Pastoralreferentin Ursula Schell geistliche Leiterin im BDKJ Augsburg:

Spiritualität zwischen Mystik und Politik

Wegbereiter: Kürzlich las ich eine Schlagzeile: „Beten boomt“. Spüren Sie in den Jugendverbänden etwas davon?
Ursula Schell:
Als wir vor einiger Zeit in der BDKJ-Diözesanversammlung eine Zukunftswerkstatt machten, haben sich vier Schwerpunkte herauskristallisiert, an denen wir jetzt arbeiten, einer davon ist Spiritualität. 

WB: Was bedeutet für Sie Spiritualität?
Ursula Schell: Für mich persönlich bedeutet es, verwurzelt zu sein in Gott, im Glauben, und daraus gestaltet sich dann auch so etwas wie politisches Engagement, Engagement in der Gemeinschaft. Das hängt für mich ganz eng zusammen; von meinen spirituellen Vorstellungen her muss z.B. Jugendlichen eine Lebenschance eröffnet werden. Von daher verbindet sich das auch gut, was wir an politischer Arbeit machen und was hier mein spiritueller Auftrag ist.

WB: Ihnen ist also der Grundsatz wichtig, der schon vor Jahren formuliert worden ist: Je mystischer wir Christen sind, um so politischer werden wir sein.
Ursula Schell: Ja.

WB: Welche Rolle spielt das Religiöse im engeren Sinn in den Jugendverbänden? 
Ursula Schell: Die Jugendlichen bemühen sich, manchmal unter ganz schwierigen Bedingungen, sich in Gemeinden einzubringen, also z.B. mit Pfarrern, die teilweise 80 Jahre alt sind und die die Jugendlichen nicht mehr integrieren können, zusammenzuarbeiten. Sie werden vor Ort oft auch überhaupt nicht begleitet. Es sind nur sehr wenige Priester, die geistliche Begleitung für die Gruppen wahrnehmen, aber es gibt auch wenige geistliche Begleiterinnen in den Gemeinden. Das soll kein Vorwurf sein, viele Verantwortliche sind einfach überlastet, aber da wundert es mich oft, was die Jugendlichen doch alles machen und vorwärts bringen. Da muss noch viel an kirchlicher Verbundenheit da sein. Es tut mir oft wahnsinnig leid, wenn ich mitbekomme, wie wenig Wertschätzung die jungen Leute für ihren Einsatz manchmal bekommen, z.B. wenn ein Gruppe sich lange um einen Erntedankteppich bemüht, der dann nicht recht ist, weil die Abmessungen zu groß sind.

 WB: Früher war geistliche Leitung Sache des Priesters, heute können auch Laien diese Aufgabe übernehmen. Ist es schon selbstverständlich, dass Sie als Frau das machen?
Ursula Schell: Ich wurde 1995 gewählt und war damals in Deutschland die erste Frau in diesem Amt auf dieser BDKJ-Ebene. Von den Jugendlichen war das ja sehr gewünscht, dass auch die geistliche Leitung paritätisch mit einem Mann, d.h. einem Priester, und einer Frau besetzt wird. Am Anfang wurde ich mit sehr hohen Erwartungen konfrontiert vor allem in der Öffentlichkeit, dass Kirche sich jetzt zum Positiven verändert. In vielen Bereichen habe ich allerdings den Eindruck, dass das Amt einfach nicht vorgesehen ist. So ist etwa bei großen Festgottesdiensten immer die Frage, was man jetzt mit mir macht? Da besteht nirgends eine böse Absicht, aber es ist einfach kein Platz für mich vorgesehen. 

WB: Sind Sie in ihrer geistlichen Kompetenz anerkannt?
Ursula Schell: Ja, das schon, auch von der Diözesanleitung, da sehe ich keine Probleme. Bei den Jugendlichen empfinde ich es angenehm, dass sie von mir das Geistliche nicht von Amts wegen erwarten, wie das etwa bei einem Priester oder einer Ordensfrau eher der Fall wäre, sondern dass sie da einfach mich persönlich in meiner Spiritualität sehen. 

Mir selbst ist es ein Anliegen, verschiedene Anlässe auch in ihrer religiösen Bedeutung herauszuheben, etwa wenn jemand neu gewählt oder verabschiedet wird. Da habe ich mich in den letzten Jahren sehr bemüht, dass z.B. gute Wünsche auch in einen Segen einmünden. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass sich da jemand wählen lässt und 20 Stunden in der Woche ehrenamtlich tätig ist, das braucht auch eine kirchliche Wertschätzung, auch die Erfahrung, dass das auch von der Spiritualität her wertvoll ist, einfach gesagt, dass Gott sie begleitet, dass es gut ist, was sie machen, dass sie beschützt und gesegnet sind. Da habe ich u.a. einen israelischen Segenstanz, bei dem man den Teilnehmern Segen „zuschaufeln“ kann. Das erlebe ich oft, dass diese Formen sehr positiv aufgenommen werden. 

WB: Sie sind ja im Besondern für Mädchen und Frauen zuständig, wie zeigt sich das beim Thema Spiritualität?
Ursula Schell: Wichtig sind mir da biblische Frauengestalten, ich mache auch bewusst, was wir für Bilder benutzen: etwa für Gott, sind es Bilder, die Frauen ausschließen oder einschließen? Ich wähle auch nicht gern moderne Lieder, wo immer von den Herren und Herrschern die Rede ist, damit habe ich auch selber immer mehr Schwierigkeiten, weil ich das Gefühl habe, dass dieses Reden und Denken gar nicht wachstumsfördernd ist, es geht dann immer von oben nach unten. Aber diese Überlegungen werden auch von den Männern gern aufgenommen, weil sie mit diesen Bildern oft die gleichen Probleme haben. Wert lege ich auch auf Symbolhandlungen, wo man auch etwas sieht, etwas spürt, was ausdrückt, wo man jemanden salbt oder die Hand auflegt, den „Rücken stärkt“, einfach Formen, bei denen körperlich etwas erfahrbar wird. Und auch allein meine Anwesenheit in diesem Dienst wirkt für sich, denn es sind kaum Frauen im kirchlichen Bereich auf dieser Leitungsebene erlebbar, da gibt es schlichtweg keine Frauen. 

WB: Empfinden Sie es als beruflichen Fortschritt, als Pastoralreferentin von der Gemeinde in die Leitung des BDKJ überzuwechseln?
Ursula Schell: Ich war auch sehr gern in der Gemeinde, wo ich auch schon vornehmlich mit Multiplikatoren gearbeitet habe. Von daher sind die Unterschiede nicht so groß. Hier allerdings kann ich auch Rahmenbedingungen mitgestalten für das Ganze, das finde ich interessant. Andererseits ist es auch wieder anstrengender, weil es manchmal auch um Kompetenzgerangel geht, das hat man vor Ort nicht. 

WB: Sie haben Familie, zwei Kinder im Alter von acht und zehn Jahren. Wie bringen Sie Familie und Beruf unter einen Hut?
Ursula Schell: Die Kinder haben ja auch einen Vater und der muss da natürlich auch mit ran. Mein Mann ist Richter, d.h. er hat seine Sitzungstage, da kann ich ihn vergessen, an andern Tagen aber ist es ihm frei gestellt, wann und wo er seine Akten bearbeitet. Wir machen jeden Sonntag einen Wochenplan, wer wann wo erscheinen muss. Und wir helfen uns auch in der Nachbarschaft immer wieder gegenseitig aus.
WB: Welche Erfahrungen machen Sie im privaten Bereich mit Ihrem kirchlichen Beruf?
Ursula Schell: In jeder Juristenfeier meines Mannes komme ich in Gespräche über die Unfehlbarkeit, über den Zölibat, die Erbsündenlehre oder dergleichen. Da geht es mir nicht anders als einem Pfarrer, da bin ich einfach auch Vertreterin der Kirche. Manchmal ärgert mich das, weil ich auch einmal an einem Abend einfach gemütlich da sein möchte, aber manchmal gibt es auch ganz interessante Gespräche mit Leuten, die sonst mit Kirche nichts am Hut haben.