Wer bin ich?

Identitätsfindung ist eine Lebensaufgabe. Dr. phil. Otto Zsok, Psychotherapeut und Dozent am Süddeutschen Institut für Logotherapie, Fürstenfeldbruck, beschreibt, was für die Selbstfindung wesentlich ist.
Bei dieser Frage wird jeder spontan antworten: Natürlich bin ich ein Mensch, nämlich ein junger Mann oder eine junge Frau. Meine Eltern sind X und Y; meine Geburtszeit und mein Geburtsort lassen sich genau angeben. Also, ich bin dieser konkrete junge Mensch, 19 oder 24 Jahre alt, ein Europäer usw. Ist damit die eigentliche Frage – wer bin ich? – wirklich beantwortet? Eine erste Annäherung an die Frage nach der Identität lautet: Es gibt eine geschlechtliche, eine berufliche, eine politische und eine weltanschauliche (religiöse) Identität. Es ist wichtig zu wissen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Zum Mann, zur Frau werde ich in der Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht. Das schließt die Fähigkeit ein, Emotionen und Gefühle authentisch leben und sie lebensfördernd formen zu können, außerdem die Liebesfähigkeit (Verzichtenkönnen und Hingabe), sowie das Verantwortungsbewußtsein.

Die berufliche Identität wird entdeckt, indem der Heranwachsende mit seinen Kräften und Fähigkeiten am Arbeitsprozeß in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft teilnimmt. Oft ist eine Phase des längeren Experimentierens nötig, bis jemand weiß: Ich bin ein Handwerker, ein Lehrer, ein Kaufmann, ein Sozialarbeiter, ein Techniker, ein Seelsorger usw. Es ist wichtig zu wissen, wohin ich beruflich gehöre. Dadurch erst kann ich etwas Sinnvolles in dieser Welt, für diese Welt und für mich selbst tun.

Die politische Identität entdeckt man, indem man sich Partei-Perspektiven anschaut. Ist es gleichwertig, ob jemand sich dem Rechtsextremismus oder einer Politik der Mitte verschreibt? Es ist wichtig zu wissen, welche politische Identität ich habe.

Die weltanschauliche oder religiöse Identität beantwortet die Frage: Woher komme ich letztendlich, wohin gehe ich? Bin ich Zufallsprodukt der Evolution oder ur-gewollt und ur-bejaht? Was ist meine letzte Wirklichkeit und Identität als Mensch?
Wichtig ist zu unterscheiden: Ich ist nicht Ego. Was wir Menschen gewöhnlich mit "Ich" bezeichnen, ist nur ein Teil von uns: oft nur eine Maske, eine Rolle, eine Funktion, die man lieber als "Ego" bezeichnet. Es gehört zu meiner tiefsten Überzeugung, daß das Ich eine geistige Person ist, die meine köperlich-psychische und soziale Existenz überragt. Dieses Ich ist ein Original: ein
Geistesfunke aus Gott.
Dieses Ich kann ich kennenlernen, wenn ich nach dem Sinn gerade meines Lebens frage. Diesen Sinn kann sich niemand selber geben, er kommt uns – in Lebenszusammenhängen – von Gott zu. Je mehr jemand den Sinn seines Lebens entdeckt, indem er sich der Welt um ihrer selbst Willen zuwendet, umso mehr entdeckt er seine Einmaligkeit, seine eigentliche und tiefste Identität.