Wichtiges. Begleiten heißt für viele Patienten, die ja oft lange hier sind, dass da einfach jemand für sie da ist, dass sie einen konstanten Ansprechpartner haben. Das Dritte sind dann die Deutungsversuche auf Fragen wie: wieso gerade ich, was habe ich denn getan?
Das andere ist dann die Gottesdienstgestaltung, wir haben drei Gottesdienste in der Woche. In der neuen Kapelle jeden Mittwoch ein Wortgottesdienst, am Freitag eine Andachtsreihe z.B. zu den Symbolen des Lebens und dann der Sonntagsgottesdienst in der großen Vituskirche.
Dann kommt noch etwas Öffentlichkeitsarbeit dazu. Da ist einmal unsere Hauszeitschrift „Synapse“, dann der „Vitusbrief“, eine Art Pfarrbrief oder auch wenn es sonst Möglichkeiten gibt, an die Öffentlichkeit zu gehen.
WB: Und wie wird die Seelsorge von den Patienten wahrgenommen?
Weißmann: Ich bin immer ausgebucht, die Woche vergeht wie im Flug. Ich komme kaum dazu, von mir aus Stationen zu besuchen, so viele Patienten kommen von sich aus auf uns zu.
WB: Ich stelle mir vor, dass es etwas Schönes ist, wenn Sie jemandem weiterhelfen können, aber ich denke, dass Sie doch oft auch an Grenzen kommen, wo nichts mehr geht. Wie gehen Sie damit um?
Weißmann: Am Anfang habe ich es heimgetragen, mit meiner Frau gesprochen oder auch mit einem guten Freund. Aber irgendwann reichte mir das nicht mehr.
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Das hat sich aber erst allmählich entwickelt. Ich liebe unsere St. Vitus-Kirche, die ehemalige Kartäu-serkirche. Eines Tages habe ich angefangen, mein
Stundengebet, also das kirchliche Morgen- und Abendlob in dieser Kirche zu beten, am Morgen, wenn ich komme und am Abend, bevor ich heimgehe. Da lege ich dann bei den Fürbitten in der Vesper die Anliegen der Menschen, die an diesem Tag bei mir waren, und auch alle Patienten des Hauses in Gottes Hand. Und das tut mir gut. Ich kann anders heimgehen, als wenn ich es ganz mit nach Hause nehme, ich habe meine Belastung und die Lasten der Menschen ein Stück weit Gott übergeben. Das ist für mich zu einer Quelle geworden, sonst würde ich vieles gar nicht aushalten, das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt. Ich kann den Tag anders angehen.
Es ist natürlich auch so, dass das zu Hause gar nicht möglich wäre, die Kinder sind zwei und vier, da wäre einfach nichts drin und so gehe ich hier in die Kirche und kann den Tag in der Stille beginnen und am Abend bewusst beenden.
WB: Und spielen diese Anliegen auch eine Rolle in Ihrem liturgischen Dienst?
Weißmann: Ja, sicher, auch da schließe ich die Menschen, mit denen ich zu tun habe, ins Gebet ein, manchmal formuliere ich es ausdrücklich in den Fürbitten oder trage es in meinem Inneren vor Gott hin. Aber auch das ist erst allmählich gewachsen und ich denke, da ist man auch ständig in einem Prozess drin.
WB: Wie sieht Ihr Dienst in Ihrer Gemeinde St. Wolfgang aus?
Weißmann: Einmal im Monat habe ich Predigtdienst. Unser Sohn ist im Kindergarten, da bin ich im Elternbeirat und daraus hat sich jetzt ein Familienkreis gebildet. Und da bin ich auch noch aktiv, z.B. bei Familienwochenenden und dergleichen. Ein Wochenende im Monat ist ganz frei, das muss auch sein.
WB: Predigen Sie gern?
Weißmann: Ja, aber das heißt nicht, dass das für mich kein Aufwand wäre. Manchmal ist die Zeit doch knapp, dann sagt meine Frau immer: „Du musst es doch nicht jedes Mal hundertprozentig machen“. Wir besprechen die Predigt auch miteinander, sie ist meine erste Hörerin. Das hat sich auch entwickelt. Schon bei den Familiengottesdiensten, in denen ich schon vor meiner Weihe manchmal gepredigt habe, dachte ich immer, meine Frau steht auch im Leben und so ist mir ihre Meinung auch wichtig, und sie sagte mir damals schon z.B.: „Du, das ist zu geschraubt, das musst Du noch mal umformulieren“. Das genießen wir beide. Es ist für mich ein Ansporn, noch einmal nachzudenken, und ich bin froh, wenn ich schon eine Kritik höre, bevor ich es in der Gemeinde vortrage.
Geistlicher Beruf und Familie
WB: Womit wir bei einem anderen wichtigen Thema sind: Wie geht der geistliche Beruf und Ehe und Familie zusammen?
Weißmann: Ich möchte es einmal so sagen: Ich habe einen Cousin, der Arzt ist und mit dem ich mich sehr gut verstehe. Der ist vom Zeitaufwand mindestens genauso dran wie ich, er hat drei Kinder und muss das auch unter einen Hut bekommen. Ich würde das gar nicht immer so dramatisieren, es gibt viele Berufe, bei denen der Zeitaufwand sehr groß ist. Das ist das eine, was die Zeit betrifft. Zum Thema geistliches Amt: Für meine Frau war es kein Problem. Sie war von vornherein bereit, mein Vorhaben mitzutragen. Sie ist selber Sozialpädagogin und arbeitet auch halbtags, was ihr auch gut tut. Das ist natürlich nur möglich, weil die Oma dann für die Kinder da ist, ohne sie ginge es so nicht.
Natürlich nervt es manchmal, wenn ich Abendtermine in der Pfarrei habe oder von Zeit zu Zeit auch Rufdienst in der Klinik bei Nacht. Und die Predigt ist doch auch ein Projekt, das ich oft abends vorbereite. So ist das dann manchmal schon eine Belastung für die Familie. Und gelegentlich wird es einfach auch zuviel, was ich im Einsatz bin, da ist dann meine Frau auch eine gute Bremse, aber konstruktiv. So muss man einfach auch haushalten mit der Zeit für den Dienst. Aber im Großen und Ganzen geht das, auch weil ich hier doch von meinem Hauptdienst her eine geregelte Arbeitszeit habe.
WB: Wie geht „geistliches Leben“ in der Familie?
Weißmann: Das Morgen- und das Abendlob aus dem Stundengebet, das ist, wie schon gesagt, meine Sache, ansonsten ist es wohl bei uns auch nicht anders als in einer andern gläubigen Familie. Wichtig ist für uns das Abendgebet mit den Kindern. Mehr an wirklichem geistlichem Leben ist mit kleinen Kindern einfach nicht drin. Und ich will sie auch nicht überfordern. Sonntag ist der einzige Tag, an dem wir zusammen zu Mittag essen, da gehört dann auch das Tischgebet dazu. Hierher gehören auch unsere Predigtgespräche, manchmal ist dann auch die Predigt plötzlich ganz vergessen und wir sind bei einem ganz andern Thema, das uns im Glauben beschäftigt. Da wird sich vielleicht auch manches im Laufe der Jahre entwickeln, etwa wenn die Kinder größer werden. Vielleicht wird dann das Stundengebet auch für meine Frau interessanter. Im Moment ist ihr das einfach zuviel und sie hat auch nicht die innere Ruhe und Einstellung dazu. Das kann ich respektieren. Andererseits würde mir das gut gefallen, weil ich beten in Gemeinschaft sehr schön finde. Aber das ist jetzt einfach noch nicht dran.
WB: Was schätzen Sie an Ihrer Familie besonders?
Weißmann: Es gibt hier manchmal schon Tage, an denen man so viel „Schrott“ zu hören bekommt, das ist jetzt nicht abwertend gemeint, und dann gehe ich heim und habe eine gute Umgebung und dann schalte ich sehr schnell um. Da muß man auch schnell umschalten, da sind dann nämlich ganz andere Dinge wichtig, aber das tut mir gut und ich merke, vieles in meinem Kopf verflüchtigt sich dann. Ich bin dann einfach daheim und ich fühle mich zu Hause wirklich geborgen. Man kann das schlecht ausdrücken, aber wenn ich daheim bin, fühle ich mich echt gut. Freilich zehrt es mit den Kindern auch manchmal etwas an den Nerven, aber ich möchte sie nicht missen, Kinder sind etwas Schönes. Das war für mich wirklich die richtige Entscheidung: Im zölibatären Leben wäre ich nicht glücklich geworden, das wird mir heute noch mal deutlicher, da ich Familie erlebe. Aber das habe ich auch damals schon bald gewusst und gespürt.
WB: So kommen bei Ihnen jetzt alle Hoffnungen für das Leben zusammen: das soziale Engagement, das kirchliche Amt und die Familie.
Weißmann: Ja, das ist wahr. Diakon ist mein Traumberuf.
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