Eine Frau gestaltet ihre Spiritualität:

Biblisch, frauenbewusst,gemeideorientiert

Von Gemeindereferentin Irene Baumeister, Ulm

Irene Baumeister lernte zuerst den Beruf der Einzelhandelskauffrau und machte dann die Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin, bevor sie an der Fachhochschule Freiburg Religionspädagogik studierte. Seit 12 Jahren arbeitet sie als Gemeindereferentin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie lebt allein und übt heute ihren Dienst in St. Klara in Ulm aus. 


Was mich geprägt hat: Gemeinde- und Kirchenerfahrungen 

Dass Gott ist und auch für mich da ist, habe ich, glaube ich, nie wirklich grundsätzlich bezweifelt. Zu Gott hatte ich schon als Kind eine sehr persönliche Beziehung, durch die Erfahrungen im Gottesdienst, aber auch aufgrund meiner starken Verbundenheit mit der Natur. Ich bin oft allein in den Wald gegangen und habe gerne auf dem Bauernhof meines Onkels mitgeholfen.
Als ich mit 18 Jahren als Einzelhandelskauffrau nach England ging, suchte ich auch nach einem spirituellen Ort. Und fand ihn - nach mehreren katholischen Versuchen - in einer Londoner anglikanischen Kirche. Dort erfuhr ich schon beim ersten Besuch eine große Offenheit und Wärme. Ich erlebte eine mir sehr vertraute Liturgie und war fasziniert davon, dass dort die Kommunion unter beiderlei Gestalten ausgeteilt wurde. Noch eine weitere Überraschung hielt diese Kirche für mich bereit: Beim Stöbern in einer Buchhandlung fiel mir das Buch eines anglikanischen Bischofs in die Hand mit dem Titel: Yes to woman priest. Das Priestertum der Frau war für mich ein ganz neuer, ungewöhnlicher Gedanke. In seiner Argumentation setzte sich Hugh Montefiore auch mit den biblischen Quellen auseinander. Ich wollte, ich musste die Bibel besser kennen lernen!
Die Gelegenheit bot sich, als ich mit 19 nach Berlin ging, um eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin zu machen. Als ich die dortige Studentengemeinde besuchte, ließ ich mich sofort für den Bibelkreis gewinnen. Und so kam es, dass ich sechs Jahre lang regelmäßig jede Woche zum Bibelgespräch, später zum Bibelteilen ging und in einer sehr persönlichen Atmosphäre vieles über die ersten christlichen Gemeinden hörte.

Viele Räume haben sich mir dort in der KSG geöffnet: Im Umweltkreis lernte ich neben mancher Theorie und Diskussion Papier schöpfen und Bäume (in Gorleben) pflanzen. In der Lateinamerika-Gruppe hörte ich von Armut und politischer Unterdrückung, aber auch vom Evangelium der Bauern von Solantiname. Wir haben viele Gottesdienste gefeiert und mitgestaltet und uns von neuen geistlichen Liedern anstecken, inspirieren lassen. Ich habe - auch im Rahmen einer Basisgemeinde - nach meinem eigenen christlichen Weg gesucht, mich mit anderen ausgetauscht, aber auch konkret in einer Kreuzberger Gemeinde im Kirchengemeinderat und bei der Erstkommunionkatechese mitgearbeitet.
Stark geprägt hat mich auch Dorothee Sölle. Obwohl ich damals ihren Stil als eher männlich empfand, war ich beeindruckt, wie offen sie von ihren persönlichen Glaubens- und Lebenserfahrungen erzählte. Ich lernte durch ihre Bücher, wie intensiv das Christsein die eigene Existenz prägen und gestalten kann, dass Lebens- und Glaubenserfahrungen nicht zwei getrennte Dinge sein müssen. 

Als Frau glauben, beten und feiern

In all dem Engagement wurde mir immer deutlicher, dass ich einen Raum brauchte, wo ich mich mehr mit meinem Frausein auseinandersetzen konnte, und so gründete ich mit einer Bekannten die erste Frauengruppe. Frauen in der Wissenschaft, Frauen und Sexualität waren unsere ersten Themen. 
Im Studium waren mir die exegetischen Fächer besonders wichtig. Ich bedauere, dass die biblischen Frauengeschichten im Religionsunterricht, in der Katechese und in den Texten der Lesejahre unterrepräsentiert sind. Ich fühle mich gestört, wenn ich als Bruder angesprochen werde. Ich spüre, wie wohltuend fraueneinschließende Sprache in der Liturgie für mich ist. Da ich Gott als eine Kraft erfahre, fehlt mir etwas Wesentliches von Gott, wenn nur in männlichen Bildern gesprochen wird. 
In meiner Praktikumszeit in einer Brooklyner Gemeinde in New York, war ich immer wieder erstaunt wie selbstverständlich die dortigen Dominikanerinnen die Psalmen in fraueneinschließender Sprache beteten. Ich habe dort eine sehr kraftvolle christliche 

Frauenbewegung kennen gelernt, in der schwarze Frauen genauso ihren Platz hatten wie weiße Frauen oder spanischsprachige Immigrantinnen, gebildete ebenso wie arme Frauen, eine Bewegung, die frauenbewusst, politisch und ökumenisch handelte und feierte. 
Ähnlich wichtig wie in meiner ersten Frauengruppe vor fast 20 Jahren sind für mich auch heute als Gemeindereferentin die (religiösen und spirituellen) Erfahrungen von und der Austausch mit (Kirchen-)Frauen heute und in der Geschichte. In den Colleges der USA ist das teilweise in den women studies institutionalisiert, in meinem Studium und Beruf ist das meist eine extra Arbeit, aber eine lohnende. Es war für mich ermutigend zu entdecken, dass schon die Heilige Klara sich um eine fraueneinschließende Sprache mühte, Frauen in der Kirchengeschichte immer wieder um ihre Berufung in der Kirche gerungen haben und neue Lebensformen miteinander praktiziert haben. Ich bin überzeugt davon, dass der Titel eines Buches „Ohne Wurzeln keine Flügel“ für uns Frauen in der Kirche auch eine ganz wesentliche Bedeutung hat.
In meiner Gemeinde feiern wir neben den Gemeindegottesdiensten auch Frauengottesdienste, die einmal still, dann auch wieder bewegt und sinnlich sind. Es sind vor allem Frauen, die wie ich zum meditativen Tanzen, Körpergebet und Kontemplation kommen.

Mit den Kindern, aber auch für mich selbst, bete ich oft singend. Ich glaube, dass die Melodie stärker auf das Herz und das Unbewuss-te wirkt. Für mich selbst nehme ich mir immer wieder abends Zeit, meine Gedanken und Gefühle, Druck und Enttäuschung, aber auch Freude und Dank im Singen vor Gott zu tragen. Oft ist mein Beten auch wort-los, ich versuche einfach in der Gegenwart Gottes zu sein.

Die Bibel - das Buch
Immer noch und immer wieder neu ist die Bibel eine Quelle der Inspiration und des Glaubens für mich. Im Religionsunterricht trage ich das vielleicht am meisten nach außen. Hilfreich und nährend ist es, mit anderen zusammen der Botschaft der Bibel nachzuspüren, sie ins eigene Leben zu übertragen. Sechs Jahre lang haben wir wöchentlich in einem Schülergottesdienstteam gemeinsam die Schrift meditiert, gedeutet, auch ins Leben der Kinder übertragen und durch Symbole, Rollenspiel und Musik lebendig werden lassen.
Ein Höhepunkt für mich persönlich und für meine Arbeit ist es, wenn ich mir einen biblischen Text für die Verkündigung im Gottesdienst erarbeite. Das Evangelium begleitet mich dann durch die Woche, ich versuche es auch aus der Perspektive der Gemeinde zu hören und zu sehen, bin gespannt, was die Exegese ergibt und wie Gott sich mir in dem Text zeigt, mitteilt. Wenn ich einen Gottesdienst mitgestalte, erlebe ich die Liturgie sehr viel intensiver, ist der ganze Gottesdienst für mich wie ein Gebet. Diese Erfahrung ist mir sehr wertvoll, daher ist es mir auch immer ein großes Anliegen, Kinder und Erwachsene in die Gestaltung der Liturgie mit einzubeziehen und auch eigene Gottesdienste mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu gestalten und feiern.
Lange schon begleitet mich der Satz: Zur Freiheit hat euch Christus befreit. Ich glaube, dass die Bibel mir immer wieder Mut gemacht hat, etwas zu wagen, die Freiheit, die uns zugesagt ist, ernst zu nehmen im persönlichen Leben, aber auch als Christin in der Kirche und Welt von heute.

Einfach Mensch sein
In meinem Alltag versuche ich sozial und ökologisch bewusst zu leben. Ich fahre viel Bus und komme da ins Gespräch mit den Menschen. Ich versuche gut wahrzunehmen, was in meiner Gemeinde, bei meinen Schülerinnen und Schülern, aber auch bei mir persönlich ansteht. Das, was ich persönlich erfahre und erlebe, hat für mich auch immer etwas mit meinem Glauben zu tun und fließt oft in die Gemeindearbeit und den Religionsunterricht ein. Umgekehrt ist natürlich auch das, was ich in der Gemeinde erfahre und wahrnehme, wichtig für mein Leben, auch das, wo ich angefragt und vielleicht auch hinterfragt werde.

In den Exerzitien habe ich deutlich gespürt, dass ich neben der Gemeindearbeit auch meine eigenen Frei-, Spiel- und Glaubensräume brauche. Ganz wichtig sind mir da Zeiten der Stille und der Meditation. Immer wieder versuche ich mir Zeit zu nehmen für die Natur, für Bewegung, Kreativität und Freundschaft. Dann kann ich mich anders wieder der Gemeinde zuwenden und werde unabhängiger vom Tagesgeschehen und den kleinen Schwierigkeiten des Alltags.