Seht, der Stein ist weggerollt

Der Aufbruch weiblicher Spiritualität im Umbruch der heutigen Zeit
Von Dr. Hildegund Keul, Magdeburg

„Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegrollen?“ (Mk 16,3) Diese Frage haben sich drei Frauen gestellt, als sie am Ostermorgen in aller Frühe zum Grab Jesu aufgebrochen sind. Mit dem grausamen Tod Jesu hat ihr Leben einen Bruch erlitten, der sie zu zerreißen droht. Sie sind voll Trauer und Verzweiflung, Schmerz und Angst. Aber dennoch gehen sie auf den Stein zu, der ihnen im Weg liegt und auf der Seele lastet. Sie haben den Mut, sich dem Bruch in ihrem Leben zu stellen und sich an den Abgrund des Todes zu wagen. Und ausgerechnet am Grab, wo das Leben endgültig zum Schweigen gebracht werden soll, erfahren sie die Macht der Auferstehung. Mitten in der Dunkelheit des Todes werden sie sehend. Sie entdeck-en, woran sie kaum mehr zu glauben wagten: die Lebensmacht Gottes, die selbst den Tod überwindet.

Das Schweigen brechen

Die Frauen kommen dem Geheimnis des Lebens auf die Spur an einem Ort, wo sie nur die Macht des Todes zu erwarten hatten. Überwältigt von Leben werden sie berufen, die Osterbotschaft zu verkünden. Und ihre Stimme, die sich dem Schweigen stellt und durch das Verstummen hindurch geht, beginnt leise Worte der Hoffnung zu sprechen. Seht, der Stein ist weggerollt - so lautet die Ostererfahrung der Frauen am Grab. An diese Erfahrung hat die deutsche Frauenseelsorge in den letzten Jahren angeknüpft. Ein Stein aus Betlehem, der den Grabsteinen Jesu nachgebildet ist, wurde von Ostern 2000 bis Ostern 2001 durch Deutschland „gerollt“. Dreißig Mal hat er Station gemacht, bis er Ostern 2001 im Kloster Helfta (Bistum Magdeburg) aufgestellt wurde. Auf seinem Weg durch Deutschland haben sich Frauen der Herausforderung gestellt, die der Stein auch heute noch darstellt.
Das Projekt der deutschen Frauenseelsorge ist exemplarisch für das, was in den letzten Jahren als weibliche Spiritualität diskutiert wird. Frauen brechen auf, wo ihnen Steine im Weg liegen und Brüche ihr Leben zerschneiden. Gesellschaftlich und kirchlich leben wir in einer Zeit, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt ist. Frauen tragen ihren Teil dazu bei. Sie treiben Brüche mit der Tradition voran und sind zum Aufbruch in neue Lebensräume bereit. Ihr Selbstverständnis hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verwandelt, allein schon weil sie Arbeitsfelder erobern, die bislang Männern vorbehalten waren. Sie machen die Gewalt gegen Frauen öffentlich zum Thema und verschweigen sie weder im privaten oder kirchlichen Leben noch in der Kriegspolitik. Kirchlich sind die Umbrüche genauso gravierend. Frauen gehören heute nicht mehr selbstverständlich einer Religionsgemeinschaft an. Viele haben starke Vorbehalte gegen die Kirche oder sind einfach nicht mehr an ihr interessiert. 

Hören auf die Gottesrede von Frauen

Die Abwendung vieler Frauen von der Kirche stellt ein Problem der Verkündigung dar. Das Evangelium hat etwas zu sagen. Aber die Sprache, die der Kirche derzeit zur Verfügung steht,

 verhallt in weiten Bereichen ungehört. Sie kann ihre eigene Botschaft nicht mehr so ins Wort bringen, dass sie Aufmerksamkeit erregt und zur Auseinandersetzung herausfordert. Mitten in den vielen Worten, die die Tradition der Kirche zur Verfügung stellt, macht sich eine Sprachlosigkeit bemerkbar. Die Sprache versagt. Dies ist ein Grundproblem der Pastoral. Und der Bruch, der gerade in den östlichen Bundesländern zwischen „innerkirchlich“ und „außerkirchlich“ vorhanden ist, durchzieht längst die eigenen Reihen. Die ältere Generation von Frauen leidet daran, dass sie den jungen Menschen nicht mehr begreiflich machen kann, was ihnen am Glauben wichtig ist und was ihr Leben durch all seine Mühsal hindurch getragen hat. Sie fühlen sich ohnmächtig und verstummen.
Wer wird den Stein wegrollen? Die Frage ist ein Ruf nach befreiender Erfahrung. Denn das Leben von Frauen ist auch heute von tiefen Rissen und zerbrochenen Hoffnungen geprägt. Eine Ausbildung, die in die Leere der Erwerbslosigkeit führt; eine Liebesbeziehung, die im Disaster endet; die Erfahrung von Friedlosigkeit und Gewalt. Mitten in solchen Brüchen brechen Frauen auf und entwickeln Visionen, die tragfähig und zukunftsweisend sind. Sie fragen nach den verdrängten weiblichen Traditionen in Bibel und Kirchengeschichte, die bisher nur wenig zu Wort kamen. Was haben sie heute zu sagen? Sie hören auf die Gottesrede von Frauen, die in der Geschichte verstummt sind. Welchen Beitrag können sie leisten, damit die österliche Lebensmacht in den schmerzlichen Brüchen wirksam wird?

Weibliche Spiritualität macht sich der verborgenen Lebensmacht Gottes in der heutigen Zeit auf die Spur. Sie bringt das Verschwiegene zur Sprache und gibt denen, die sprachlos sind, eine Stimme. Sie hat visionäre Kraft, weil sie sich den Brüchen stellt und auf das schaut, was durch sie hindurch an neuem Leben aufbricht. Frauen machen die Erfahrung von Pfingsten, dass sich mitten in ohnmächtigem Verstummen der Geist Gottes zu Wort meldet und eine neue Sprache verleiht. An den Brüchen ihrer Zeit werden Frauen geistesgegenwärtig und sprachfähig - und das Leben bricht auf aus dem Tod.


Dr. theol. Hildegund Keul ist Dozentin am Seminar für Gemeindepastoral in Magdeburg und leitet das Frauenreferat des Bistums Magdeburg.
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Keul, Hildegund; Kraning, Willi (Hgg.): Um der Menschen Willen. Evangelisierung - eine Herausforderung der säkularen Welt. (Festschrift für Bischof Leo Nowak) Leipzig: Benno 1999