Wissenschaftlich durchleuchtet

So geht Berufswahl

Zur Weiterentwicklung dieser Zeitschrift WEGBEREITER wandte sich die Redaktion auch an die Medien-Dienstleistungsgesellschaft (MDG) in München, eine Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz. Im Rahmen dieses Beratungsprozesses erarbeitete das Marktforschungsinstitut XIT in Nürnberg ein Papier zur Frage, wie denn die Entscheidung zur Berufswahl bei jungen Menschen abläuft. P. Werder stellt die Studie vor.
"Berufsfindung" statt "Berufswahl"
Man geht inzwischen nicht mehr davon aus, daß Jugendliche ihre Berufswahl vorwiegend rational treffen. Dies vor allem deshalb, weil sie in vielen Fällen nicht über ausreichende Informationen über Berufe verfügen, sie wachsen in einer Art "beruflichem Niemandsland" auf. Sofern doch Kenntnisse über bestimmte Berufe vorliegen, sind diese in der Regel nicht systematisch erworben, sondern beruhen auf den Zufälligkeiten des Alltags: Jugendliche kennen meist nur Berufe, die in ihrem sozialen Umfeld vorkommen. Informationen der Berufsberatung oder anderer Stellen kommen häufig nicht richtig an sie heran, weil das Interesse und die Aufnahmebereitschaft für die Thematik nicht vorhanden sind. Diese (häufig beklagte) Interesselosigkeit von Jugendlichen ist auch darauf zurückzuführen, daß Berufswahl für Jugendliche eine Aufgabe darstellt, die von außen an sie herangetragen wird, häufig in einer Lebensphase, in der die meisten von ihnen mit anderen Problemen des Erwachsenwerdens beschäftigt sind.
Als bedeutsam schätzen Jugendliche hingegen erste eigene berufliche Erfahrungen ein, sei es im Rahmen eines Betriebspraktikums oder eines Ferienjobs. Daneben erhält man hilfreiche Anregungen insbesondere im familiären (Eltern/Verwandte) und sozialen (Freunde/Bekannte) Umfeld. Empirische Erhebungen weisen darauf hin, daß die wichtigsten Ansprechpartner im Prozeß der Berufsfindung die Eltern sind. Dabei können Eltern als Vorbild dienen, ein Berufsziel kann aber gerade auch in Abgrenzung zu den Eltern angestrebt werden. Die Anregung der Schule liegt vor allem in der Förderung von Interessen durch den Fachunterricht: fast alle Schüler können Lieblingsfächer nennen und ein Großteil möchte diese Fächer später auch beruflich verwerten.
Berufsfindung – ein langer Prozeß
Berufsfindung beginnt schon sehr früh: immerhin 84% der 6 bis 8jährigen haben schon Vorstellungen über ihren künftigen Traumberuf. Der eigentliche Prozeß der "Berufsfindung" beginnt dann zwischen dem 9. und 11. Lebensjahr mit der Wahl der weiterführenden Schule. Im Laufe des Prozesses werden immer wieder Festlegungen getroffen, die sich unmittelbar auf die spätere Berufswahl auswirken, z.B. mit der Wahl des Schulabschlusses, der Fächerwahl, der Zusatzqualifikationen etc..Das Bildungs- und Berufswahlverhalten Jugendlicher hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: der allgemeine Trend zu höheren Schulabschlüssen hat zur Folge, daß mehr Jugendliche als früher das Bildungssystem zu einem späteren Zeitpunkt verlassen (dies geschieht häufig auch zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit) und die Berufswahl somit zeitlich hinausgeschoben wird. Immer häufiger kommt es vor, daß eine einmal getroffene Entscheidung für einen Beruf keinen endgültigen Charakter hat, sondern von vielen Jugendlichen wiederholt überprüft und auch geändert wird. Diese Entwicklung entspricht einem erhöhten Weiterbildungsbedarf in einer komplexer werdenden Arbeitswelt und der Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen.
Da die Bildungs- und Berufswahl eingebunden ist in die allgemeinen Lebensentwürfe und Zukunftsplanungen junger Menschen, sind es vor allem die individuellen Wertorientierungen und Einstellungen, die die Berufswahl bestimmen. Das heißt, neben den zu erwartenden Sicherheitsaspekten der Berufstätigkeit sind auch inhaltliche und soziale Ansprüche von Bedeutung wie Spaß an der Arbeit, persönliche Interessen und Neigungen, Umgang mit Menschen, der Wunsch etwas Nützliches zu tun etc.
Berufseinstieg
Was wir gemeinhin als "Berufswahl" bezeichnen, stellt sich dann vor allem als Planung und Gestaltung des Berufseinstiegs dar. In dieser Phase stellt der Jugendliche konkrete Fragen. Zu ihrer Beantwortung sind für ihn das Arbeitsamt und andere Angebote der Berufsberatung wichtiger als Eltern, Freunde und Bekannte oder die Schule. Zu diesem Zeitpunkt können auch verschiedene Medien eine begleitende oder ergänzende Funktion erhalten.